WIRTSCHAFT
28/05/2018 18:39 CEST | Aktualisiert 28/05/2018 18:39 CEST

Monsanto und Bayer fusionieren – warum euch das alle etwas angeht

Die USA und die Europäische Union “haben die Schaffung eines Monsters genehmigt”.

Wolfgang Rattay / Reuters

Das US-Justizministerium wird wahrscheinlich am Dienstag der Übernahme des US-Großkonzerns Monsanto durch Bayer, dem deutschen Agrarchemie-Riesen, zustimmen.

Und das wird gewaltige Folgen haben.

Durch das 66-Milliarden-Dollar-Geschäft, das die EU bereits genehmigt hat, wird das größte Pestizid- und Saatgut-Monopol der Welt entstehen.

61 Prozent der Saatgut- und Pestizidproduktion wird dann in den Händen von nur drei Megakonzernen liegen.

Die beiden anderen sind der erst jüngst durch Fusion entstandene US-Chemiekonzern DowDuPont und ChemChina. Der chinesische Riese hat 2017 die Schweizer Chemiefirma Syngenta gekauft.

Umweltschützer und Landwirte warnen vor einem weltweiten Monopol

Ist das ein Problem? Es hängt von der Perspektive ab. Geht es nach Monsanto und Bayer, dient ihr Zusammenschluss der Entwicklung innovativer Technologien. Die seien nötig, um eine Welt zu ernähren, auf der in zwei Jahrzehnten wahrscheinlich zehn Milliarden Menschen leben.

Für Kritiker – Umweltschützer und viele Landwirte – ist es ein erschreckender Schritt hin zu einem Beinahe-Monopol in der Landwirtschaft, das riesigen Unternehmen einen beispiellosen Zugang zu Landwirtschaftsdaten ermöglicht, Kleinbauern verdrängt und möglicherweise die Lebensmittelpreise für die Verbraucher erhöht.

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Für Umweltschützer ist Monsanto wegen seiner gentechnisch veränderten Samen schon lange ein rotes Tuch. Die Samen – so die Kritik – fördern Monokulturen, bringen Bauern in einen Kreislauf der Abhängigkeit und führen zwangsläufig zu einem steigenden Chemie-Einsatz.

Wir werden erlebene, wie die Zeit echter Lebensmittel und unsere Freiheit, Nahrung selbst zu wählen, endet” Vandana Shiva

Außerdem hat der Konzern in der Vergangenheit umstrittene Chemikalien wie Agent Orange und das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat hergestellt.

Monsanto und Bayer werden in einem nie erlebten Ausmaß den Agrarmarkt beeinflussen

Viele Naturschützer befürchten, dass der Zusammenschluss den Trend fortführt, die Macht über die globale Nahrungsmittelversorgung in nur einer Handvoll Konzerngiganten zu konzentrieren.

“Wir werden erleben, wie die Artenvielfalt von unseren Höfen und Kleinbauern verschwinden, wie die Zeit echter Lebensmittel und unsere Freiheit, Nahrung selbst zu wählen, endet”, warnte Vandana Shiva, eine Veteranin unter den Kämpfern für biologische Vielfalt, in der Vergangenheit.

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Auch Evgeniy Kozarenko, CEO des in Dublin ansässigen Bio-Saatgut-Unternehmens Nagritech, ist besorgt. Die USA und die Europäische Union “haben gerade die Schaffung eines Monsters genehmigt”, sagte er HuffPost.

“Gemeinsam werden diese beiden Konzerne weltweit die Meinungen und Märkte der Landwirte beeinflussen – in einem nie erlebten Ausmaß. Wir haben nicht das Budget, um unsere biologischen Düngemittel, Pestizide und Herbizide zu vermarkten. Andere Bio-Hersteller werden ebenfalls nicht konkurrenzfähig sein.”

“Facebook of Farming”

Daneben wächst die Sorge, dass die digitale Revolution der Agrarindustrie ermöglicht, die Landwirte in einem beispiellosem Ausmaß zu kontrollieren.

Mehrere NGOs, darunter Friends of the Earth Europe, werfen der EU vor, ein “Facebook of Farming“ geschaffen zu haben. Unternehmen könnten auf die Daten der Landwirte zugreifen, um ihnen Saatgut und Pestizide zu verkaufen.

Eric Vidal / Reuters
Aktivisten von Friends of the Earth vor der Europäischen Kommission.

“Es ist durchaus vorstellbar, dass binnen Sekunden auf dem Smartphone Werbung erscheint, sobald ein Landwirt während der Ernte auf Unkraut oder Insektenschäden stößt”, teilte der Bauernverband Missouri Farm Bureau Federation mit.

