BLOG
05/04/2018 19:19 CEST | Aktualisiert 05/04/2018 19:19 CEST

Mompreneurs: Ich will gründen. Jetzt!

istock.com/PeopleImages

Immer mehr Mütter wagen den Sprung in die Selbstständigkeit. Die Hauptmotivation der sogenannten Mompreneurs? Besser über den eigenen Tag zu verfügen, mehr Zeit für die Familie zu haben und letztendlich den Traum vom eigenen Geschäft zu leben. Drei Gründerinnen mit Kindern geben uns Einblick in ihren Alltag.

Im Jahr 2016 gab es laut der aktuellen KfW-Studie 105.000 Existenzgründungen durch Mompreneurs. Heute sind rund eine halbe Million Mütter mit minderjährigen Kindern in Deutschland selbstständig, besagt eine Studie von Ebay aus dem Jahr 2016.

Müttern ist vor allem eines wichtig: die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Home Office und die persönliche Zeiteinteilung spielen dabei eine große Rolle. Esther Eisenhardt, Gründerin der Plattform Mompreneurs, fasst die Motivation der selbstständigen Mütter so zusammen: „Es geht mir gar nicht darum, viel Geld in kurzer Zeit zu verdienen. Erfolg bedeutet für mich eine Work-Life-Balance zu haben, Zeit für mich, Gesundheit, Flexibilität und finanzielle Unabhängigkeit.“ Und das unterscheidet Mompreneurs grundlegend von Gründern ohne Kinder.

Für viele Mütter beginnt die Selbstständigkeit in der Elternzeit. Die Buchautorin Isa Grütering beschreibt das in ihrem Interview mit dem Frauenmagazin „Brigitte“: „Plötzlich wird man auf Null runtergefahren und hat Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen und mit dem Leben, das man führt. Man überdenkt sehr stark seine Prioritäten. Ist der Job das Wichtigste? Was bedeutet Karriere? An welcher Stelle stehen Familie und Freunde?“

Wir haben mit drei Müttern gesprochen, die ein Unternehmen gegründet haben.

Jessica, 36 Jahre, 2 Kinder (10 und 4 Jahre), aus Berlin

Copyright: Designupdate

Jessica ist zweifache Mutter und hat noch während der Elternzeit den Online-Shop Designupdate gegründet, der spezialisiert ist auf in Deutschland und Europa hergestellte Wohnaccessoires, Designmöbel und Geschenkartikel.

Sie war unzufrieden mit ihrem damaligen Job als Shopleiterin eines kleinen Ladens. Der Berlinerin fehlte die Kreativität und Eigenständigkeit. Also sprang sie ins kalte Wasser und baute aus der Elternzeit heraus ihren eigenen Online-Shop auf.

Sie versucht stets, ihren Kindern genügend Zeit einzuräumen: „Ich arbeite circa 35 Stunden in der Woche und hole gegen 16:30 Uhr den Kleinen aus der Kita ab. Wenn doch mal mehr zu tun ist, holt mein Freund die Kinder oder mein Sohn kommt mit ins Lager. Er ist mit seinen vier Jahren schon sehr selbstständig, so dass ich auch in seiner Anwesenheit gut zwei Stunden weiterarbeiten kann. Meine Tochter kümmert sich nach der Schule eigenständig um ihre Hausaufgaben.“

Sally, 42 Jahre, 1 Tochter (7 Jahre), aus München

Copyright: Kai Salzmann / Das Engelhaus

Sally arbeitet sieben bis acht Stunden pro Tag in ihrem Second-Hand-Laden Das Engelhaus. So bleibt noch genügend Zeit für ihre Tochter und das Familienleben.

Die 42-Jährige fühlte sich nach der Geburt ihres Kindes als festangestellte Grafikdesignerin in Teilzeit in ihrem Unternehmen nicht mehr wohl. Zwischen Job und Kita kam sie sich gehetzt vor. Für ihr Privatleben war einfach zu wenig Platz. Über Nacht kam ihr dann die Idee und sie machte aus ihrer Leidenschaft für Kindermode ein Geschäft. Sally findet, dass sie jetzt viel mehr Möglichkeiten hat, sich kreativ auszuleben, als in ihrem alten Job. „Von meinem Logo bis hin zu jedem Regal kommt bei mir im Laden alles aus meiner Hand. Ich habe alles so gestaltet, dass ich mich wohl fühle. Das merken auch die Kunden.“

Catalina, 37 Jahre, 1 Sohn (1 Jahr), aus Frankfurt

Copyright: Babs mobile Fotografie

Die alleinerziehende Catalina hat ihr Unternehmen, den Mobilen Tiernotdienst, vor fünf Jahren – damals noch kinderlos – gegründet. Mittlerweile hat sie 15 Beschäftigte in drei deutschen Städten. Ihr Notdienst bedeutet Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit, auch an freien Tagen und Feiertagen. Die 37-Jährige Tierärztin pendelt zwischen Frankfurt, Berlin und Köln, hofft aber durch eine Umsiedlung in die Hauptstadt etwas mehr Routine in ihren Tagesablauf mit dem einjährigen Noah zu bekommen.

