LIFE
15/02/2019 14:04 CET | Aktualisiert 15/02/2019 14:22 CET

Mit 23 verlor ich plötzlich meine Haare – so änderte ich mein Leben

Ich verstand, wie weit ich schon gegangen war – und dass ich endlich etwas ändern musste.

Kathleen Wong

Mit 23 fielen Kathleen Wong plötzlich die Haare aus. Sie bekam die Diagnose Alopecia Areata, eine Autoimmunerkrankung. Wong aber glaubte fest daran, dass ihr stressiger Lebensstil Grund für den Haarausfall war – und begann ihr Leben zu ändern.

Um ehrlich zu sein: Stolz auf mein Haar war ich noch nie. Es war nie dick, glänzend oder voll wie das meiner Schwester. Seit ich in der Highschool war, färbte ich mein Haar blau, pink, silber und grün, einmal habe ich es sogar komplett gebleicht. Es war schon immer ein kaputter, unbeeindruckender Haufen, aber es war mein kaputter, unbeeindruckender Haufen. 

Was es mir bedeutet, habe ich nie realisiert, bis ich begann, es in handgroßen Mengen zu verlieren. Das zwang mich dazu, die Art und Weise wie ich durchs Leben ging, zu überdenken. 

Im vergangenen Februar waren meine Schwester und ich in Austin, Texas. Es sollte ein entspannendes Wochenende mit viel gegrilltem Essen und Gelächter werden. Während meine Schwester unter der Dusche war, glitt ich gedankenverloren mit den Händen durchs Haar. Da fühlte ich es – etwas Weiches und etwas Fleischiges. Das fühlt sich nicht richtig an, dachte ich noch. 

Meine Schwester keuchte, als sie es sah

Ich fragte meine Schwester, ob sie nachschauen könne. Sie keuchte. Es war eine 1-Dollar-große kahle Stelle auf meinem Hinterkopf. Ich rastete natürlich völlig aus, begann zu weinen und rief meinen Vater in Kalifornien an. Er hatte die Vermutung, dass es sich um die Autoimmunkrankheit Alopecia Areata handelte. Bei dieser Krankheit attackiert der Körper die Haarfollikeln. Man nimmt an, dass Stress diese Krankheit triggert. Mich überraschte das nicht, weil ich schon lange mit einer Angststörung lebe. 

Zu dieser Zeit lebte ich gerade in New York und arbeitete in den Medien, obwohl ich das Interesse an beidem, an der Stadt und an der Industrie, schon lange verloren hatte. 

Ich bin auf Hawaii aufgewachsen und den New Yorker Winter zu überstehen wurde für mich immer härter. Ich hatte ständig Angst um meine Freundschaften, um meine Lebenssituation und mein Liebesleben. Ich setzte mich selbst unter extremen Druck, um einen Traumjob an der West Coast zu ergattern. Ich kam weit genug im Bewerbungsprozess, dass sie mich nach Kalifornien einluden.

Ein Vorstellunsgespräch bedeutete tagelanges Kopfzerbrechen

Ich weiß noch, wie ich mir tagelang den Kopf über das Vorstellungsgespräch zerbrach. Als ob der Job das goldene Ticket aus allem, das ich fühlte, sei. Ich erinnere mich auch noch daran, wie ich vor dem Gespräch mein nasses Haar kämmte und wie sich ein Bündel Haarsträhnen in den Zähnen des Kamms verfing. Ich zuckte nur mit den Achseln, denn in diesem Augenblick war das Kahlwerden nicht auf meinem Radar. 

Ich vermute, wir können sagen, dass ich sehr gestresst war, weil sich dieser eine kahle Spot schnell zu 13 kahlen Spots auf meinem Kopf multiplizierte. Die Tage, die folgten, waren eine emotionale Achterbahnfahrt. Die meiste Zeit meines 24. Geburtstages verbrachte ich weinend. 

Meine erste kahle Stelle, die ich im Februar 2018 entdeckte: 

 
Wong's first bald spot, found in February 2018, was a shock to her.
 

Doktorbesuche, das sorgfältige Auftragen von Cremes und das tägliche Überprüfen winziger kahler Stellen wurde zu meiner täglichen Routine. Und ich passte immer gut auf, dass kein anderer Mensch meine kahlen Stellen sah. 

Ich war kurz davor, aufzugeben

Ich versuchte Akupunktur aus, verschiedene Öle, Anwendungen, Gewürze. Ich fürchtete den Wind, mein Kopfkissen am Morgen, Dating und das Haarewaschen. Ich beneidete meine Freunde, die sich keine Sorgen um ihre Haare machen mussten und sie am Kopf zusammen binden konnten, ohne sich Sorgen zu machen. Es höhlte mich innerlich aus und verbrauchte so viel Zeit. Je größer die kahlen Stellen wurden, desto größer wurde auch meine Angst. “Warum ich?”, fragte ich mich immer wieder. 