Monsanto selbst hat angedeutet, dass Daten ein wichtiger Grund für den Zusammenschluss mit Bayer sind. “Das ist nicht verwerflich”, sagte CEO Hugh Grant dem Magazin “Fortune”. “Wir müssen lernen, Landwirtschaft smarter zu betreiben.”

Das Saatgutunternehmen hat bereits massiv in digitale Technologien investiert. 2013 kaufte es für fast eine Milliarde Dollar die Datenfirma Climate Corp., die Landwirte mit Wetterdaten und Vorhersagen versorgt.

Bayer-Monsanto wird steuern, wie, wo, wann und von wem Lebensmittel produziert werden

Die Technologie wurde Berichten zufolge im Jahr 2014 auf mehr als ein Drittel der landwirtschaftlichen Fläche der USA angewendet.

Shannon VanRaes / Reuters
In einem kanadischen Forschungszentrum experimentieren Wissenschaftler für Monsanto mit resistenten Rapssackpflanzen um Pollen zu kontrollieren.

Monsantos Datenplattform “Climate Fieldview”, die das Unternehmen als “Schlüsselwachstumstreiber 2018” bewirbt, setzt Traktoren mit Sensoren, GPS und Datendrohnen ein, um die Bedingungen auf dem Feld zu überwachen und Landwirte in Echtzeit zu beraten.

Sie argumentierten, dass die Kombination von Saatgut- und Datengeschäft den großen Konzernen ermögliche, “firmeneigene Plattformen zu schaffen, die für den Wettbewerb nicht zugänglich sind”.

“Wenn die Debatte Ängste der Landwirte schürte, ihre Daten zu teilen, würde das eine riesige Chance für nachhaltigere Anbaumethoden untergraben.“ anonymer Monsanto-Vertreter

Monsanto-Vertreter sind zurückhaltend, wenn es um die Notwendigkeit neuer Gesetze geht. “Die Sorge ist, dass Regulierung zu Paranoia führt”, sagte ein Gesprächspartner.

“Wenn die Debatte Ängste der Landwirte schürte, ihre Daten zu teilen, würde das eine riesige Chance für nachhaltigere Anbaumethoden untergraben.“

Allerdings bleibt die Möglichkeit einer flexiblen Preispolitik, und der Nutzung von Datenplattformen für den Verkauf von Saatgut, Pestiziden und Düngemitteln, bestehen – bis jetzt ist nichts reguliert.

Ein großes Fragezeichen hinter Preisen und der Verfügbarkeit von Produkten

Die Missouri Farm Bureau Federation steht nach eigenen Angaben in laufenden Verhandlungen mit Vertretern der Agrarindustrie. Es geht darum, wer Eigentümer der Daten ist, die von digitalen Apps wie Climate Fieldview gesammelt werden.

“Wir haben zwei große Bedenken: Wie wird sich das auf die Preise von Produkten auswirken? Und wie wird es sich auf die Verfügbarkeit von Produkten auswirken?“, sagte Spencer Tuma, Leiterin der Rechtsabteilung des Verbandes, der HuffPost. Sorge bereiten ihr mögliche Folgen für Landwirte, Viehzüchter und letztlich auch für Verbraucher – in Form höherer Lebensmittelpreise.

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“Es gibt eine Verantwortung für den Kongress zu prüfen, ob diese Arten von Fusionen gesetzeskonform sind“, sagte Tuma weiter.

Der Kongress hat die Befugnis, bestehende Fusionsgesetze zu überarbeiten oder neu zu fassen. Im Juli wandten sich 19 Senatoren an die Kartellabteilung im Justizministerium und äußerten ihre Sorge über den Zusammenschluss. Insofern ist nicht ausgeschlossen, dass der Kongress noch tätig wird.

Monsanto-Sprecher Carroll zeigt sich dessen ungeachtet zuversichtlich. “Die Übernahme von Bayer durch Monsanto hat eine langwierige und strenge Überprüfung durch die zuständigen Wettbewerbsbehörden durchlaufen”, sagte er.

US-Umweltschützer fordern, dass Monsanto auferlegt wird, Climate Fieldview zu verkaufen. Dann wäre die Zukunft der weltweiten Agrardaten – wem sie gehören und wie sie verwendet werden – noch nicht entschieden.

Dieser Artikel ist zuerst bei der HuffPost USA erschienen und wurde von Sandra Tjong aus dem Englischen übersetzt.

(ujo)