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22/03/2018 15:03 CET | Aktualisiert 23/03/2018 12:25 CET

"Mein Opa wurde ermordet – erst ein Privatdetektiv fand heraus, wer der Täter war"

Die Behörden interessierten sich nicht für den Fall.

Im Video oben: Kuriose Aufklärung eines Mordes – eine Mörderin wurde durch ihr Haustier überführt

Ich habe meinen Opa verloren. Er wurde ermordet – von seinem Dolmetscher, mit dem er geschäftlich zu tun hatte.

Mein Opa war Geschäftsführer eines Autohauses in Bayern. Für seine Zweigstelle fuhr er öfter mit dem Wagen nach Rumänien. So auch dieses Mal – als er auf seinen Mörder traf.

Lange Zeit galt mein Opa als vermisst, weder die deutsche noch die rumänische Behörde konnten ihn ausfindig machen. Deshalb schaltete meine Familie einen Privatdetektiv ein. Erst er schaffte es, den Mord aufzuklären.

Weil ich Journalistin bin, habe ich versucht, die Geschehnisse in einem Text zu verarbeiten, wie er in der Zeitung erscheinen könnte. Hier ist er.

Im Wartebereich ist keine Musik zu hören, die Möbel sind in weiß gehalten und wirken steril – von Dekoration fehlt jegliche Spur. Die Eingangstür öffnet sich und Gerhard B.* (Name abgeändert) betritt seine Agentur.

Mit einem silbernen Stahlkoffer in der Hand geht er an Videokameras vorbei zum Empfang. Dabei streift er einen Plakatständer. Darauf zu lesen: “Security First – Gesellschaft für Detektei und Sicherheit… mit uns auf der sicheren Seite.”

Angehörige der Opfer quält die Frage: “Warum?”

95 Prozent aller Morde an Deutschen werden aufgeklärt, zeigen Statistiken. Die Ermittlungen führen zu einem Täter, häufig auch zu einem Geständnis. Laut deutschem Detektiv-Verband werden in knapp fünf Prozent der Mordfälle auch Privatdetektive eingeschaltet.

Das passiert, wenn die Polizei an ihre Grenzen stößt. Dann werden Angehörige selbst aktiv und wenden sich an Privatdetekteien. Denn für die Angehörigen der Opfer ist es wichtig, möglichst viel zur Tat zu erfahren – weil es ihnen nicht allein um die Strafe geht. Sie wollen Gewissheit. Was ist mit dem Opfer passiert? Und warum?

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“Dem Privatdetektiv traut man zu, dass er seinen Gegner auf die Bretter wirft, wenn es hart auf hart kommt”

Gerhard B. ist seit 24 Jahren Privatdetektiv. Unternehmen und Privatpersonen ziehen ihn hinzu, wenn Ungereimtheiten aufgedeckt werden sollen. Sein Auftrag lautet, für seinen Auftraggeber so viel Belastungsmaterial wie möglich gegen die Zielperson zusammenzutragen.

Kein Schlapphut, kein Trenchcoat – sondern blauer Feinstrickpullover, Jeans und Lederturnschuhe. Der ehemalige SEK-Beamte ist Anfang 50. Ein sportlicher Typ, dem man zutraut, dass er einen Gegner auch mal auf die Bretter werfen kann, wenn es hart auf hart kommt.

Der Alltag einer Detektei ist meistens trotzdem nicht durch dramatische Aktionen und spektakuläre Mordfälle geprägt, sondern durch mühselige und rechtlich gebundene Recherchen im Auftrage von Wirtschaftsunternehmen, scheidungswilligen Ehepartnern, zuweilen auch von Anwälten.

“Auch mein Vater rief beim Detektiv an, weil mein Opa vermisst wurde”

Auch Reinhard G. rief bei Gerhard B. an. Er suchte nach seinem Vater – dem Großvater seiner Tochter Luna G. Er sei wegen geschäftlicher Angelegenheiten oft von Bayern aus mit dem Auto nach Rumänien gefahren, um dort in seinem Autohaus vor Ort nach dem Rechten zu sehen.

Am Telefon erklärte Reinhard G., der Juniorchef des Unternehmens, dass er seit drei Tagen keinen Kontakt mehr zu seinem Vater gehabt habe. Die örtlichen Behörden seien informiert worden, aber er vertraue der Polizei in Rumänien nicht.

Um sich ein eigenes Bild von der Lage machen zu können, flog Gerhard B. damals selbst nach Rumänien. Reisen sind keine Seltenheit in seinem Berufsalltag. “Auch, wenn ein Gespräch nur zwei Minuten dauern sollte, würde ich dafür sogar ins Flugzeug steigen”, sagt der Privatdetektiv. 

“Für uns Detektive gibt es keine Grenzen”

Momentan ist Gerhard B. im Auftrag einer international tätigen Anwaltskanzlei unterwegs. Es geht um Urheberrechtsverletzung. Mehr Details will er nicht preisgeben.

In den nächsten Tagen wird er ein paar Mal die deutsche Grenze passieren. In die Schweiz wird er reisen, nach Liechtenstein und Österreich. “Die Polizei kann das nicht, die muss im Lande bleiben, mit Rechtshilfeersuchen arbeiten, sich bestimmte Ermittlungsmethoden von einem Richter absegnen lassen. All das ist zeitaufwendig und bürokratisch”, sagt er. “Für einen Detektiv gibt es keine Grenzen. Also keine, die er nicht überschreiten kann.”