Gerade als das alles passierte, bekam ich eine Antwort von einem Job auf Hawaii, den ich schon lange aufgegeben hatte. Ich bekam eine Zusage, sollte schon in ein paar Wochen anfangen. Ich wog ab, ob ich den Job wirklich annehmen sollte, ob es eine gute Idee sei. Denn gerade war ich dabei, abhängig von der Unterstützung meiner Eltern zu werden. Die brauchte ich, um es durch den Tag zu schaffen. 

Deshalb überlegte ich, dass es die beste Entscheidung sei, nach Kalifornien zu gehen und mir eine Auszeit zu nehmen, bis ich mich dazu bereit fühlte, weiterzumachen. Die einfachste Lösung war es, bei meinem Vater zu bleiben. 

“Es wird ja sicher noch weitere Möglichkeiten geben, nach Hawaii zu ziehen, nicht wahr?”

Ich hatte Angst, dass meine Krankheit mich in der Hand hatte

Trotzdem konnte ich das Gefühl nicht abschütteln, dass meine Krankheit mich davon abhielt, meine Träume zu verfolgen, indem ich diese Chance verstreichen ließ. Nachdem ich mich tagelang damit stresste, kam ich zu dem Entschluss, dass es vielleicht gar keine richtige Entscheidung gibt; es gibt nur die Entscheidung, die du eben in einem bestimmten Moment triffst. 

Wenn es nicht funktioniert, änderst du deine Entscheidung eben. Das ist das Leben, mit oder ohne Krankheit. Also nahm ich den Job an und ging das Risiko ein, alleine nach Hawaii zu ziehen. 

Während meine Freunde und ich uns um eine letzte Pizza auf meinem Fußboden in meiner Wohnung in Brooklyn versammelten, jammerte ich darüber, dass diese große Veränderung meinen Haarausfall noch verschlimmern könnte. 

“Was, wenn ich die falsche Entscheidung treffe? Was, wenn ich all meine Haare verliere? Wie gehe ich dann mit einer Perücke zum Strand? Allein bei der Vorstellung wird mir heiß.”

Eine meiner Freundinnen drehte sich zu mir um und sagte: “Versuch, diese Krankheit als etwas Positives zu betrachten. Sie bringt dich dazu, aufzuhören, dir über die unwichtigsten Dinge den Kopf zu zerbrechen.” 

Vielleicht hatte sie Recht damit. Vielleicht war es an der Zeit, aufzuhören, mir von gewissen Dingen meine Energie rauben zu lassen, damit ich keine Haare mehr verliere. 

Alopecia Areata ist unvorhersehbar

Meine Angststörung hatte nun eine echte, greifbare Konsequenz. Wenn irgendetwas ein großes rotes Warnzeichen ist, das mir sagt, aufzuhören, mir über alles den Kopf zu zerbrechen, dann ist es das. 

Offensichtlich war ihr Rat einfacher gesagt als getan. Die Sache mit Alopecia ist – außer der Tatsache, dass die Krankheit nicht vorhersehbar ist – dass es ein Zustand ist, der eine lange Behandlungszeit erfordert. Haar kann innerhalb von Sekunden ausfallen, aber es dauert Monate, ehe es nachwächst (und selbst dann kann es ausfallen). 

 

Meine Einstellung zu ändern, war ein langsamer und manchmal unglaublich schmerzhafter Prozess. Wenn mein Haar endlich an einigen Stellen nachgewachsen war, fiel es dafür an anderen aus. Vielleicht waren die nachwachsenden Haare auch einfach nicht dicht genug, vielleicht fiel es aber auch einfach überall aus. 

“Bleib positiv”, wiederholte mein Vater immer und immer wieder. “Fokussiere dich auf das Positive.” Das war zu diesem Zeitpunkt alles, was ich tun konnte. Ich habe begonnen, ein Dankbarkeits-Tagebuch zu führen, um mich an jedes noch so winzige bisschen Glück zu erinnern, selbst dann, wenn sich die Situation allgemein schlecht angefühlt hatte. Wenn ich merkte, dass ich wieder begann, mir den Kopf zu zerbrechen, hörte ich bewusst damit auf. 

Selbstbewusste Frauen halfen mir

Wenn ich wieder begann, über mein Haar nachzudenken, sah ich mir auf Instagram schöne Frauen mit Glatzen an, die so glücklich aussahen, wie ich es mir nie vorstellen konnte, zu sein. All diese selbstbewussten Frauen zu sehen, die dagegen ankämpften, dass die Gesellschaft ihnen versuchte, einzureden, was eine Frau schön mache, baute mich auf und gab mir Hoffnung, dass ich auch ein Leben haben konnte, in dem ich alle Dinge tat, die ich tun wollte – mit oder ohne Haar. 

Mit der Zeit konnte ich besser mit meiner Krankheit umgehen. Mein Kopfzerbrechen wurde weniger und so wurden meine kahlen Stellen. Etwa sieben Monate später war jede einzelne meiner 13 kahlen Stellen nachgewachsen. 

Weil das Leben noch immer stressig und unvorhersehbar ist, weiß ich nich, ob ich wieder Alopecia bekommen werde. Aber eine Sache weiß ich jetzt: Wenn ich die Krankheit wieder bekomme, dann wird sie mich nicht davon abhalten zu leben und das zu verfolgen, was ich wirklich will.