POLITIK
12/04/2018 17:41 CEST | Aktualisiert 03/05/2018 10:50 CEST

Wie Stress junge Bundestagspolitiker gefährlich nah an ihre Grenzen bringt

Wer es in der deutschen Politik bis ganz nach oben schaffen will, opfert viel – oft auch seine Gesundheit.

Thomas Trutschel via Getty Images
Der CDU-Abgeordnete Philipp Amtor im Bundestag. 

Im Januar erlebte Markus Frohnmaier seine bis dato dunkelste Stunde.

Mit einem Fahrer der Bundestagsflotte raste der jüngste AfD-Abgeordnete in einer Limousine zur Berliner Charité. Diagnose: Herzinfarkt, mit nur 26 Jahren.

Frohnmaier geht es wieder so gut, wie es einem vier Monate nach einem Infarkt gehen kann.

Stress, extrem hoher Erwartungsdruck und wenig Schlaf

Aber der Schock bleibt, auch bei Abgeordneten, die nicht seiner Fraktion angehören. “Ich bin nicht seiner politischen Meinung, aber sowas wünscht man keinem”, sagt einer.

Frohnmaier ist nicht der erste junge Politiker, den eine Krankheit aus dem Berliner Politbetrieb reißt.

Ein Name, der immer fällt, wenn man mit Abgeordneten über dieses Thema spricht, ist Philipp Mißfelder.

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Mißfelder, mit Kanzlerin Merkel.

Der frühere Chef der Jungen Union galt als Ausnahmetalent und starb mit 35 Jahren an einer Lungenembolie, die Folge eines Treppensturzes.

In Erinnerung ist vielen auch der Tod von Dominic Heilig.

Der Vorstandsreferent des Linken-Fraktionschefs Dietmar Bartsch starb Ende vergangenen Jahres mit 39 Jahren an einem Herzstillstand.

Mediziner würden die Berliner Spitzenpolitik als ein Arbeitsumfeld beschreiben, das solche Krankheiten fördert.

Arbeitsfreier Sonntag für Politiker

Ständiger Stress, extrem hoher Erwartungsdruck und wenig Schlaf – nicht selten sieben Tage in der Woche. Ein Hamsterrad, das einen hohen gesundheitlichen Preis fordern kann.

Nicht ohne Grund forderte erst kürzlich Paul Ziemiak, Chef der Jungen Union, einen freien Sonntag für Politiker.

Wie gehen die Abgeordneten mit diesem Druck um? Darüber hat die HuffPost mit Jungpolitikern gesprochen.

Manche sagten uns ab aus Sorge, vor ihren Kollegen als “Schwächling” dazustehen. Wieder anderen ist das Thema “zu privat”.

Krankheits- oder gar Todesfälle wie von Philipp Mißfelder oder anderen Kollegen bewegen mich. Sie sind im enormen Maße bitter. Philipp Amthor, CDU

All das ist verständlich – und umso mutiger erscheinen diejenigen, die einem Gespräch doch zugesagt haben.

Philipp Amthor sitzt in seinem Bundestagsbüro, um über das Hamsterrad Bundestag zu reden.

Dunkelblauer Anzug, weißes Hemd, rote Krawatte: So sieht der jüngste CDU-Bundestagsabgeordnete aus, der Amthor mit 24 Jahren ist.

2017 beendete er sein Jura-Studium in Greifswald. Anschließend wechselte er in eine Wirtschaftskanzlei in Berlin und machte Wahlkampf in seinem Wahlkreis in Mecklenburg-Vorpommern. Im September dann der Einzug in den Bundestag.

Fälle wie jene von Mißfelder und anderen Kollegen bewegen ihn, er nennt sie “im enormen Maße bitter.”

Seine Grenzen kennen

Mißfelder war einer der Gründe, warum Amthor in die Junge Union ging. “Er war eine Identifikationsfigur für eine ganze Generation.”

