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16/03/2018 15:34 CET | Aktualisiert 16/03/2018 16:04 CET

München: Ich habe in meinem Keller das Gedicht eines Flüchtlings gefunden

"Wer die Heimat nicht verloren, wer nicht selber Leid gesehen, kann die Leiden und die Sehnsucht eines Flüchtlings nicht verstehen."

privat
Das Foto zeigt das Lundenburger Flüchtlingslied. 
  • Millionen Deutsche mussten während des 2. Weltkrieges ihre Heimat verlassen
  • Einer von ihnen war ein Vorfahre meines Mannes – er hat ein Gedicht hinterlassen, das nach wie vor relevant ist

Kisten packen, aussortieren, aufräumen. Wer umzieht, hat erst einmal jede Menge Stress. So erging es auch mir und meinem Ehemann. Die größte Baustelle vor unserem Umzug: der Keller. 

Hier stehen viele alte Möbel, die man vielleicht irgendwann noch einmal brauchen könnte. Ski- und Snowboardausrüstung, die kaum mehr zum Einsatz kommt. Daneben stapeln sich rund 20 alte Umzugskisten, in denen Erbstücke liegen.

Irgendwann – in unserem Fall dank des Umzuges von München in den Ruhrpott – kamen wir nicht mehr drumherum, Ordnung zu schaffen. Also verbrachten wir einen halben Samstag damit, die Kisten auszusortieren. 

► In einer der Kisten lagen Bücher, die dem Vater meines Mannes gehörten.

Inmitten von Balzac und Goethe fiel mir ein altes Buch auf. Der Einband war schon vergilbt, vorne hatte jemand in Handschrift “Chronik” darauf geschrieben. 

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Viele Menschen mussten im zweiten Weltkrieg ihre Heimat verlassen

In dem Schmöker lag sorgfältig gefaltet ein Stück Papier: das Gedicht eines Kriegsflüchtlings. Viele Vorfahren meines Mannes mussten, wie Millionen andere Menschen im zweiten Weltkrieg, zurück nach Deutschland fliehen – weil sie deutscher Herkunft waren. So auch der, der diese Zeilen auf Papier brachte.

► Die Strophen tragen den Namen “Lundenburger Flüchtlingslied”.

Lundenburg liegt in Südmähren in Tschechien, weswegen das Dorf auch unter dem Namen Břeclav bekannt ist. Viele Flüchtlinge, egal aus welcher Region sie kamen, haben das Flüchtlingslied gesungen und es angepasst. Die Vorfahren meines Mannes stammten aus dem Kreis Altburgund, der in Polen liegt.

Das Lundenburger Flüchtlingslied

1. Fern der Heimat irr als Flüchtling in der Ferne ich umher. Und die meisten meiner Lieben, ach die find ich nimmer mehr.

2. Dort wo Kiefernwälder rauschen, dort, ja dort, bin ich zu Haus. Wo die Netze (Anmerkung: Fluss in Polen) leis sich schlängelt, steht mein liebes Elternhaus.

3. Alle Lieben, die dort wohnten, alle sind zerstreut im Wind. Keiner weiß, wo sie geblieben, ob sie noch am Leben sind.

4. Freudlos ist mein ganzes Leben seitdem ich in der Fremde bin. Keiner kann mich hier verstehen, fühlt das ich ein Flüchtling bin.

5. Mürrisch morgens, mürrisch abends, mürrisch jedes einzige Wort. Keiner mag den Flüchtling leiden, jeder wünscht ihn weiter fort.

6. Wer die Heimat nicht verloren, wer nicht selber Leid gesehen, kann die Leiden und die Sehnsucht eines Flüchtlings nicht verstehen.

7. Ach wie gern wäre ich geblieben mit den Meinigen dort zu Haus. Hätte Ruhe dort und Frieden, bräucht nicht in die Welt hinaus.

8. Doch das Schicksal wollt es anders, irr nun in der Welt umher. Finde meine traute Heimat und die Lieben nimmer mehr.

9. Herrgott, der Du bist im Himmel, hör mein Bitten und mein Flehn. Lass mich die geliebte Heimat, doch noch einmal wiedersehen.

► Die Zeilen sind auch deswegen so traurig, weil das Thema durch den Flüchtlingszustrom wieder aktuell geworden ist.

Menschen, die gegen Flüchtlinge protestieren, sollten das Flüchtlingslied lesen – vielleicht merken sie dann, wie schlimm es für diese Menschen ist, ihre Heimat (unverschuldet) verlassen zu müssen. Und nicht zu wissen, ob die Menschen, die sie lieben, überhaupt noch leben.

(jds)