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04/10/2018 16:33 CEST | Aktualisiert 06/10/2018 12:05 CEST

Münchner Arzt: "Heilpraktiker sollte kein anerkannter Beruf mehr sein"

"Es ist absurd, dass Heilpraktiker komplexe Krankheiten wie Krebs behandeln dürfen."

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Einige Heilpraktiker setzen die Gesundheit ihrer Patienten aufs Spiel. 

Vor drei Monaten kam eine junge Mutter in die Münchner Praxis des Endikronologen Harald Schneider. Der Arzt, der für Drüsen zuständig ist, erschrak, als er die Schilddrüse der jungen Frau untersuchte. Darin hatte sich ein sieben Zentimeter großer sogenannter kalter Knoten gebildet. Er empfahl ihr, sich schnell operieren zu lassen. 

Dann, vor wenigen Tagen, kam die junge Mutter erneut in die Arztpraxis. Der Knoten war noch weiter gewachsen, mittlerweile auch die Lymphknoten. Sie hatte sich nicht operieren lassen.

Der Grund: Ein Heilpraktiker hatte ihr gesagt, die Ursache des Knotens liege allein in ihrer Einstellung. 

“Ich war sprachlos”, sagt Schneider der HuffPost am Telefon. “Wann hört das endlich auf?” Seiner Stimme ist anzuhören, dass er wütend, aber vor allem besorgt ist.

“Ich finde, dass Heilpraktiker kein anerkannter Beruf sein sollte”, sagt er.

Seine Entrüstung über Heilpraktiker teilte er auf Twitter – und eröffnete damit eine Debatte. 

► Trotz aller Kritik und keinem nachgewiesenen Nutzen zahlreicher alternativer Heilmethoden, erleben Heilpraktiker gerade einen Boom. Allein in Deutschland gibt es rund 47.000 Heil­prak­ti­ker.

► Jedes Jahr machen sie rund eine Mil­li­ar­de Euro Um­satz. Etwa die Hälf­te da­von be­zah­len die Pa­ti­en­ten laut dem Bund deutscher Heilpraktiker selbst. 

► Zwi­schen 1998 und 2008 hat sich die Zahl der Heil­prak­ti­ker in Deutsch­land mehr als ver­dop­pelt. Auch Apotheken machen hun­der­te Mil­lio­nen Euro Um­satz mit dem Ver­kauf von Ho­möo­pa­thi­ka.

Aktuelle Studie: Alternativmedizin kann lebensgefährlich sein 

Wie lebensgefährlich dieser Boom der Komplementärmedizin sein kann, zeigt eine US-ame­ri­ka­ni­sche Stu­die mit einer Million untersuchten Patienten. Krebs­pa­ti­en­ten, die zu­sätz­lich Al­ter­na­tiv­me­di­zin an­wand­ten, starben im Stu­di­en­zeit­raum von zehn Jah­ren mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit. 

Immer wieder kommen oft noch junge Menschen zu Ärzten, die sich von Heilpraktikern falsch behandeln ließen und damit möglicherweise sogar ihr Leben riskierten. Das weiß Schneider auch aus Erzählungen von Kollegen.

“Ich habe acht Jahre in der Onko (Anm. der Redaktion: Onkologie, Krebsheilkunde) gearbeitet. Ich weiß nicht mehr, wie viele durchmetastasierte Heilpraktiker-Opfer ich da gesehen habe. Von der Lichttherapie für zig tausend Euro über ‘spezielle Wärmebäder’, alles dabei. Kotzen könnt ich da!”, antwortet eine Ärztin auf Schneiders Tweet. 

Warum Heilpraktiker dennoch beliebt sind, kann Schneider sogar ansatzweise verstehen. 

“Ich wünschte, es wäre anders, aber oft haben wir zu wenig Zeit für unsere Patienten”, gibt er zu. Das Gesundheitssystem würde den Ärzten viel abverlangen. Die Anzahl der Patienten sei zu hoch, die der Ärzte zu niedrig. 

“Also muss ich versuchen, mit meiner beschränkten Zeit optimal umzugehen. Ich muss mich immer hinterfragen: Habe ich genug Empathie gezeigt? Hat der Patient mich verstanden? Habe ich alles gut erklärt?”, sagt Schneider. 

Dass Heilpraktiker mehr Zeit haben als Ärzte, sieht Schneider als Vorteil. Dennoch warnt er eindringlich davor, ihnen das gleiche Vertrauen zu schenken. Doch das tun offenbar viele Patienten. Mittlerweile haben sich schon mehr als 40 Prozent der Patienten ho­möo­pa­thisch be­han­deln las­sen, wie eine Um­fra­ge des On­lin­e­por­tals Sta­tis­ta ergeben hat. Knapp 30 Pro­zent lie­ßen sich schon Aku­punk­tur­na­deln ste­chen.

