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08/02/2019 16:44 CET | Aktualisiert 11/02/2019 19:24 CET

Münster feiert diesen untalentierten Straßenmusiker – das ist seine Geschichte

"Meine Musik macht die Menschen in Münster glücklich", sagt der "Oh-my-darling-Mann".

Rajah Rajasingham zückt seine Rasseln in der Innenstadt von Münster, holt tief Luft und reißt den Mund auf wie ein Karpfen. Die Laute, die daraus hervorkommen, beschreiben manche Münsteraner als das Schrecklichste, was sie je gehört haben. Trotzdem oder gerade deshalb lieben es viele, wenn Rajah singt.

Genau genommen ist es ein markerschütternder Sprechgesang, der durch Münsters Innenstadt schallt wie die Rufe eines Marktschreiers. “Oh my daaaarling. Oh my daaarling. Oh my daaarling, Clementine.“ Drei Worte und ein Name sind es, mehr nicht. Seit Jahren wiederholt er sie, immer und immer wieder. Es ist ein Liebeslied, sagt Rajah.

Wenn der Straßenmusiker, 59, dunkle Haut, ein Strohhut auf dem Kopf und einen Klapptisch unter dem Arm, zu seinem Arbeitsplatz stampft, gibt es kaum jemanden, der ihn nicht begrüßt.

Der Wurstbudenverkäufer lächelt ihn an. Eine Frau mit roten Locken ruft “Oh my darling!“ über die Straße und winkt ihm zu. Jugendliche stoßen sich mit den Ellenbogen an und raunen “Der Oh-my-darling-Mann“.

Rajah ist einer dieser Menschen, den jeder in einer Stadt zu kennen glaubt. Dieser Mensch, der ein bisschen anders ist, aber immer an der gleichen Stelle steht. Der skurril ist, aber nicht gefährlich. Der dazu gehört und trotzdem Außenseiter ist. Die Geschichte dieser Menschen kennt oft niemand. Warum sie geworden sind, wie sie sind, scheint nicht so interessant, wie die Tatsache, dass sie – mit einem nachsichtigen Lachen dürfen es die Bürger doch sagen, nicht wahr – offensichtlich Verrückte sind.

Dass Rajah aus Sri Lanka geflohen ist, viele Jahre alkoholabhängig war und einmal fast verbrannt ist – davon wissen die meisten Münsteraner nichts. 

Das Ordnungsamt nahm Rajah seine Trommeln

Meistens steht Rajah mit seinen Rasseln in der Hand vor dem Hauptbahnhof Münster. Da, wo die Touristen weiter in Richtung Innenstadt ziehen. Sein Gesang ist eine schöne Begrüßung für die Besucher, glaubt er. “Meine Musik macht glücklich.”

Das Ordnungsamt glaubt das eher nicht. Sie haben ihm seine Trommeln weggenommen. Also hat Rajah sich Rasseln gekauft. Den manchmal leicht verstörten Blicken nach zu urteilen sind es wohl tatsächlich die Touristen, die sein Gesang am meisten stört. Sie kennen Rajah noch nicht, wissen nicht, dass er in Münster eine Art Institution ist.

“Cool“, oder “witzig“ sind Wörter, die in Münster über den “Oh-my-darling-Mann“ fallen. So nennen sie ihn hier, weil kaum jemand seinen Namen kennt. Unter den jüngeren Münsteranern ist er auch als “Rassel-Kalle” bekannt. “Die Legende besagt, dass niemand seinen Bachelor hier absolvieren darf, ohne Rassel-Kalle 0,05 Prozent seines Bruttoeinkommens abgegeben zu haben”, erzählt eine Studentin aus Münster. 

“Er weiß ja nicht, dass er nicht singen kann“, betonen andere Münsteraner, als müssten sie ihren Straßenmusiker verteidigen.

“Ich kann singen“, sagt Rajah. Es klingt verständnislos. “Ich singe doch den ganzen Tag.“

Einmal wurde er zusammengeschlagen

Rajahs Deutsch ist schlecht. Er ist nur mit Mühe zu verstehen. Einerseits, weil er 1985 vor dem Krieg von Sri Lanka nach Deutschland geflohen ist und seitdem nie richtig Deutsch gelernt hat. Andererseits, weil er keine Zähne mehr hat. Er zeigt mit einem Finger auf sich, unter dem Nagel hat sich schwarzer Dreck angesammelt. “Berühmt. Gefällt mir.“

 

Rajah glaubt an sein Talent. Aber nicht nur das Ordnungsamt hat etwas an seinem Gesang auszusetzen. Jugendliche haben ihn vor zwei Jahren im Fahrradtunnel zusammengeschlagen. “Einer hat mich geschlagen. Drei haben zugeguckt”, sagt Rajah. “Es war 16 Uhr.” Passanten haben ihn gerettet.

