ELTERN
28/11/2018 17:00 CET

Mobbing: Daran erkennen Eltern, ob ihr Kind schikaniert wird

Auch wenn ein Kind nicht über Hänseleien oder Ausgrenzung in der Schule spricht, gibt es einige Anzeichen, an denen Eltern erkennen können, dass etwas nicht stimmt.

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Anna* war in der 9. Klasse als alles anfing. Ihre Mitschüler am Gymnasium machten ihr das Leben schwer. Sie beleidigten das Mädchen, leerten immer wieder ihren Schulranzen aus, klauten ihr Sachen.

Irgendwann fing Anna an, die Schule zu schwänzen. Dann bekam sie eine Essstörung – nur ein Grund mehr für ihre Mitschüler, sie zu mobben.

Geholfen hat ihr in der Schule niemand, wie der “Tagesspiegel” berichtet. Irgendwann wollte Anna die Schule wechseln, ihre Noten wurden schlechter – obwohl sie früher eine Musterschülerin gewesen war. Doch sie fand keinen Platz an einer anderen Schule. Also musste sie sich weiter in die Klasse quälen.

Irgendwie überstand sie den Alltag der 9. und auch 10. Klasse. In der 11. Klasse schien sich die Situation zu bessern. Doch das sollte nicht lange anhalten. Nach einer Weile litte Anna an Depressionen, fing in ihrer Verzweiflung an, mit Drogen zu experimentieren.

Im zweiten Halbjahr ging Anna nur noch sporadisch in den Unterricht. Als ihre Eltern beschlossen, sie von der Schule zu nehmen, war es schon zu spät. An ihrem 16. Geburtstag nahm sich das Mädchen das Leben.

Mobbing ist ein sehr ernstzunehmendes Problem

Was Anna in extremer Form erlebt hat, kommt häufiger vor, als vielen bewusst ist.

Laut einem Bericht des UN-Kinderhilfswerks UNICEF erlebt jeder zweite Schüler zwischen 13 und 15 in der Schule oder deren Umfeld Gewalt oder Mobbing durch Gleichaltrige. Weltweit sind rund 150 Millionen Jugendliche davon betroffen – in reichen wie in armen Ländern. 

Laut Deutschem Kinderschutzbund hat jeder dritte Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren in Deutschland bereits mitbekommen, wie Menschen im näheren Umfeld im Internet oder per Handy fertiggemacht wurden. 

Ein großes Problem beim Thema Mobbing ist jedoch, dass Kinder, die schikaniert werden, häufig nicht darüber sprechenoder sogar glauben, es sei normal. Nicht selten bekommen die Eltern erst davon mit, wenn es richtig schlimm wird und können deshalb nicht rechtzeitig eingreifen und ihre Kinder beschützen. 

Das ist ein Problem, denn dauerhafte seelische oder auch körperliche Gewalt kann sich massiv auf das Wohlbefinden und die schulischen Leistungen eines Kindes auswirken. 

So können Eltern erkennen, ob ihr Kind gemobbt wird

Auch wenn ein Kind nicht über Hänseleien oder Ausgrenzung in der Schule spricht, gibt es einige Anzeichen, an denen Eltern erkennen können, dass etwas nicht stimmt. 

“Wenn ein Kind Schlafprobleme oder Probleme mit dem Essen hat, kann es ein Hinweis darauf sein, dass es sich in einer Notlage befindet”, sagte Elizabeth Englander, Gründerin und Direktorin des Massachusetts Aggression Reduction Center, einer Anti-Mobbing-Einrichtung an der Bridgewater State University. 

Insbesondere dann, wenn ein Kind plötzlich sein Verhalten oder seine Gewohnheiten ändert, sollten Eltern aufmerksam werden.

Wenn ein Kind sich zum Beispiel von heute auf morgen aggressiver oder ängstlicher verhält, kann das ein Anzeichen für Mobbing sein: “Manchmal spielen die Kinder nach, was sie in der Schule erleben, um damit umzugehen”, sagte Irene van der Zande, Gründerin der Nonprofit-Organisation Kidpower.

Auch plötzlich auftretende Schamgefühle können laut Zande darauf hindeuten, dass ein Kind gehänselt wird.

