LIFE
17/09/2018 16:01 CEST

Mormonin und 6-fache Mutter: "Männer sind IMMER Schuld an ungewollten Schwangerschaften"

Gabrielle Blair ist Mormonin und Mutter von sechs Kindern. Sie vertritt die Meinung, dass Frauen nicht schuld an ungewollten Schwangerschaften seien.

shironosov via Getty Images
Sich auf Männer und männliches Verhalten zu fokussieren – nicht auf die weibliche Sexualität – kann, laut Blair, einen massiven Einfluss auf die Zahlen von ungewollten Schwangerschaften und Abtreibungen haben.
  • Eine mormonische Bloggerin ist der Meinung, dass sich eigentlich Männer um Verhütung kümmern müssten.
  • Denn sie seien schließlich auch an ungewollten Schwangerschaften schuld, da sie unverantwortlich ejakulieren.

Frauen, die sich für eine Abtreibung entscheiden, um ungewollte Schwangerschaften zu beenden, werden für diese Entscheidung oft verteufelt, sagt Bloggerin und Designerin Gabrielle Blair.

Aber sie ist der Meinung, eigentlich sei eine ganz andere Gruppe schuld: Männer, die unverantwortlich ejakulieren.

Blairs ausführlicher Twitter-Thread zu dem Thema verbreitete sich am vergangenen Wochenende sehr schnell. Die Mutter von sechs Kindern ist Mormonin und schlägt vor, dass wir unsere Vorurteile über ungewollte Schwangerschaften ablegen sollten.

“Ich bin Mutter von sechs Kindern und Mormonin. Ich kann die Diskussionen über Abtreibungen verstehen, aus religiöser und auch aus anderer Sicht”, schreibt sie in ihrem ersten Tweet über das Thema.

“Ich habe vielen Männern zugehört, die sich aufspielen, wenn es um die Rechte der Frauen und der Fortpflanzung geht. Und ich bin davon überzeugt, dass Männer eigentlich null Interesse daran haben, Abtreibungen aufzuhalten.”

Frauen müssen die Last tragen

Die Belastung, eine Schwangerschaft zu verhindern, fällt meistens auf Frauen, argumentiert Blair. Sie schreibt, dass die Pille als Verhütungsmittel zweifellos ein wundervolles und wichtiges Hilfsmittel ist und Frauen dadurch die Möglichkeit haben, ihr eigenes Handeln zu bestimmen – jedoch gibt es auch eine Menge an Nebenwirkungen.

Die Plattform “Medical News Today” veröffentlichte eine Liste üblicher Nebenwirkungen wie Übelkeit, Stimmungsschwankungen, empfindliche Brüste, Kopfschmerzen, Migräne, verringertes Lustempfinden und Gewichtszunahme.

In seltenen Fällen können Verhütungsmittel, die oral eingenommen werden, sogar zu Blutklumpen führen und das kann sogar tödlich enden.

Verhütungsmittel für Männer wurden eingestellt

“Unserer Gesellschaft ist es egal, ob Frauen leiden – körperlich oder geistig – solange es Männer das Leben vereinfacht”, schreibt Blair in ihrem Thread.

Dazu teilt sie einen Link zu einem Artikel der Plattform “NPR” über orale Verhütungsmittel für Männer – denn diese wurden eingestellt, nachdem Männer sich über Symptome wie Akne und Gewichtszunahme beklagten.

“Viele Menschen im Internet verdrehen die Augen bei diesen Nebenwirkungen. Denn Frauen haben schon seit Jahrzehnten Dinge wie Stimmungsschwankungen und Gewichtszunahme erfahren müssen”, kommentiert die Journalistin in dem Artikel gegenüber einem Wissenschaftler, der ihre Fragen zu dem Thema beantwortet.

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Verhütung ist teuer und schwer zu bekommen

“Die Liste der Nebenwirkungen für Männer war nur ein Drittel mal so lang, wie die für Frauen”, schreibt Blair weiter in ihrem Thread. Sie hebt hervor, dass die Pille oft nur auf Rezept zu bekommen und häufig auch teuer sei.

