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05/06/2018 17:24 CEST | Aktualisiert 06/06/2018 16:43 CEST

Mein Leben wurde zum Albtraum, als ich den Mord an meiner Schwester untersuchte

Sie verschwand einfach aus ihrer Wohnung.

“Das ist eine Geschichte, die erzählt werden sollte”, sagte Sandra Doorley zu mir. Die Staatsanwältin saß an ihrem riesigen Tisch, mit ihrem blonden Pferdeschwanz und einem Leoparden-Rock – an einem regennassen Junimorgen im Jahr 2015.

1991 war ich 14 Jahre alt. Damals begann meine Fixierung auf Stephanies Geschichte. Stephanie war die 27-jährige Tochter meines Musiklehrers, den meine Mutter später heiraten sollte.

Sie verschwand über Nacht aus ihrem Apartment in Greece, im Bundesstaat New York. Die Nachricht erschütterte unser Städtchen East Brunswick in New Jersey, wo Stephanie aufgewachsen war.

Die Umstände waren mysteriös

Sie war Geigenlehrerin, bis sie verschwand. Die Umstände waren mysteriös: Ihre Bettwäsche war weg, ihr Scheckheft am Straßenrand entsorgt, ihr Auto verlassen an einem Flughafenparkplatz. Sonst nichts.

Ich sponn mir Geschichten zusammen: War es verbotene Liebe? War sie mit einem Mann durchgebrannt? In ein anderes Leben abgehauen? Oder hatte sie ein Einbrecher in die Nacht entführt? Oder gar Aliens? 

COURTESY OF RACHEL REAR
Das Foto, das Stephanies Vater 1991 der Polizei übergab.

Beim Abendessen mit meiner Familie wippte ich unter dem Tisch mit den Füßen in meinen schwarzen Chucks und plapperte laut drauf los: “Wie kann jemand eben noch da sein und eine Minute später nicht mehr?” Nichts dergleichen war bisher jemandem passiert, den ich kannte: Es war der Stoff für Horrorfilme.

Ich sah ihren Vater Jerry, den Leiter des Musikzweigs unserer Schule – einen stoischen Mann mit unverkennbarem ukrainischem Akzent – trübsinnig durch durch die Schule laufen.

Wir zogen neben Jerry ein

Als ich 19 war, ließen sich meine Eltern scheiden und meine Schwestern und ich zogen mit meiner Mutter in eine kleine, blaue Doppelhaushälfte neben Jerry ein. Seine Frau – Stephanies Mutter – starb im gleichen Herbst nach einem langen Kampf gegen Multiple Sklerose.

Meine Mutter freundete sich mit ihm über den Gartenzaun an, als sie Tomatensamen sähte und Unkraut jätete. Bald darauf hatte ich einen altmodischen Brief von Jerry in meinem Uni-Postfach, in dem er um meine Erlaubnis fragte, mit meiner Mutter zusammen zu sein.

Ich war 20, als meine Mutter in Jerrys Familienmysterium einheiratete. Ein Foto von Stephanie war auf dem Tisch neben der Hochzeitstorte aufgestellt – das gleiche, das seit Jahren überall in der Gegend hing.

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Stephanies Gesicht im Halbprofil mit welligem kastanienbraunen Haar, rosigen Wangen, korallenrot glitzernden Lippen und übergroßen Augen so braun wie im Van-Morrison-Song “Brown eyed Girl” besungen.

Sieben Monate später fand man ihre Knochen

Sieben Monate nach der Hochzeit stolperten zwei Jungen, die versuchten in einem Bach in einem winzigen Dorf im Hinterland Fische zu fangen, über Stephanies Knochen. Sie war seit fast sieben Jahren vermisst.

Jerry sagte oft, ich sähe aus wie Stephanie – wenn er mir in die Augen sah, glaubte er, es seien ihre. Als er an Demenz erkrankte, verschmolz er Stephanie und mich oft zu einer Person. Als ob er versuchte, sie wieder auferstehen zu lassen.

Einmal traf ich ihn und meine Mutter in der Carnegie-Hall. Als ich um die Ecke kam, griff er den Arm meiner Mutter und keuchte: “Da ist Stephanie!” Ein paar Jahre später, am ersten Weihnachtsfeiertag, meinem Geburtstag, fragte meine Mutter ihn im Altersheim: “Weißt du noch, wer an Weihnachten Geburtstag hat?” Jerry sah mich an und erklärte: “Natürlich. Stephanie.”

Jerry starb 2009 an Parkinson. Im Bewusstsein, dass seine Tochter ermordet wurde, aber ohne zu wissen, wer sie ermordet hat.

► Aber ich habe nie aufgehört, mich zu fragen, wer sie war und was zum Verschwinden der Stiefschwester, die ich nie hatte, führte.

COURTESY OF RACHEL REAR
Rachel und ihr Stiefvater.

Ich begann, ein Buch zu schreiben

Ich fing an, Stephanies versponnene Geschichte aufzudröseln und ein Buch zu schreiben, obwohl ich wusste, dass es genauso enden wird – mit ihrer Vernichtung. Warum mich Stephanies Geschichte so beschäftigte, wusste ich nicht. Aber ich habe mich so gefühlt, als stünde ich am Anfang einer langen Entwicklung. Ich sehnte mich nach einer Form von Erlösung – ob für mich oder Stephanie, das wusste ich nicht.

Jetzt weiß ich: Wenn man ein authentischer Krimi-Autor wird – eine komische Mischung aus Enthüllungsreporter, Therapeut und Romancier in einem – ist das eine echte Prüfung für die eigene Vernunft.

