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02/08/2018 15:55 CEST | Aktualisiert 02/08/2018 15:55 CEST

Ich leide unter Depressionen: So solltet ihr nicht mit mir umgehen

"Ich möchte Angehörigen und Freunden ohne Erfahrung Tipps geben"

PeopleImages via Getty Images
"Manchmal brauchen Betroffene einfach jemanden, mit dem sie reden, weinen,  oder lachen können." (Symbolbild)

Ich bin fast 21 Jahre alt und leide an einer bipolaren Depression. Und bevor du dich jetzt fragst, woher ich das denn wissen will, und dir denkst, dass ich einfach nur übertreibe: Ich war bereits bei zahlreichen Therapeuten und Ärzten.

Außerdem werde ich momentan von einem Psychiater behandelt. Früher habe ich Antidepressiva eingenommen. Momentan nehme ich Stimmungsstabilisierer, obwohl ich die Antidepressiva besser fand.

Ich möchte Angehörigen helfen

Ich lebe jetzt schon ziemlich lange mit dieser Erkrankung. Ich erinnere mich, dass ich bereits in der 6. oder 7. Klasse zum ersten Mal Depressionen empfunden habe, die über ein normales Gefühl der Traurigkeit hinausgingen. Im Laufe der Zeit habe ich im Bezug auf mich und meine Situation die unterschiedlichsten Reaktionen und Einstellungen von anderen Menschen erfahren.

Und deshalb möchte ich Menschen, die keine Erfahrung mit Depressionen haben, ein paar Tipps geben. Ich möchte ihnen erklären, was sie tun oder lieber lassen sollten, um Angehörigen helfen zu können, die an der Erkrankung leiden.

Depressionen alleine bewältigen zu müssen ist schrecklich. Und deshalb hoffe ich, dass Angehörige es mit meinen Tipps schaffen, anderen Betroffenen zu zeigen, dass sie nicht allein sind.

 

1. Die Krankheit hat nichts mit dir zu tun

Mal abgesehen von der Tatsache, dass man sich überhaupt mit Depressionen herumschlagen muss: Einer der frustrierendsten Aspekte der Erkrankung ist es, dass andere Menschen ständig denken, dass sie etwas mit ihnen zu tun habe. Wenn ein Freund, ein Familienmitglied oder dein Partner an Depressionen leidet, solltest du nicht automatisch davon ausgehen, dass du der Grund dafür bist oder dass du die betroffene Person nicht glücklich machst.

► Depressive Menschen können noch immer Glück empfinden. Ebenso wie alle anderen Gefühle auch.

Ich liebe meinen Freund und er macht mich glücklich. Doch damit kann ich meine Depressionen nicht “lösen”. Und das ist auch vollkommen in Ordnung so. Hinter einer Depression stecken meist sehr viele verschiedene Gründe. Und deshalb solltest du es auch nicht persönlich nehmen, wenn du die Depressionen deines Angehörigen nicht einfach so verschwinden lassen kannst.

Außerdem solltest du es dem Betroffenen auch nicht übel nehmen, wenn er hin und wieder keine Lust hat, etwas mit dir zu unternehmen oder mit dir zu reden. Stattdessen solltest du versuchen, Verständnis für die Situation aufzubringen, in der die betroffene Person gerade feststeckt. Und sei nicht wütend, weil der Betroffene vielleicht manchmal nicht so präsent oder gesellig ist, wie du ihn gerne haben würdest.

2. Depressionen können sich auf verschiedene Arten äußern

Beim Begriff “Depression” denken die meisten Menschen zuerst an extrem traurige und lethargische Menschen. Dieser Zustand ist jedoch nur ein sehr kleiner Aspekt von Depressionen, der gar nicht einmal unbedingt auf jeden Betroffenen zutreffen muss.

“Depression” ist eigentlich eine Art Sammelbegriff.

Und manchmal wünsche ich mir, dass man in der Öffentlichkeit mehr über die verschiedenen Arten hören würde, auf die Depressionen sich äußern können. Wie ich bereits am Anfang erwähnt habe, leide ich an einer bipolaren Depression. 