“Heilpraktiker und Ärzte sind nicht vergleichbar”

Schneider will sich mit wissenschaftlich erwiesenen Fakten von den Heilpraktikern abgrenzen. “Ich gebe mir große Mühe, alles auf einer wissenschaftlich fundierten Basis zu erklären. Denn durch das Internet sind so viele Informationen in Umlauf. Die Patienten können nicht mehr zwischen richtiger Information und Fake News unterscheiden.”

Durch Heilpraktiker, befürchtet Schneider, wird sich dieses Phänomen noch weiter ausbreiten. Auch, weil sie nicht so gut ausgebildet wie Ärzte sind. 

Heilpraktiker brauchen einen Hauptschulabschluss, um zugelassen zu werden. “Der Abschlusstest besteht aus einem Multiple-Choice-Test, der minimales Basiswissen abfragt und den man mehrmals wiederholen kann”, kritisiert Schneider. 

Harald Schneider
Der Münchner Arzt Harald Schneider findet, dass der Beruf des Heilpraktikers nicht länger ein angesehener Beruf des Gesundheitssystem sein sollte. 

Ein Münchner Heilpraktiker, sieht das anders. Mit Namen möchte er nicht genannt werden – er vertraue Journalisten nicht. Den Test für Heilpraktiker bezeichnet er im Gespräch mit der HuffPost als ”äußerst schwer.”

“Die Durchfallquote ist enorm hoch. Es wird so viel Wissen auf einmal abgefragt, dass man sich kaum angemessen darauf vorbereiten kann.” Auch befreundete Ärzte von ihm hätten spaßeshalber den Test gemacht und seien durchgefallen. 

Schneider findet den Vergleich von Ärzten und Heilpraktikern nicht angemessen. “Zum Vergleich: Ich habe Abitur und sechs Jahre studiert, bis ich Assistenzarzt war. Als Assistenzarzt durfte ich nur Patienten in Zusammenarbeit mit einem Oberarzt behandeln. Meiner Meinung nach genau richtig, denn nach diesen sechs Jahren hatte ich das Gefühl: Ich weiß eigentlich noch gar nichts”, sagt er.

Der Mensch sei als biologisches System so komplex, dass es Jahre dauere, ihn wirklich zu verstehen. Die Zusatzausbildung zum Facharzt dauert deshalb weitere sechs bis acht Jahre.

Heilpraktiker: “Hinter jeder Krankheit steckt ein tieferer Sinn”

“Es ist einfach absurd, diese Ausbildung mit einem Multiple-Choice-Test gleichzusetzen, den ein Heilpraktiker absolvieren muss –  und dass dieser dann auch komplexe Krankheiten wie Krebs behandeln darf”, sagt Schneider. 

Auch das sieht der Münchner Heilpraktiker anders. Er findet: Patienten sollten sich von einem Arzt und von einem Heilpraktiker untersuchen lassen. Ärzte seien “selbstverständlich wichtig und absolut notwendig”, würden aber vieles “etwas eingeschränkt” betrachten.

► Er ist der Meinung: Hinter jeder Krankheit steckt ein tieferer Sinn. Die Seele wolle dem Körper mit einer Krankheit sagen, dass etwas nicht stimme. 

“Natürlich gibt es auch unter Heilpraktikern Scharlatane”, gibt er zu. Und fügt hinzu: “Genauso wie es unter Ärzten sehr viele Scharlatane gibt.” 

Schneider will Heilpraktikern nicht vorwerfen, dass sie nur Geld wollen, ärgert sich aber jedes Mal wieder, wenn Patienten zu ihm kommen, die mit unnötigen Therapien versorgt wurden.

Oft erlebe er es, dass Patienten abstruse Listen von ihrem Heilpraktiker dabei haben, auf denen beispielsweise die Hormone und Nährwerte in ihrem Speichel stünden.

“Der medizinische Sinn erschließt sich mir nicht”, sagt Schneider. “Dafür haben sie mehrere hundert Euro gezahlt. Damit die Heilpraktiker ihnen anschließend Therapien mit Tinkturen und Wässerchen verschreiben können, die teils sogar schaden können.”

Heikpraktiker raus aus dem Gesundheitssystem 

Ob man eher dem Heilpraktiker oder dem Arzt vertraut: Es ist mittlerweile ein Glaubenskrieg. Doch bei ernsthaften Krankheiten sollte es nicht mehr darum gehen, an was man glaubt, sondern um die professionellste Behandlung.

Schneider sieht nur eine Möglichkeit. 

“Dass sich Heilpraktiker im Gesundheitssystem etabliert haben, macht es auch für vernünftig denkende Menschen extrem schwierig, sie zu hinterfragen”, erklärt er. 

Er verlangt deshalb: “Heilpraktiker sollten nicht mehr als Leistungserbringer unseres Gesundheitssystem anerkannt werden.”

(ben)