“Angst”, sagt er. In seiner Stimme schwingt sie mit. Schon am nächsten Morgen stand Rajah wieder im Tunnel und hat gesungen.

Seine Erklärung: “Weitermachen. Trotz Angst.”

Seinen Standort hat er nach einiger Zeit trotzdem gewechselt. Um Punkt neun baut er jetzt in der Nähe zum Bahnhof seinen Arbeitsplatz auf. “Normale Büro-Zeiten“, sagt er. “Neun bis sechs.“ Rajahs Büro besteht aus einem Klapptisch gegenüber der Sparkasse. Darauf stellt er einen leeren Kaffeebecher für seinen Verdienst. Wenn er singt, steht er. “Dann klingt es noch besser.”

In Deutschland begann Rajah als Tellerwäscher

Um Punkt 12.30 Uhr macht er Pause und isst Kartoffeln für einen Euro in der Kantine der LWL-Klinik. “Er hat eine schwere Zeit hinter sich“, erzählt ein Streetworker, der Rajah eine Zeit lang betreut hat. “Es ist toll, dass er es da raus geschafft hat, einen Tagesablauf hat und jetzt so viel singt. Ich wünschte, es würde sich niemand über ihn lustig machen.“

Was Rajah passiert ist, müsse Rajah selbst erzählen, dazu habe er nicht das Recht. Rajah lächelt zahnlos. “Freunde“, sagt er. “Streetworker. Beste Freunde.“ Er will erzählen, was passiert ist. “Ist vorbei jetzt“, sagt er. “Leute können wissen.“

Er war lange alkoholabhängig. Wie es soweit kommen konnte, das weiß er selbst nicht so genau. “Ist viel passiert“, sagt er. “Krieg in Sri Lanka.“ Das ist alles, was Rajah zu dem Krieg sagt. Ob es an seinem Deutsch liegt oder er nicht darüber sprechen möchte – vermutlich beides.

Als er als Flüchtling nach Deutschland kam, begann Rajah als Tellerwäscher an einer Autobahnraststätte zu arbeiten. “Hätte ich für immer gemacht“, sagt er. “Warum nicht. Menschen waren nett. War gute Arbeit.“

Trotzdem wurde ihm gekündigt und Rajah begann, sich mit 1-Euro-Jobs durchzuschlagen. Als Toilettenmann kündigte er, weil er seinen Chef nicht mochte. “Der hat mein Trinkgeld genommen, für sich“, sagt er. Das wollte Rajah nicht akzeptieren. Da sammelte er lieber mit der Zange Müll für die Stadt auf.

Sein einziger Freund: ein trockener Alkoholiker 

Einen Job fand er immer, aber seine Tage füllten diese nicht aus und sein Leben erst recht nicht. Er kam alleine nach Deutschland, keine Frau, keine Kinder. Nur einmal hatte er eine Freundin, aber sie zog weg und Rajah war wieder allein.

Er begann zu trinken. Um nicht alleine zu sein, setzte er sich auf eine Bank in der Stadt. So traf er Bernd, der eigentlich anders heißt. Sie kennen sich seit 12 Jahren. “Vom Trinken halt. Auf der Straße lernt man sich schnell kennen” sagt Bernd, 58, graue Halbglatze, ebenfalls trockener Alkoholiker.

“Ich bin seit fünf Jahren trocken“, sagt er. “Und ich sags wies is’, ich bin da verdammt stolz drauf. Das ist echt hart. Und jeder, der das schafft, so wie ich und so wie Rajah, der hat verdammt noch mal den größten Respekt verdient.“

Das Problem bei ihm sei, sagt Bernd, dass er bei Stress rückfällig werde. Stress war es auch, der ihn in die Alkoholabhängigkeit geführt hat. Zehn Jahre arbeitete er als Elektromechaniker in einem Betrieb, dann ging es nicht mehr.

“Wenn ich Stress in der Arbeit hatte, habe ich getrunken. Wenn ich Stress mit dem Chef hatte, habe ich getrunken. Irgendwann habe ich so viel getrunken, dass ich mich krankmelden musste, um nicht besoffen zur Arbeit zu kommen.

Das Lied, das Rajah singt, ist von Freddy Quinn 

Wegen der vielen Fehltage verlor Bernd seinen Job. Jetzt hatte er eine andere Art von Stress, die seine Sucht noch schlimmer werden ließ. Er landete auf der Straße, lernte Rajah kennen, dem es ähnlich ging.