In meinem Fall bedeutet bipolar, dass ich leicht reizbar bin und dass meine Stimmung von einer Sekunde auf die nächste von glücklich auf extrem schlecht gelaunt umschlagen kann. Das kann mir überall und in jeder Situation passieren. Außerdem bedeutet es, dass ich mir über viele Dinge sehr schnell eine Meinung bilde. Dieses Verhalten ist jedoch problematisch. Und ehrlich gesagt kann es sogar ziemlich erschreckend sein, wenn ich gerade in einer depressiven Phase feststecke. Denn es bedeutet, dass ich mir oft sehr viele Gedanken über schwierige Themen mache und mir vorschnell eine Meinung dazu bilde.

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Bei anderen Betroffenen äußern sich Depressionen dadurch, dass sie wütend, ängstlich, selbstzerstörerisch oder extrem gestresst sind. Diese Menschen sind oft sehr sozial. Und trotzdem haben sie im Umgang mit anderen ständig Angst, alles falsch zu machen. Du kannst dir also nie so ganz sicher sein, ob ein Mensch nicht vielleicht doch an Depressionen leidet. Auch wenn er deinen Vorstellungen von einem typischen Depressiven so überhaupt nicht entspricht.

3. Zeige Verständnis für die Probleme von Depressiven 

Gegen Depressionen ankämpfen zu müssen, ist schwer. Sehr, sehr schwer. Oft fällt es Betroffenen sogar schon schwer, ganz alltägliche Aufgaben zu erledigen. Eine Sache, die für dich überhaupt kein Thema ist, kann für einen depressiven Menschen ein riesiges Problem darstellen.

Es gab eine Zeit, in der ich eine sehr schwere depressive Phase durchmachte. Ich musste darum kämpfen, überhaupt am Leben zu bleiben. Ich wachte jeden Morgen mit dem Gedanken auf, dass ich einfach nicht mehr weitermachen wollte. Es war schrecklich. 

Für mich fühlte sich damals jeder Tag so an, als stünde ich kurz vor dem Ertrinken. Und deshalb wollte ich manchmal gar nicht erst aufstehen, etwas essen oder mich mit anderen unterhalten. Ich bin mir sicher, dass fast jeder Depressive diesen Zustand schon irgendwann einmal erlebt hat. Wir fühlen uns ohnehin schon unglaublich schlecht. Und es hilft uns überhaupt nicht, wenn andere behaupten, dass wir nur zu faul seien oder uns einfach mehr anstrengen müssten, um unsere Depressionen in den Griff zu bekommen. Für manche Menschen ist es eine große Leistung, es überhaupt durch den Tag geschafft zu haben. Selbst wenn sie dafür nicht einmal aufgestanden sind. 

4. Helft den Betroffenen so, wie sie es brauchen

Manchmal brauchen Betroffene einfach jemanden, mit dem sie reden, weinen, kuscheln, abhängen, fernsehen, etwas gemeinsam erledigen oder lachen können. Manchmal brauchen sie jemanden, der zwar nicht körperlich anwesend ist, den sie jedoch jederzeit erreichen können. Jemanden, auf den sie sich verlassen können.

Ich wohne in Kalifornien und eine meiner Freundinnen lebt in North Carolina. Wir hören uns zwar nicht jeden Tag, doch sie ist immer erreichbar, wenn ich mit ihr über FaceTime reden möchte oder muss. Ich kann mit ihr über wichtige Angelegenheiten oder aber über vollkommen belanglose Dinge reden. Ich glaube, sie weiß gar nicht, wie viel mir das bedeutet. Vor allem in Zeiten, in denen ich besonders schwere Phasen durchmache.

Das sind nur ein paar der vielen Dinge, die du tun kannst, um depressiven Menschen in deinem Umfeld zu helfen. Versuche, mit ihnen zu reden. Denn so entwickelst du mehr Verständnis für ihre Probleme und findest heraus, wie du ihnen am besten helfen kannst.

Einige Betroffene wollen vielleicht anfangs nicht über ihre Gefühle sprechen, weil es sehr schwer ist, darüber zu reden. Und deshalb solltest du geduldig und respektvoll mit ihnen umgehen.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

Hinweis der Redaktion: Wenn ihr selbst betroffen seid oder mehr Informationen zum Thema Depressionen einholen wollt, könnt ihr euch an die Deutsche Depressionshilfe wenden. Telefonisch erreicht ihr die Experten unter 0800 / 33 44 533.

(nc)