Im Sommer 2015 nahm ich meine Arbeit auf und schloß mich für drei Monate in eine Hütte in Vermont ein. Dort begann ich, die 700 Daten durchzusehen, die mir die Staatsanwältin auf einer CD gegeben hatte.

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Ich betrachtete die Fotos von Stephanies Knochen – die nicht von wilden Tieren verschleppt wurden – auf der sterilen Totenbank des Rechtsmediziners. Jeder Knochen an der richtigen Stelle wie ein Puzzle, bei dem ein Viertel der Teile fehlt.

Ich las den Bericht des Rechtsmediziners. Ich telefonierte stundenlang mit den Ermittlern und mit ihren Schulfreunden. Es strapazierte meine Psyche stark.

Mein Geist fixierte sich darauf, überall Gewalt zu sehen

Als ich 2003 meinen Master an der Kunst-Uni machte, war die amerikanische Autorin Maggie Nelson meine Dozentin. Sie arbeitete damals gerade an ihrem Gedichtband namens “Jane: A Murder”. Er handelte von der Tante, die sie nie kennengelernt hatte, weil sie auf dem Heimweg von der Uni ermordet wurde, bevor Maggie auf die Welt kam.

Wir redeten über Jane und Stephanie, fasziniert von dem gleichem Schicksal über die ermordeten Frauen unserer Familie zu schreiben. Als ihr Gedichtband 2004 im Druck war, erschien ein Verdächtiger. Das war 35 Jahre nach dem Mord an Jane. Maggie begann ihr Buch “The Red Parts: Autobiography of a Trial” zu schreiben.

Darin beschreibt Maggie etwas, was ich sofort wiedererkannte. Sie nennt es den “Sinn für Mord”. Es ist die beste Beschreibung dessen, was mit einem Krimi-Autor beim Schreiben passiert: Es ist die Neigung, eine finstere Persönlichkeit zu entwickeln und überall Gewalt zu sehen, sie fast zu erwarten. 

► Als ich letztes Jahr mein Buch schrieb, fixierte ich mich wochenlang auf Tod und Entführung. Ich träumte von jungen Mädchen, die Hilfe brauchten. Das eine Mal wurde ein Mädchen vor meinen Augen entführt, das andere Mal fiel ein Mädchen von einem Dach.

Beide Male erstarrte ich und konnte mich nicht bewegen. Ich wachte weinend auf, schwer vor Schuld.

Es gibt so viele Arten, wie wir versuchen, stark zu bleiben

Ich weiß, was die späte Michelle McNamara meint, wenn sie in ihrem kürzlich veröffentlichten Buch “I’ll be Gone in the Dark” über den sogenannten “Golden State Killer” schreibt: “In meinem Hals steckt jetzt immer ein Schrei.” Das ist der “Sinn für Mord”.

Es gibt so viele Arten, wie wir versuchen, hart zu bleiben. Wir essen, machen Liebe, wir tanzen, streiten, wir erinnern uns an die Materialität unserer Körper, fühlen sie in der Umarmung von jemandem, den wir lieben, damit wir die Wahrheit unserer vergänglichen Existenz vergessen können.

Das ist die Lektion, die authentische Krimi-Autoren lernen, damit sie Geschichten schreiben können, die danach schreien, erzählt zu werden: Es gibt Bestien unter uns.

Normalerweise ist es ungefährlich, mit dem Fremden in der Bar zu sprechen, dem Apothekenkassierer, dem Kerl, der einmal im Monat klingelt und fragt, ob ihr wollt, dass er die Kakerlaken ausräuchert. Aber von Zeit zu Zeit sind wir in Gefahr. Sicherheit, wie Helen Kelle mal gesagt hat, gibt es nicht.

Wenn ich darüber nachdenke, wie flüchtig das Leben ist, fühle ich mich gleichzeitig sehr lebendig und sehr verwundbar.

Wir müssen lernen, der Angst ins Gesicht zu blicken

Ich habe immer gesagt, ich wünschte, ich hätte nie “In Cold Blood” gelesen und mich dann freiwillig in die dunkelsten Ecken der Menschheit vertieft, um den Mord meiner Stiefschwester zu erforschen.

Nun habe ich mein Buch jedoch fertig geschrieben und hoffe, ich werde es veröffentlichen. Aber der Preis für die Schwesternschaft der Krimi-Autorinnen ist hoch:

► Wir müssen lernen, einfühlsam mit Freunden und Familien von Mordopfern zu sprechen, mutig und präzise mit Polizisten und Anwälten.

► Wir müssen lernen, der Angst ins Gesicht zu blicken. Und obwohl unsere Illusion von Sicherheit für immer zerstört ist, lernen wir, das Leben zu würdigen, weil wir wissen, wie schnell es aufhören kann.

“Fühl Freude, fühl Freude”

Als ich das Büro der Staatsanwältin an diesem Junitag verließ, hatte sich der Regen verzogen. Im Sonnenschein vernahm ich nur Schönheit: den zarten Duft von Petunien, die Sonne auf dem Sand, Pfirsiche, Wein, Fahrräder, Hunde. Das Glitzern des Mondes auf einem See. Lagerfeuergeruch. Die Erinnerung an den Mund eines verflossenen Liebhabers.

Ich stand da, atmete den Geruch von nasser Erde ein und wisperte das Mantra: “Fühl Freude, fühl Freude.” Und sofort erinnerte ich mich an Stephanie: Freude (Englisch: Joy) war ihr zweiter Vorname.

Dieser Artikel erschien zuerst in der US-Ausgabe der HuffPost und wurde von Moritz Diethelm aus dem Englischen übersetzt.