“Tatsächlich gibt es viele Menschen, die die Pille noch teurer machen wollen, indem sie dafür kämpfen, dass die Krankenkassen die Kosten nicht übernehmen. Verhütungsmittel wie die Pille sind nicht so leicht zu bekommen, vor allem nicht auf den letzen Drücker. Und sie wirken auch nicht sofort”, schreibt Blair auf Twitter.

“Wenn wir bei der Pille bleiben: Sie erfordert täglichen Nutzen und lässt nicht viel Spielraum für Fehler, Vergessen oder unerwartete Unterbrechungen im Alltag”, fährt sie fort. “Und nochmal: Nebenwirkungen können grausam sein. ABER ICH BIN IMMER NOCH DANKBAR DAFÜR, BITTE NEHMT SIE UNS NICHT WEG.”

Männer setzen das Wohlergehen der Frauen aufs Spiel

Doch Blair erklärt auch, dass es andere Wege gibt. Wenn sich Frauen gegen die Pille entscheiden, gibt es eine Alternative, die schnell wirkt, einfach zu bekommen, nicht allzu teuer ist und keine Nebenwirkungen hat: Kondome.

Aber sie macht auch klar, dass Kondome gar nicht so oft benutz werden. Und das nur, weil die männliche Lust als Priorität über allem anderen zu stehen scheint.

Und einige Männer lehnen eine noch angenehmere, wenn auch ein wenig riskantere Option ab: Rausziehen. Der Grund ist derselbe: Es fühlt sich besser an, wenn man es nicht macht.

Diese “unverantwortliche Ejakulation” ist der Kernpunkt von Blairs Argumentation. “Männer sind bereit, das Leben, die Gesundheit und das Wohlergehen einer Frau aufs Spiel zu setzen, nur um ein bisschen mehr Vergnügen für vielleicht fünf Sekunden beim Orgasmus zu haben”, schreibt sie. “Es ist unfassbar und verstörend, wenn du realisierst, dass das die Wahl ist, die Männer treffen.”

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Der männliche Orgasmus verursacht Schwangerschaften

Weiter schreibt sie, das Frauen ohne penetrativen Sex und Ejakulation zum Orgasmus kommen können und es sei der männliche Orgasmus, der die Schwangerschaft verursacht: “Ungewollte Schwangerschaften können nur dann passieren, wenn Männer unverantwortlich zum Orgasmus kommen.”

Sich auf Männer und männliches Verhalten zu fokussieren – nicht auf die weibliche Sexualität – kann, laut Blair, einen massiven Einfluss auf die Zahlen von ungewollten Schwangerschaften und Abtreibungen haben.

“Eine Frau kann die schlampigste Schlampe auf der ganzen Welt sein, Tag und Nacht Orgasmen haben – sie wird dennoch niemals eine ungewollte Schwangerschaft erfahren.  Außer, es kommt ein Mann daher, der unverantwortlich ejakuliert”, erklärt sie.

Gleichwertige Verantwortung für die Geschlechter

Blair breitet das Argument noch weiter aus: “Was wäre, wenn die Körper von Männern genau so kontrolliert wären, wie die der Frauen? Und was wäre, wenn Schwangerschaft als männliche Verantwortung gesehen würde, gleichwertig wie eine weibliche Verantwortung? Was wäre, wenn Männern vom Gesetz vorgeschrieben würde, eine Sterilisation in der Pubertät machen zu müssen?”

Sie könnten diese immer aufheben, wenn sie sich im Laufe ihres Lebens dafür entschieden, Kinder zu wollen. Und Sterilisationen können ein wenig schmerzhaft und ein bisschen blutig sein. Schlimmer als einen Termin beim Arzt zu machen, sich die Pille zu beschaffen und die darauffolgenden Nebenwirkungen auszuhalten, sei es allerdings nicht, meint Blair.

“Fragt euch selbst: Was würde es brauchen, das Leben deines Sexualpartners mehr zu schätzen als dein eigenes, vergängliches Vergnügen oder deine Bequemlichkeit”, fragt sie die Männerwelt.

Viele Frauen bedanken sich für Blairs Worte

Blairs Thread verbreitete sich rasend schnell auf Twitter. Viele User, hauptsächlich Frauen, bedanken sich bei ihr für ihre Deutlichkeit und Augen öffnenden Argumentation.