Eltern sollten außerdem aufhorchen, wenn ihr Kind auf einmal Freunde ablehnt, mit denen es sonst immer gespielt hat oder Aktivitäten aufgibt, die ihm immer Spaß gemacht haben

Ein weiterer Hinweis können plötzlich abfallende schulische Leistungen sein. Manche Kinder möchten nicht mehr in die Schule gehen und nennen Bauchschmerzen oder andere Beschwerden als Grund.

Tritt dies häufiger auf oder ist bemerkbar, dass es dem Kind am Wochenende gut und unter der Woche schlecht geht, sind das weitere mögliche Anzeichen von Mobbing. 

Wie Eltern ihren Kindern helfen können 

Wenn Eltern eines dieser Anzeichen bei ihrem Kind bemerken, oder ihr Kind sich ihnen gegenüber sogar von sich auf öffnet, sind zwei Dinge ganz entscheidend. 

Zum einen sollten Eltern ihre eigenen Gefühle und Reaktionen kontrollieren.

Denn dem Kind ist nicht damit geholfen, wenn sie übereilt und unüberlegt handeln und beispielsweise sofort Kontakt zu den Tätern oder ihren Eltern suchen. 

Zum anderen sollten Eltern Anzeichen von Mobbing immer sehr ernst nehmen und entschieden und ausdauernd dagegen vorgehen, bis sich etwas ändert. 

Das Staatsinstitut für Frühpädagogik hat einige sehr hilfreiche Tipps für Eltern im Umgang mit Mobbing zusammengetragen. Die Experten empfehlen, zunächst ein vertrauensvolles Gespräch mit dem Kind zu führen, ihm zu signalisieren, dass seine Sorgen ernst genommen werden und dass man ihm glaubt. Anschließend können folgende Reaktionen für das Kind hilfreich sein: 

  1. Helft eurem Kind, sich über seine Gefühle und Gedanken zu dem Mobbingvorfall bewusst zu werden: “Wie geht es Dir? Was fühlst Du? Was denkst Du?”
  2. Akzeptiert die Gefühle eures Kindes wie Ärger, Wut und Scham.
  3. Versucht mehr Informationen zu bekommen: “Was ist passiert? Was wird noch passieren?”
  4. Beobachtet und erfragt, ob euer Kind körperliche oder psychische Symptome zeigt.
  5. Vermeidet unbedingt alle Beschuldigungen oder ein Herunterspielen der Situation: “Da musst du dich mal wehren und dir nicht immer alles gefallen lassen! Die werden dich schon nicht ohne Grund geärgert haben! Das gibt sich von selbst, warte nur ab.”
  6. Helft eurem Kind, über sein Verhalten nachzudenken: “Was könntest Du gemacht haben? Und was könnte das bewirkt haben?” Macht dennoch deutlich, dass euer Kind keine Schuld daran trägt, dass es gemobbt wird.
  7. Überlegt mit eurem Kind mögliche Lösungen: “Was könntest Du jetzt tun? Was wäre auch möglich?”
  8. Helft eurem Kind, sich für eine Lösung zu entscheiden und bietet Hilfe an: “Das ist eine gute Idee. Wie kann ich Dir dabei helfen?”

In Fällen von Mobbing sollten Eltern sich nicht scheuen, auf den Klassenlehrer zuzugehen und um ein Gespräch zu bitten. Wird das Problem nicht ernst genommen, sollten Eltern sich an den Elternrat oder die Schulleitung wenden. 

Es kann auch hilfreich sein, gemeinsam mit dem Kind ein Mobbing-Tagebuch zu führen. So können wichtige Fragen festgehalten werden, wie: Wer das Kind schikaniert, zu welchen Zeitpunkten es geschieht, was die möglichen Auslösen sein könnten, was genau geschieht und welche anderen Kinder dabei zugesehen haben. 

Anhand eines solchen Protokolls kann es einfacher sein, gemeinsam mit Klassenlehrern und betroffenen Schülern über die Vorfälle zu sprechen. 

Es kann darüber hinaus hilfreich sein, mit einem Kinder- und Jugendtherapeuten in Kontakt zu treten.  

* Name geändert.

(lp)