So jemanden in einem so jungen Alter zu verlieren, sei “nicht fassbar”. Umso wichtiger sei es, seine Grenzen zu kennen.

Ich will kein Mitleid. Politik macht man nicht im Schlafwagen. Philipp Amthor, CDU

“Wenn ich merke, es geht nicht mehr, dann mache ich auch mal ruhiger.”

Aber davon kann derzeit nicht die Rede sein.

Die Sitzungswochen in Berlin bedeuten für ihn fünf Stunden Schlaf pro Tag und eine sechs Tage lange Arbeitswoche. 

Vor eins in der Nacht ist er nicht im Bett. Am nächsten Tag geht es wieder um sechs Uhr raus.

Dazwischen: Ausschüsse, Reden schreiben, Akten wälzen, Sitzungen vorbereiten, Interviews geben. Außerdem schreibt Amthor seine Dissertation.

Work-Life-Balance, geht das überhaupt?

Und trotzdem sagt Amthor: “Ich habe eine gute Work-Life-Balance.”

Seinen Ausgleich findet er bei der Familie, beim Sport. Die Trainingsschuhe haben es schon nach Berlin geschafft, warten aber noch auf ihren ersten Einsatz.

Für Amthor ist es auch Erholung, den “Cicero” oder die “FAZ” zu lesen, um auf neue politische Ideen zu kommen. Und Netflix schaut Amthor auch gerne, etwa die US-Präsidentenserien “Designated Survivor” und “House of Cards”.

Aber eben immer weniger.

Manchmal ruft seine Familie an und sagt: Schalte doch mal einen Gang zurück.

Wie hält er das Pensum aus?

“Politik macht man nicht im Schlafwagen”, sagt er.

“Wir haben hier eine Führungsaufgabe, die ich aus meiner patriotischen Überzeugung heraus wahrnehme”, sagt er. 

Jüngere Abgeordnete neigen dazu, reinzufeuern. Die Älteren haben bereits ihre Netzwerke, die Jüngeren hingegen müssen sich erst einen Namen machen. Wolfgang Gründinger, Generationenforscher

Wenn er in den Sitzungswochen morgens am Bundestag vorbeifahre und die wehende Deutschlandfahne sehe, “weiß ich, warum ich das Ganze mache”.

Deswegen wolle er auch “nicht jammern”, er mache seinen Job eben auch gerne.

Einer, der das Hamsterrad Bundestag von außen betrachtet, ist der Generationenforscher Wolfgang Gründinger.

Tinitus und kreisrunder Haarausfall

Gründinger ist 33 Jahre alt. Sein Buch “Die Alte-Säcke-Republik” machte ihn zum gefragten Talkshowgast und Experten für die jüngere Generation.

Auch er arbeitet “ultraviel, vielleicht zu viel”, wie er sagt. Seine Ärzte diagnostizierten ihm einen Tinitus und kreisrunden Haarausfall.

Über jüngere Abgeordnete sagt er aus seiner Beobachtung: Die neigen dazu, “reinzufeuern”.

“Die Älteren haben bereits ihre Netzwerke, die Jüngeren hingegen müssen sich erst einen Namen machen.”

“Die streben nach oben, die stehen unter einem größeren Druck und müssen was leisten, sonst werden sie schnell abserviert”, sagt Gründinger.

Die gesundheitlichen Folgen schienen dann erstmal als das geringere Übel und ließen sich gerade zu Beginn noch ignorieren. “Ein Teufelskreis.”

Nur mit Pillen kann ich meinen Kopf noch abschalten. Der rattert durch, egal wie erschöpft mein Körper ist.

Einen Eindruck von diesem Teufelskreis bekommt man von einer jungen Parlamentarierin, die ihren Namen nicht in diesem Artikel lesen will.  

Sie erzählt der HuffPost, dass sie oft ohne Schlafmittel nicht mehr einschlafen kann.