“Gabrielle, ich danke dir, dass du das ansprichst. Ich sitze hier und nicke und stimme zu und will einfach nur sagen: JA! DANKE! Ich schätze es sehr, dass du deine Reichweite nutzt, um über Abtreibung und Unaufrichtigkeit zu reden”, schreibt eine Nutzerin. 

“Heilige Sch... das ist die umfrangreichste, vernünftigste, gut recherchierteste und LOGISCHSTE Sammlung von Ideen zu diesem Thema seit jeher. Ich reposte sie ÜBERALL”, schreibt eine andere Twitter-Nutzerin.

“Ich würde gerne sagen, dass Männer nicht 100-prozentig verantwortlich sind, aber ich kann es nicht”, kommentiert ein Twitter-Nutzer.

“Das wäre höchstens eine semantische Übung und nicht stichhaltig. Männer sollten zu 100 Prozent für körperliche Ausflüsse verantwortlich gemacht werden. Wir erwarten von Menschen schließlich auch, dass sie Mund oder Nase bedecken, wenn sie niesen oder husten müssen, weil das eine ungewollte Körperfunktion ist.”

Auch Stars teilen Blairs Ansichten

Inzwischen wurde ihr Thread schon knapp 73.000 Mal geteilt – und das sogar von Alyssa Milano, Don Cheadle und dem Autor und Aktivist Glennon Doyle.

“Dieser Thread ist wundervoll. Bitte nehmt euch fünf Minuten Zeit, um ihn zu lesen, und weitere zwei, um ihn zu verarbeiten”, kommentiert Milano.

“Bitte schaut euch diesen Thread an – der Liebe wegen. Danke, dass du diesen Beitrag aus Liebe und deinem Drang nach Wahrheit und Gerechtigkeit geschrieben hast. Wenn ihr Abtreibungen verhindert wollt, benutzt Kondome. Diese Frau ist meine Heldin”, schreibt Doyle zu Blairs Tweet.

Auf ihrem Blog erklärt Blair, dass sie diesen Thread schon vor Monaten geschrieben hatte, doch dann zögerte, ihn zu veröffentlichen. “Nachdem ich allerdings so viele Männer hörte, die über Fortpflanzungsrechte von Frauen sprachen (bezogen auf die Kavanaugh-Anhörung), musste ich meinen Text veröffentlichen”, schreibt sie.

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Ein “widerliches Missverständnis” in Amerika

Donald Trump nominierte Brett Kavanaugh für das oberste Bundesgericht in den USA. Sollte er vereidigt werden, glauben vielen Menschen, das Gericht könnte den Meilenstein “Roe vs Wade” kippen wird. Dieses Gesetz von 1973 legalisiert Abtreibungen in Amerika. 

Während der auf die Richterposition vorbereitenden Anhörungen zu Beginn des Monats nannte Kavanaugh Verhütungspillen “Abtreibungs-veranlassende Drogen”. Ein Begriff, der laut Senatorin Dianne Feinstein zeigt: Kavanaugh habe den ihm vorgelegten Beispielfall zum Thema Pille nicht verstanden.

“Richter Kavanaugh sagte gerade, der Fall ‘Burwell v. Hobby Lobby’ handelte von ‘abtreibungs-veranlassende Drogen’. Das ist ein widerliches Missverständnis des Falles, in dem es darum ging, ob die Krankenversicherung die Kosten für Verhütungsmittel übernehmen sollte. Das beweist, wie feindselig Kavanaugh Frauen und deren freien Willen, Kinder zu zeugen, gegenüber steht”, twittert Feinstein.

In Kanada zum Beispiel gibt es kein formalisiertes Abtreibungsgesetz – eine Abtreibung wird wie jede andere medizinische Prozedur behandelt. Die konservative Partei Kanadas hat vergangenen Monat die Abtreibungs-Debatte beinahe wieder eröffnet, sich jedoch schließlich dagegen entschlossen.

 Der Artikel erschien zuerst bei HuffPost Canada und wurde von Martina Zink aus dem Englischen übersetzt und angepasst.

(ak)