LIFE
08/03/2019 19:43 CET | Aktualisiert 08/03/2019 19:43 CET

Mit 14 vergewaltigt, aufgewachsen mit Behinderung: Wie Musola heute Frauen in ganz Afrika inspiriert

"Die meisten denken, wenn du eine Behinderung hast, bist du schwach und hilflos."

Musola Catherina Kaseketi
Musola Catherine Kaseketi

Musola Catherine Kaseketi ist die erste professionelle weibliche Regisseurin Sambias. Im Jahr 2018 wurde sie in der Kategorie Kunst, Kultur und Sport mit dem “Her Abilities”-Award ausgezeichnet. In ihren Filmen thematisiert sie die Lebensumstände von Frauen mit Behinderungen, die – so wie sie selbst – häufig Barrieren ausgesetzt sind.

Ihr erster Film “Suwi” wurde 2009 veröffentlicht und auch auf zahlreichen europäischen Filmfestivals gezeigt. Sie initiierte Sambias erstes internationales Filmfestival und gründete die gemeinnützige Stiftung “Voile Images”, die junge sambische Filmemacher ausbildet. In der HuffPost berichtet sie, wie sie die Umstände ihrer Kindheit sie zu der starken Frau gemacht haben, die sie heute ist.

Musola Catherina Kaseketis Blick ist fest. Ihre tiefbraunen Augen strahlen. Doch es ist auch Traurigkeit, die aus ihnen spricht. 

Im Oktober 1968 wurde die heute 50-Jährige geboren, in einer kleinen Stadt namens Solwezi im Nordwesten Sambias. Ihr Vater nannte sie Musola. Musola bedeutet Einheit.

Als sie 1,5 Jahre alt war, injizierte ihr eine Krankenschwester eine Spritze falsch in ihr Bein. Nur dank einer Operation konnte sie danach wieder laufen, allerdings humpelt sie seitdem und hat Schwierigkeiten und Schmerzen beim Gehen.

Ihre Mutter habe gesagt, sie sei immer ein intelligentes, glückliches und witziges Mädchen gewesen, das andere gerne unterhalten hätte. Doch dann trennten sich ihre Eltern und Musola musste bei ihrem Vater und ihrer Stiefmutter leben.

Sie lief jeden Tag kilometerweit zur Schule – trotz ihrer Gehbehinderung

“Das Leben mit meiner Stiefmutter war von Beginn an ein herausforderndes und miserables Leben. Ich weinte Tag und Nacht”, erzählt sie im Gespräch mit der HuffPost. Ihre Stiefmutter zwang sie, alle Hausarbeiten zu erledigen.

“Ich erinnere mich daran, dass ich an einem Seitentisch stehen und kochen musste, die Wäsche für meine Stiefbrüder, -schwestern und Tanten erledigen musste und alle drei Schlafzimmer des Hauses, den Hof und das Spielzimmer putzte.”

Jeden Tag musste sie mehr als 14 Kilometer zu Fuß in die Grundschule laufen – weil sie von ihrem Vater kein Geld für die Busfahrt bekam. Doch von all diesen Umständen ließ sie sich nicht davon abbringen, eine brillante Schülerin zu sein. 

Doch weil sie zu Hause kaum zu essen bekam, musste sie auf dem Weg zur Schule auf Mangobäume klettern, um ein ausreichendes Frühstück zu haben. Mit der Zeit wurde ihr Bein schwächer und schwächer. Ihre körperlichen Einschränkungen immer schlimmer.

Irgendwann fing sie an, ihre Gefühle und Erlebnisse mit Schreiben, Poesie und Singen zu verarbeiten.

STEPMOTHER

Stepmother your harshness

Has broken my heart

When you shout at me

Pain strikes my already broken heart

It is always the cause of this pain

That tears roll down my cheers for hours

Stepmother, am I not like any other child in this house

Am I like a goat among sheep

Like a sinner among Christians

Like a baobab tree in a coffee plantation

Like a tablet of chloroquine in a plate of chocolates

Am I not expected to be here

Stepmother I regard you as my own mother

I respect you as I respect my own mother

But why do you have to treat me like a stranger in my father’s house

Why can’t you give me the motherly love

I really need that love

Stepmother I am on my knees

Please let me enjoy the fruit

Of being in my father’s house!

In den Ferien durfte sie normalerweise ihre leibliche Mutter besuchen. Doch einmal war es anders. Sie wurde zu ihrem Cousin geschickt.

“Alles, woran ich mich erinnere, ist der Schmerz und das Blut”

Es war ein Besuch, der alles veränderte.

Es gab da diesen Freund ihres Cousins, der mit der Zeit wie ein großer Bruder für Musola geworden war. Gerne scherzte er darüber, dass sie irgendwann seine Ehefrau sein würde. “Meine Stiefmutter lachte darüber. Ich war nur ein kleines Mädchen und verstand es nicht.”

Doch in diesen einen Ferien – sie war 14 – kam er wieder im Haus ihres Cousins vorbei, als er und seine Frau bei der Arbeit waren. “Er vergewaltigte mich. Ich wusste nich wirklich, was passiert war, weil ich jung war. Mir war niemals etwas über Sex, Missbrauch oder Vergewaltigung erzählt worden. Alles, woran ich mich erinnere, ist der Schmerz und das Blut. Dann sagte er mir, ich sollte gehen und mich waschen.”

privat

Erst drei Jahre später, als sie einen Text in einem christlichen Jugendmagazin las, wurde ihr klar, dass sie sexuell missbraucht worden war und ihre Jungfräulichkeit verloren hatte.