Derzeit kommt ihr Nachwuchs noch überall mit hin: „Noah ist immer bei mir. Wir sind ein gutes Team. Egal wohin, er ist immer mit dabei. Er kommt auf Kongresse und Sitzungen mit. Und ich kenne sämtliche Indoor-Spielplätze an den unterschiedlichsten Orten.“

Die Vorteile, eine Mompreneur zu sein, liegen für die Gründerinnen auf der Hand: „Ich kann mir meine Termine legen, wie ich möchte. Was ich in dieser Zeit nicht schaffe, kann ich hinten dran hängen“, sagt Jessica. Sally unterstützt die Aussage: „Meine Arbeitszeiten sind dieselben wir im Festangestelltenverhältnis. Allerdings kann ich jetzt jederzeit schließen, wenn ich in den Urlaub fahren will oder mein Kind mal krank ist. Dann verdiene ich natürlich kein Geld, aber ich muss mich bei niemandem rechtfertigen.“ Catalina findet: „Ich habe zwar nicht mehr Zeit für mich, aber ich erlebe mehr. Außerdem habe ich mehr Freiheiten, weil es meine Mitarbeiter jetzt viel mehr respektieren, wenn ich sage, ich kann jetzt nicht.“ 

„Jede Entscheidung, die ich treffe, betrifft das Leben meiner Familie direkt. Ich trage allein die Verantwortung für das Unternehmen.“ Jessica
 

In Interviews oder Artikeln über das Mompreneur-Sein liest sich das selbstständige Leben häufig sehr positiv. Die Frage „Hast du es bereut, dich selbstständig gemacht zu haben?“ beantworten nur wenige uneingeschränkt ehrlich. Jessica kennt beide Seiten und hat keine Scheu, darüber aufzuklären: 
„In manchen Phasen bin ich stolz auf mich, dass ich so mutig war, mich selbstständig zu machen. In diesen Momenten möchte ich nie wieder festangestellt sein, denn ich liebe das, was ich tue, sehr. Es gibt aber auch Phasen, in denen die Bestellungen nicht einfach so reinflattern. Dann fange ich an zu zweifeln. Schließlich hänge nicht nur ich dran. Jede Entscheidung, die ich treffe, betrifft das Leben meiner Familie direkt. Ich trage allein die Verantwortung für das Unternehmen.“
 Catalina zeigt eine weitere Seite auf: „Meine größte Herausforderung ist die Zeit. Immer und zu jedem Zeitpunkt will jemand etwas von mir. Ich habe nie richtig frei. Es ist nicht immer leicht, zwischen Tür und Angel Entscheidungen treffen zu müssen.“
 

„Resilienz bedeutet nicht nur, in widrigen Situationen cool zu bleiben, sondern kleine und große Krisen zu überwinden und an ihnen zu wachsen.“
 Meike Bukowski, pme Familienservice
 

Meike Bukowski, Resilienzexpertin beim pme Familienservice, dem größten Work-Life-Balance-Anbieter im deutschsprachigen Raum, sieht selbstständige Mütter als perfekte Gelassenheitsmanagerinnen: „Resilienz bedeutet nicht nur, in widrigen Situationen cool zu bleiben, sondern kleine und große Krisen zu überwinden und an ihnen zu wachsen.
 Die hoch motivierten Gründerinnen sind oftmals optimistisch, arbeiten lösungsorientiert und sehr fokussiert. Sie lassen sich nicht von unwichtigen Dingen ablenken und wissen die Handlungs- und Entscheidungsspielräume, die sie als Gründerinnen erleben und mitgestalten, sehr zu schätzen. Ihre gewonnene Flexibilität hilft ihnen, Beruf, Kind und Privatleben zu vereinbaren und resilient zu bleiben.“ 

„Durch Noah musste ich notgedrungen viele Dinge abgeben, und das hat mir eine neue Sicht auf vieles in meinem Alltag gebracht.“ Catalina
 

Allerdings haben sich Catalinas Prioritäten durch Noah stark verschoben. Sie musste lernen, loszulassen: „Vorher lebte ich 24 Stunden für den Notdienst, musste immer einspringen, wenn einer ausgefallen war. Meine Lebensqualität hatte in der Zeit stark abgenommen. Durch Noah musste ich notgedrungen viele Dinge abgeben und das hat mir eine neue Sicht auf vieles in meinem Alltag gebracht.“ Interessanterweise hatte das einen großen Vorteil für ihr kleines Unternehmen: „Dafür, dass ich viele Dinge outsourcen musste, hatte ich die Möglichkeit, mit meinem kleinen Unternehmen zu wachsen.“
 

„Viele meiner Kunden sind mittlerweile Freunde.“ Sally
 

Für Sally ist ihr Geschäft viel mehr als nur ein Business. Es ist ihr zweites Baby: „Ich hätte nicht gedacht, dass ich so emotional an Das Engelhaus gebunden sein würde. Viele meiner Kunden sind mittlerweile Freunde. Ich sehe ihre Kinder aufwachsen und leide auch mit bei Einzelschicksalen. Ich bekomme hier wirklich viel Liebe und möchte das auch so zurückgeben.“ Auch Jessica liebt, was sie tut: „Ich investiere viel Zeit in die Suche und Recherche nach den richtigen Produkten, die Menschen glücklicher machen sollen. Für mich ist es das Schönste, wenn ich die positiven Feedbacks von den Kunden erhalte.“

Dieser Artikel erschient zuerst im klecks - Lernwelten Magazin des pme Familienservice.