“Er findet schlecht Arbeit, genau wie ich. Und was soll er zuhause rumsitzen. Ich finds gut, dass er singt. Wenn er nicht hier wäre, würde was fehlen.“ Bernd sieht seinen Freund Rajah an, als würde er ihn bewundern für seinen schiefen Gesang.

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Jeden Tag von neun bis sechs Uhr zückt Rajah die Rasseln in der Innenstadt von Münster.

Manchmal, in seltenen Fällen, singe Rajah auch andere Lieder als “Oh my darling”, erzählt Bernd. In der Obdachlosenhilfe haben sie ihm “An der Nordseeküste” beigebracht. Leider vergesse er immer den Text.

Auch die große Frage, die sich einige Münsteraner stellen, kann Bernd beantworten: Welches Lied Rajah da jeden Tag zum Besten gibt.

“Freddy Quinn natürlich”, sagt Bernd. “Oh my darling Clementine.” Er schaltet das Lied auf YouTube an seinem Handy an und hält es Rajah ans Ohr. Die Ähnlichkeit ist nicht direkt erkennbar. Selbst Rajah sieht ratlos aus. “Nein nein, Bernd, das nicht das Lied!”

Dann aber breitet sich ganz langsam ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. Er lacht zum ersten Mal. Es ist kein richtiges Lachen, eher ein leises “M-hmmm“, ganz anders als sein ohrenbetäubender Sprechgesang. “Ja, das mein Lied”, sagt er. “Mein Lieblingslied.”

Keine Clementine mehr in seinem Leben 

Eine Clementine gibt es nicht in Rajahs Leben. Aber seine Freundin, die weggezogen ist, die vermisse er sehr. Mittlerweile lebt Rajah in einer betreuten Wohngruppe. “Das ist besser für ihn“, sagt Bernd. “Einmal hat er sich fast abgefackelt.“

Rajah war mit einer noch brennenden Zigarette in der Hand eingeschlafen. Seine Wohnung brannte ab, Rajah überlebte, aber trug ein Trauma davon. Auch deshalb wohnt er jetzt in der Wohngruppe der LWL-Klinik in Münster.

Dort hat Rajah sein eigenes Zimmer. Blaue Vorhänge, ein grauer Fußboden wie in einer Turnhalle, ein Bett, ein Tisch, ein Kühlschrank, eine Kommode mit Fernseher. Den Fernseher hat Bernd ihm geschenkt. Auf dem Tisch steht eine aufgerissene Cornflakes-Packung, der Kühlschrank ist übersät von Toastbrot-Krümeln. Daneben liegt ein Gebiss.

Rajah lebt gerne hier. Am besten gefällt ihm, dass im Sommer alle zusammen grillen und es Sonntags Kuchen gibt. An den Wänden im Flur hängen eingerahmte Puzzle von Pferden und Katzen. Auf Rajahs Kommode liegt ein riesiger Haufen Kupfermünzen. Nur die 10-Cent und 50-Cent-Stücke hat er zu hohen Türmchen aufgeschichtet. Insgesamt habe er schon 1000 Euro gespart. Damit er die nicht ausgibt, hat er sie seiner Sozialarbeiterin zur Aufbewahrung gegeben.

Von dem Geld will er seine Familie besuchen 

Rajah ist Frührentner und verdient durch das Singen zusätzlich etwa 20 Euro am Tag. Samstags sind es 50 Euro, sagt er stolz.

Der Straßenmusiker spart all sein Geld, um seine Familie zu besuchen. Seine Geschwister sind über die ganze Welt verteilt. Einer seiner Brüder lebt als Buchhalter in Australien, ein anderer als Reinigungskraft in Frankreich. Seine Schwester arbeitet in Kanada in einer Fabrik. Sie hat zwei Kinder.

Er telefoniert mit jedem einmal im Monat. Gesehen hat er sie zuletzt 1985. Das ist der Grund, warum er so viel singt, auch dann weitermacht, wenn er deshalb verprügelt wird. Er will erst nach Sri Lanka fliegen und dann nach und nach all seine Geschwister besuchen. Das ist sein größter Wunsch. Neben einem Hindu-Tempel in Münster.

“Der Oh-my-darling-Mann!“, sagt ein Jugendlicher zu seinem Freund, als Rajah zurück zur Bushaltestelle geht. “Ich warte auf das erste Album“, ruft er Rajah zu. “Ich würde es auf jeden Fall kaufen. Ohne Scheiß.“

Rajah lacht wieder, ganz leise. “Jetzt glauben, oder? Menschen mögen meine Musik. Ich wusste das und habe geschafft. Mache Menschen glücklich. Bin berühmt.”