“Das war ein herber Schlag in meinem Leben. Es dauerte zehn Jahre, bis ich anfing, mich davon zu erholen und zum ersten Mal über den Missbrauch sprach. Ich weinte tagelang.”

Doch sie nutzte all diesen Schmerz für ihre Leidenschaft für Musik, Schreiben, Tanzen und Poesie – und schrieb ein Gedicht an sich selbst:

PROUD TO BE ME

 

Mama why am I me

Is it me that makes me, me

Is it my behaviour

Perhaps my colour

Perhaps my appearance

Mama what makes me, me

 

I am proud to be me

Why then should I want to change

Why should I try to hide my disability

Why should I feel sorry for myself

Why should I be ashamed of it

Why should I allow others direct my living

Mama I am me because of who I am

 

I me because of me

When I walk

I walk majestically and at bay

Proudly with my beautiful crutch

Because I like to be the same me

I won’t shun this me

Or look down when I meet people

For I love the way I am

 

When I walk along the streets

I walk with joy and head held high

When I dance to the Africa music

I dance to please this me

Drawing myself in the natural

Sounds of my motherland

As the drums go dum-dum-dum-dum

In the African moonlight

And I prance to their rhythm

Yes I am proud to be me

Mama I am proud of my disability

Sie trat dem Theater-Club in ihrer High School bei, kämpfte auch dort immer wieder gegen Vorurteile wegen ihrer Behinderung, wurde in den Hintergrund gedrängt. “Ich wusste, dass ich gut war, aber ich verstand nicht, warum man mir keine Chance gab. Ich wusste, dass ich vieles besser konnte als einige meiner Freunde, die Chancen bekamen.”

Bald spürten ihre Mitschüler, dass sie kämpfen wollte, um eine Chance zu bekommen

Und sie brauchte Zeit, um zu verstehen, dass ihre Behinderung der Grund dafür war. Sie fing an Sketche und Theaterstücke zu schreiben. Sie fing an sich in ihrer Frustration zurückzuziehen. “Ich lebte in meiner eigenen Welt der darstellenden Künste, des Schreibens, des Singens.”

Bald spürten ihre Mitschüler, dass sie stark war, kämpfen wollte, um eine Chance zu bekommen, ihr Talent auszuleben.

1986 besuchte der erste Präsident der Republik Sambia, Kenneth Kaunda, Musolas Schule. Einer ihrer Lehrer drängte darauf, eines ihrer Gedichte vorzutragen. Der Titel des Gedichts lautete “Namibia wird bald frei sein.”

Beim Präsidenten flossen Tränen, während Musola gemeinsam mit anderen Mädchen das Gedicht vortrug.

“Es war das erste Mal, dass ich eine solche Platform bekam. Dieser Erfolg wurde zu einem Wendepunkt. Ich sagte mir, dass ich nicht mehr auf entmutigende Stimmen hören darf, die mir für meine Entwicklung im Weg stehen.”

“In meinem Land verliert eine Frau, wenn sie sich mit Kunst beschäftigt, Respekt”

Bis heute setzt sich Musola mit ihrer persönlichen Geschichte und ihrer Arbeit als Schriftstellerin, Schauspielerin und Regisseurin für Menschen und vor allem Frauen mit Behinderung ein.

Sie arbeitete für NGOs, gab Workshops und versuchte, sich als Frau mit Behinderung in der afrikanischen Filmindustrie durchzusetzen. Sie studierte Film, später in den USA Menschenrechte. Doch ihr Weg war und blieb steinig.

privat

“Die Filmindustrie ist in Afrika kompliziert. Schlimmer noch, die Branche gilt als eine, die nicht für Frauen, sondern für Männer bestimmt ist. Traditionell war – und ist vielerorts immer noch – der Platz einer afrikanischen Frau in der Küche. Sie muss sich um die Ernährung der Familie und das Wohl der Kinder und des Ehemanns kümmern.”

Als afrikanische Frauen begannen, damit zu brechen, sich nicht mehr sagen zu lassen, was sie tun und was sie nicht tun sollten, war das für Männer ein tiefer Bruch. Musola sagt: “In meinem Land, Sambia, verliert eine Frau, wenn sie sich mit Kunst beschäftigt, Respekt und wird als rebellisch angesehen.”

Ihre Behinderung inspirierte sie immer weiterzukämpfen

Sie hatte als Kind, als Jugendliche und als erwachsene Frau immer wieder Diskriminierung und Unterdrückung erlebt. Denn sie war nicht nur eine Frau, sondern dazu eine Frau mit Behinderung. 

“Meine Behinderung ist das, was mich am meisten motiviert. Denn die meisten denken, wenn du eine Behinderung hast, bist du schwach und hilflos.”

Deshalb hat sie einen Appell an alle Frauen: “Meistens werden Frauen dafür verurteilt, dass sie Frauen sind oder für ihre physische Erscheinung. Selbst wenn du dein Potenzial unter Beweis stellst – wenn du eine Behinderung hast, wird es immer Barrieren auf deinem Weg geben, die du durchbrechen musst.”

Musola hat gelernt, positiv zu denken und den Widerständen in ihrem Leben als Kämpferin entgegenzutreten. Damit will sie auch jeden inspirieren, der glaubt, das Leben sei bedeutungslos und der sich hilflos fühlt.

“Ich hatte kein reibungsloses Leben, und ich kämpfe noch immer. Aber ich finde Freude darin, dass andere ihr Leben verbessern – und das ist es wert zu leben. Ich will euch ermutigen: Konzentriert euch auf das, was ihr könnt, seid bestimmt, haltet durch, habt Energie und seid bereit, zu ignorieren, was andere über euch denken!”

(lp)