LIFESTYLE
04/07/2018 10:43 CEST | Aktualisiert 22/11/2018 09:00 CET

Münchnerin: In den USA habe ich gemerkt, was uns Deutschen fehlt

In alltäglichen Situationen wurde es mir besonders bewusst.

Oben im Video: Das sind die kuriosesten Vorurteile gegenüber Deutschen.

Vor zwei Wochen bin ich das erste Mal in die USA gereist. Insgesamt werde ich sechs Wochen dort verbringen. 

► Schon nach wenigen Tagen in den Staaten stellte ich fest, dass die stereotypische Liste der Charaktereigenschaften der Deutschen (pünktlich, diszipliniert, humorlos, Bierliebhaber) um einen wesentlichen Punkt ergänzt werden kann: Wir Deutschen sind unfreundlich. Zumindest verglichen mit den US-Amerikanern, so wie ich sie erlebt habe.

Das zeigt auch eine Statistik des Online-Reiseportals “Skyscanner.com”, wie das amerikanische Magazin “Forbes” schreibt.

► Demnach sind wir Deutschen nach der Meinung von über 1200 Befragten aus der ganzen Welt in den Top 5 der unfreundlichsten Nationen für Reisende weltweit.

Das unfreundlichste Land laut der Statistik ist Frankreich, dicht gefolgt von Russland und Großbritannien. Amerika belegt den siebten Platz. 

Mehr zum Thema: Die Wahrheit – Das denken Griechen wirklich über Deutsche

In den Top 5 der unfreundlichsten Länder

Oft genug kam es in den vergangenen Tagen vor, dass ich vollkommen verloren inmitten einer amerikanischen Großstadt stand.

Mit zwei schweren Koffern und einem Rucksack, ohne Internet und nur mit einem Stadtplan bewaffnet, versuchte ich, den Weg zu meiner Unterkunft zu finden. Das riesengroße Fragezeichen war mir förmlich ins Gesicht geschrieben. 

Doch kein einziges Mal dauerte es länger als drei Minuten, bis jemand zu mir kam und mich fragte: “You seem to be lost. Can I help you?”, zu deutsch: “Du scheinst dich hier nicht auszukennen. Kann ich dir helfen?”

► In all den Städten, die ich bisher in Amerika besuchte, dauerte es nur wenige Minuten, bis jemand meine Situation erkannte und mir unaufgefordert seine Hilfe anbot. Inklusive einem Lächeln.

Es sind die alltäglichen Situationen, die mir klar gemacht haben, was für ein unfreundliches Land Deutschland doch ist.

“Hi, how are you doing?”

Egal welchen Laden, welches Restaurant oder welches Geschäft ich in den USA betrete: Jedes Mal werde ich mit einem freundlichen “Hi, how are you doing?” begrüßt. “Hi, wie geht es dir?”

Klar, alles nur oberflächlich, könnte man jetzt einwenden, so sagt man es ja schließlich auch über die Amerikaner.

Doch selbst wenn ich das Geschäft ohne einen Kauf verlasse, werde ich immer freundlich verabschiedet und mir wird noch ein schöner Tag gewünscht. 

Selbst, wenn ich mitten auf der Straße mit jemandem zusammenstoße, höre ich eine Entschuldigung. In Deutschland kommt so etwas nicht vor.

Ganz im Gegenteil: Remple ich in einer deutschen Großstadt jemanden aus Versehen an, ernte ich einen bitterbösen Blick. Und manchmal werde ich sogar beschimpft, ich solle doch meine Augen aufmachen.

Mehr zum Thema: Vorurteile über Deutsche – so sieht die Welt uns wirklich

Ein Lachen anstatt einem bösen Blick

► Eine Situation hat mich besonders berührt und mir gezeigt, wie unterschiedlich die deutsche und amerikanische Mentalität ist. 

Ich war in der Hauptstadt Washington DC und stellte fest, dass meine Kreditkarte gesperrt wurde. Das war an einem Freitagnachmittag, in Deutschland war es zu dem Zeitpunkt schon Abend.

Jemanden vom Kundenservice zu erreichen war also nicht mehr möglich, zudem stand am nächsten Morgen mein Flug nach New York an. Im Geldbeutel hatte ich noch 10,53 Dollar.

Ich kam mit einem älteren Mann aus meiner Unterkunft ins Gespräch und erzählte ihm von meiner misslichen Lage. Ohne zu zögern holte er seinen Geldbeutel heraus und fragte, wie viel Geld ich bräuchte. 

Für diesen älteren Herren war es selbstverständlich, einer fremden Person finanziell auszuhelfen. Ohne zu wissen, ob er das Geld jemals wieder zurückbekommen würde. Ich war völlig überrascht, aber ich lehnte ab, das konnte ich nicht annehmen.

Ich kenne niemanden aus Deutschland, mich selbst eingeschlossen, der genau so selbstlos gehandelt hätte wie dieser ältere Mann. 

► Ich für meinen Teil habe mir deshalb vorgenommen, die amerikanische Freundlichkeit mit nach Deutschland zu nehmen. Mehr Aufmerksamkeit und Hilfsbereitschaft gegenüber meiner Umgebung kann nicht schaden. 

Am besten ich fange gleich damit an. In diesem Sinne: Hi, wie geht es dir?

(jds)