POLITIK
15/01/2018 14:21 CET | Aktualisiert 15/01/2018 16:15 CET

Müllabfuhr geht gegen Obdachlosen vor: Jetzt diskutiert ganz Köln

Mitarbeiter der Kölner Müllabfuhr beseitigen den letzten Besitz eines Obdachlosen.

Helmut Meyer zur Capellen
Als der Obdachlose kurz sein Lager verließ, kam die Müllabfuhr.
  • Mitarbeiter der Kölner Abfallwirtschaftsbetriebe haben den letzten Besitz eines Obdachlosen einfach entsorgt
  • Der Fall ist einer von vielen, in dem Behörden auf fragliche Weise gegen Obdachlose vorgehen

Ein Schlafsack, Decken, Windlichter, Tüten und ein paar Pfandflaschen - Menschen, die auf der Straße leben, ist meist nicht viel geblieben. Doch gerade diese letzten verbleibenden Habseligkeiten sind für sie umso wichtiger, und können ihnen manchmal sogar das Leben retten.

Einem Obdachlosen in Köln wurde nun auch dieser letzte Besitz genommen. Das berichtet die “Kölnische Rundschau”.

Müllabfuhr beseitigt letzten Besitz

Seit Wochen hatte er sein Schlaflager an der zentral gelegenen Eigelstein-Torburg aufgeschlagen. Doch als er vergangene Woche kurze Zeit seine Schlafstelle verlassen hatte, rückten Mitarbeiter der Müllabfuhr an, um das Lager in seiner Abwesenheit zu räumen.

Innerhalb von Minuten verluden sie die Habseligkeiten auf ihren Pritschenwagen und fuhren davon. Als der obdachlose Mann zu seiner Schlafstelle zurückkehren wollte, war davon nichts mehr übrig.

Auf Facebook zeigten zahlreiche Kölner ihre Empörung. Als “herzlos” beurteilen die meisten das Vorgehen:

Andere wiederum sprachen die Hoffnung aus, die AWB würde Konsequenzen ziehen und für Entschädigung sorgen:

Wie ein Sprecher der Abfallwirtschaftsbetriebe (AWB) gegenüber der Kölnischen Rundschau beteuerte, habe das Vorgehen keineswegs Methode. “Mit der Stadt Köln ist abgestimmt, dass wir nur agieren, wenn es einen speziellen Auftrag gibt.“ Doch genau den gab es in dem Fall nicht.

Der Leiter der Fachstelle Wohnen, Dirk Schumacher, erklärte, es handele sich bei dem Vorgehen nicht um die neue Ordnungspolitik der Stadt: “Es ist ausdrücklich festgelegt, dass gerade im Winter keine Schlafstelle im Freien abgeräumt wird“, sagte Schumacher der “Kölnischen Rundschau”. Man wolle als Sozialamt schließlich den Menschen helfen.

Angespannte Lage für Obdachlose in Deutschland

Die Lage der rund 200 Obdachlosen in Köln ist wie in den meisten deutschen Großstädten angespannt. Zwar stellt die Stadt im Zug ihrer Winterhilfe Notunterkünfte bereit. Wie das Nachrichtenportal “Focus Online berichtete, gebe es aber dort schockierende Zustände.

Vor allem die Sanitäreinrichtungen seien teilweise versifft und allgemein in ekelerregendem Zustand. Kein Wunder also, dass einige lieber Minusgrade und Erfrierungen in Kauf nehmen, als in Gestank und Kot ihr Nachtlager aufzuschlagen.

Mehr zum Thema: Eine einfache Idee soll Obdachlosen in Berlin die Würde zurückgeben

Selbst wenn es sich bei der Aktion der Kölner Abfallwirtschaftsbetriebe um einen Fehler gehandelt haben sollte – ein übler Nachgeschmack bleibt. Denn in den vergangenen Monaten hatte es immer wieder Fälle gegeben, in denen Behörden gegen Obdachlose vorgingen.

Erst im Dezember wurde beispielsweise bekannt, dass in Frankfurt offenbar Verwarngelder von Obdachlosen kassiert werden – wie sich zeigte kein Einzelfall: Denn auch in Nürnberg werden Obdachlose bereits mit Platzverweisen gegängelt und mit Bußgeldern bestraft.

Hass und Gewalt gegen Menschen auf der Straße

Das Klima für Menschen auf der Straße scheint in Deutschland nicht nur aufgrund der winterlichen Temperaturen frostig für zu werden. Von Behörden unter Druck gesetzt, werden immer mehr Obdachlose Opfer von Hass und Gewalt.

➨ Mehr zum Thema: In Frankfurt zeigt sich, wie skrupellos die Behörden mit Obdachlosen umgehen

Nach einem Bericht der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungshilfe (BAGW) hat sich die Gewalt nicht wohnungsloser Menschen auf Wohnungslose seit 2010 mehr als verdoppelt.

Mindestens 17 Todesopfer habe es allein im Jahr 2016 durch Gewalt gegen Wohnungslose gegeben, außerdem 128 bekannt gewordene Körperverletzungen, Vergewaltigungen, Raubüberfälle und bewaffnete Drohungen.

Umso wichtiger wäre also im Kölner Fall die Aufklärung durch die Abfallwirtschaftsbetriebe darüber, was genau die Mitarbeiter zu ihrem Vorgehen bewogen hat. Denn es bleibt zu hoffen, dass es sich bei ihrem Verhalten um ein Versehen gehandelt hat, und nicht um einen neuen, bewussten Übergriff auf Menschen am Rand unserer Gesellschaft.

(tb)