Die Spur des Detektivs führt zum Dolmetscher

Auch damals waren die Behörden vor Ort nicht an einer Kooperation mit ihm interessiert. In Rumänien angekommen ihn der leitende Geschäftsführer des Autohauses ab, so erzählt es B. Zusammen fuhren sie zum Autohaus des Vermissten und Gerhard B. begann mit seiner Befragung der Angestellten. Schnell kam er auf einen Verdacht. Sein Bauchgefühl hätte ihn bisher noch nicht enttäuscht getäuscht, sagt der Detektiv.

Eine der letzten Personen, die den Vermissten gesehen haben sollen, war der Dolmetscher gewesen. Gerhard B. machte ihn in Rumänien ausfindig und lud ihn zum gemeinsamen Abendessen ein. Während des Treffens war der Verdächtige nett und hilfsbereit, erzählt B. – allerdings etwas zu sehr. Für den privaten Ermittler war sehr schnell klar: Der Dolmetscher hat den vermissten Autohausinhaber in Rumänien umgebracht.

Die Behörden interessierten sich nicht für den Fall

Mit seinen gesammelten Informationen ging er zur Polizei in Rumänien. Die Behörden luden den Verdächtigen zum Verhör – ohne Ergebnis. Es kam nie zu einer Hausdurchsuchung.

Zurück in Deutschland wandte sich Gerhard B. an die deutsche Polizei. Doch auch hier fand er bei den Behörden kein Gehör.

Zu der Zeit, Anfang der 2000er-Jahre, war es noch erheblich schwerer für die Behörden, sich auch im Ausland untereinander zu verständigen, geschweige denn in andere Länder zu reisen und vor Ort zu ermitteln – Grenzüberschreitungen, die aber für Privatdetektive möglich sind.

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Detektiv gibt der Polizei die Schuld an Verschwinden des Tatverdächtigen

So galt es für Gerhard B. damals, den Verdächtigen im Auge zu behalten, aber Ruhe zu bewahren. “Ich wäre wirtschaftlich erledigt, tauchte mein Name oder gar mein Gesicht in den Medien auf. Kein privater Ermittler kann sich solche Publicity leisten“, sagt er.

Die rumänischen Behörden jedoch gingen damals mit dem Verschwinden des Autohausinhabers an die Öffentlichkeit. Dabei fiel auch Gerhard B.s Name im Interview mit dem örtlichen Fernsehsender. Bis heute ist sich der Detektiv sicher, dass diese Aktion einer der größten Fehler der Polizei gewesen war. Der verdächtigte Dolmetscher machte sich nämlich rar.

Die Aussage des Dolmetscher sei es gewesen, dass der vermisste Mann seinerzeit mit einem unbekannten Mann in ein Auto gestiegen und in die Karpaten gefahren wäre. Deutsche wie auch rumänische Behörden glaubten ihm.

Doch Gerhard B. wusste, dass diese Geschichte nicht stimmen konnte – trotz Phantombild des unbekannten Mannes. 

Nachbarn des Dolmetscher melden sich bei der Polizei wegen “bestialischem Gestank”

Erst nachdem sich die Nachbarn des Dolmetschers in Rumänien über einen furchtbaren Gestank beschwerten, erfolgte eine Wohnungsdurchsuchung. Als die örtlichen Ermittler die Wohnungstür öffneten, kam ihnen ein bestialischer Geruch entgegen. In einem Kasten unter dem Bett fanden die Beamten die Leiche des vermissten Autohausinhabers. 

Der Körper war vom Täter mit einer Handsäge in vier Teile zersägt und knapp ein Jahr in Plastiktüten in der Wohnung versteckt worden. Vom Dolmetscher fehlte jede Spur.

Als diese Nachricht den Privatdetektiven erreichte, war der wieder in Deutschland.

Die deutschen Behörden wandten sich an ihn, da sie selbst keine Spur des Täters hatten. Über verschiedene Mittelsmänner erfuhr Gerhard B., dass der Dolmetscher sich in Deutschland bei seiner Ex-Frau aufhalten solle.

Erst durch die Information konnten die Behörden den Täter verhaften. Laut der offiziellen Pressekonferenz der deutschen Polizei hätte sich der Privatdetektiv aber lediglich wichtig gemacht, auch ohne seine Hilfe wäre der Fall gelöst worden.

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“Es gibt Fälle, die beschäftigen einen noch lange”

Plötzlich stand eine Branche im Scheinwerferlicht, deren natürliche Umgebung das Zwielicht ist. Gut eintausend Privat- und Wirtschaftsdetektive gibt es in Deutschland. Meist sind es Einzelkämpfer oder kleine Firmen mit zwei, höchstens drei Angestellten. Daneben gibt es nur wenige große, meist international tätige Detekteien wie Control Risks oder Kroll. Eine spezielle Berufsausbildung haben hierzulande die wenigsten Detektive absolviert.

Ausreichend “Schnüffler”-Erfahrung haben sie oft dennoch, denn die meisten Detektive waren zuvor Polizisten oder im Geheimdienst. Auch Gerhard B. ist ehemaliger SEK-Beamter.

“Es gibt Fälle, die beschäftigen dich noch lange nachdem schon alles abschlossen ist”, sagt Gerhard B. “Der Fall damals war mit Sicherheit einer meiner prägnantesten. Aber in dieser Branche gibt es keine zwei Fälle, die identisch wären.”