Nur mit Pillen könne sie ihren Kopf noch abschalten, “der rattert durch, egal wie erschöpft mein Körper ist.”

Ihren Alltag aber beschreibt sie als eine “24/7 Ausnahmesituation, immer on Alert. Gesund ist das nicht.”

Teufelskreis Drogen

Ob sie auch Drogen nimmt, um leistungsfähig zu bleiben?

Nein, sagt sie, aber “ich wäre nicht die erste hier, die es sich irgendwann doch anders überlegt.”

Fälle wie jene des Grünen-Politikers Volker Beck oder des SPD-Politikers Michael Hartmann schockierten die Öffentlichkeit. Beide konsumierten das Amphitamin Crystal Meth. 

“Meine Sucht ist Arbeitssucht gewesen. Ich war durch und habe mir das nicht eingestanden”, erklärte Hartmann damals seinen Drogenmissbrauch.

Im Jahr 2000 sorgte ein Fernsehreport für Aufmerksamkeit, in dem Journalisten auf fast allen Toiletten im Bundestag Rückstände von Kokain und Meth nachwiesen. 

Viele empörten sich und fragten, wie zugedröhnte Junkies eigentlich noch Politik mit Verstand machen könnten.

Die Frage aber, wie es soweit kommen konnte, stellten nur wenige.

“Das ist damals in der öffentlichen Debatte definitiv zu kurz gekommen”, sagt Konstantin Kuhle, 29. Er ist seit September im Bundestag, noch Chef der Jungen Liberalen und bald Generalsekretär der FDP in Niedersachsen.

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Er kennt keine Fälle von Drogenmissbrauch in seinem Umfeld. “Ich wünsche mir aber mehr Verständnis für das Pensum im Bundestag”, sagt er.

Gerade als junger Politiker mache man sich “Sorgen darüber, Menschen und Erwartungen zu enttäuschen. Etwa, weil man nicht über alle Themen bis ins kleinste Detail Bescheid weiß. So verrennt man sich schnell.”

Kuhle zeigt sein Politikerleben auf Instagram. Es kommt vor, dass er auf fünf Veranstaltungen an einem Tag ist, alles in kurzen Clips festgehalten.

Er merkt das hohe Pensum daran, dass Freunde und Bekannte sich bei ihm beschweren, dass er weniger Zeit für sie habe.

Ich merke das hohe Pensum daran, dass sich meine Freunde und Bekannten bei mir beschweren, dass ich weniger Zeit für sie habe. Und daran, dass ich meinen Schlaf brauche - mindestens sechs Stunden. Sonst kann ich nicht mehr klar denken. Konstantin Kuhle, FDP

Daran, dass ihm ältere Abgeordnete raten, weniger Abendveranstaltungen zu machen – nur jene, auf denen er als Redner geladen ist.

“So bitter das klingt, aber sonst ist eine solche Veranstaltung oft verschwendete Zeit.”

Stattdessen könne er sich in Themen einarbeiten, Sitzungen vorbereiten und Reden schreiben.

Er merkt sein hohes Pensum auch daran, dass er seinen Schlaf braucht – mindestens sechs Stunden – sonst “kann ich nicht mehr klar denken.”

Zeit zum Nachdenken

Was tun? 

Ziemiaks Vorschlag des arbeitsfreien Sonntags hält er für kaum umsetzbar.

“Denn was ist, wenn ich für Montagmorgen eine Sitzung vorbereiten muss?”, fragt er. Auch Polizisten und Krankenschwestern müssten schließlich Sonntags arbeiten.

Stattdessen fordert Kuhle mehr Verständnis dafür, dass man sich als Politiker auch mal einen Tag zum Nachdenken gönnen müsse.

“Wenn wir unseren Job gut machen sollen, brauchen wir diese Zeit”, sagt Kuhle. “Das ist im Alltagstrott kaum möglich.”

(jg)