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19/04/2018 13:59 CEST | Aktualisiert 19/04/2018 13:59 CEST

Minderjährig gründen: Was Startup-Teens wissen müssen

 Interview mit Rubin Lind, Gründer und Geschäftsführer der Skills4School GmbH

Was bedeutet für Dich nachhaltige Bildung?

Als Schüler hat man viel Zeit, über das Schulsystem nachzudenken. Es gibt nur eins, was auf Dauer teurer ist als Bildung: keine Bildung. Diese Worte von John F. Kennedy treffen es auf den Punkt. Bildung wird immer wichtiger – auch und gerade in Zeiten der Digitalisierung von Prozessen, die eine massive Auswirkung auf unsere Arbeitswelt haben. In Zukunft werden wir uns noch mehr über unsere Bildung definieren, als es schon jetzt der Fall ist.

Steckt die Digitalisierung in unseren Schulen noch in Kinderschuhen?

Schüler präsentieren zwar digital und suchen im Internet viele Materialien zusammen, aber ansonsten ist die Digitalisierung im Unterricht oder im Lernen in Deutschland noch nicht angekommen. Und wenn doch, dann hauptsächlich auf die Eigeninitiative der Lehrer hin.

Was muss sich Deiner Meinung nach ändern?

Die Schule ist dafür da, das Gespräch mit den anderen zu suchen. Das wird auch künftig so bleiben. Niemand wird irgendwann nur noch vor dem PC sitzen und nicht mehr miteinander sprechen. Es ist wichtig, dass Schüler miteinander interagieren und miteinander reden, es Gruppenarbeiten gibt und wir weiterhin analog „stattfinden“. Meine Mitschüler sehen das ganz ähnlich. Wir nutzen Handys und Computer ja schon in der Freizeit.

Lernapps sind zunächst dafür da Faktenwissen und einzelne Prozesse zu vermitteln. Die Zeit in der Schule mehr dazu genutzt werden Skills zu erarbeiten, die wir in der zukünftigen Arbeitswelt brauchen können.

Wie bist Du zum Gründen gekommen?

In Schule erfahren wir darüber zu wenig. Deshalb habe ich mir lieber ein paar Youtube-Videos angesehen. Es gibt zwar viele Berufsberatungen, und man kann zwischen Ausbildung oder Studium auswählen, aber über Selbständigkeit wird nicht gesprochen. Das finde ich sehr schade. Ich verbrachte zwar viel Zeit damit, in die Schule zu gehen, dort herum zu sitzen, nach Hause zu fahren, mir einzureden, ich müsste lernen, wobei ich nicht wirklich etwas Sinnvolles tat. Ich war auf Instagram, Facebook, Netflix & Co. Doch irgendwann scheute ich mich aber vor meiner eigenen Faulheit: Schule, im Anschluss Rumsitzen, zwischendurch meinen Hobbies nachgehen: Tennis spielen oder zu Wakeboarden: Man steht mit seinem Board am Startplatz, wartet auf seinen Start und springt dann aufs Wasser. In diesem Moment hört scheinbar die Begrenzung auf. Nur Du, dein Board und das Wasser. Doch tritt man wortwörtlich einen Schritt zurück und schaut sich das Ganze von oben an, stellt man fest, dass man doch nur an einer Wasserskianlage ist und Minute für Minute im Kreis fährt. Wirklich zufrieden gestellt hat mich das auch nicht. Ich wollte etwas Sinnvolles tun und mein Problem mit dem Lernen lösen. Das war damals der Auslöser.

Was waren damals die größten Herausforderungen für Dich?

Die Gefahr, die Schule zu vernachlässigen, war zwar groß – doch ich konnte beides gut unter einen Hut bekommen. Nach der Schule habe ich mich bewusst hingesetzt und daran gearbeitet. Wenn mich E-Mails erreichten, habe ich natürlich nicht bis nachmittags mit der Beantwortung gewartet, sondern das schon in der Schule gemacht.

Der Bürokratieaufwand war allerdings sehr hoch, immer wieder musste ich wegen meiner Gründung mit 17 zum Amtsgericht. Auch der Bildungsmarkt ist eine Herausforderung für Start-up-Gründer. Staatliche Förderprogramme oder Stiftungen fördern neue Ideen in diesem Bereich häufig nur, wenn das Produkt fünf Jahre erfolgreich läuft und sich didaktisch bewährt hat. Mich störte vor allem die lange Prozessdauer, denn als Start-up möchte man sofort loslegen und nicht noch vier Monate bis zum Start warten. Die Geschwindigkeit eines Startups und die Trägheit der Amtsstuben beißen sich zuweilen, was eine Gründung - gerade von Minderjährigen neben der Schule – zusätzlich beschwert.

Weshalb hast Du Dich davon nicht abschrecken lassen und weiterhin an Deine Idee geglaubt?

Ich war Überzeugungstäter. Die Motivation war für mich entscheidend. Ich habe aus einem Problem heraus begonnen zu handeln und wollte eine Lösung finden - trotz vieler Hürden. Wenn die einmal überwunden sind, und man dann immer noch von seiner Idee und seinem Konzept überzeugt ist, sollte es auch klappen.

Was würdest Du minderjährigen Gründern raten?

Viele von ihnen denken, dass man viel Geld braucht, um zu starten. Man sollte einfach mit dem Kleinsten anfangen. Groß zu denken („think big“) ist zwar wichtig, aber dann sollte man sich fokussieren, um schrittweise voranzukommen. Wichtig ist eine Denkweise, die man sich aneignen muss, um ein Unternehmen zu gründen und zu führen. Dieses Entrepreneur-Denken kann jeder lernen. Wichtig ist aber auch, aufgeschlossen zu sein und zuzuhören. Zudem haben viele erfahrene Unternehmer Interesse daran, junge Gründer nachhaltig zu unterstützen - man muss die Möglichkeiten nur sehen und nutzen.

Dein Startup Skills4School hat vor einem Studium derzeit Priorität für Dich. Warum?

Mit unserem Produkt haben wir ein perfektes Time to Market erwischt - und ich bin der Meinung, dass es in zwei bis drei Jahren zu spät dafür wäre. Ein Studium kann durchaus auch etwas sehr Wichtiges sein. Ich beschäftige mich täglich mit neuem Wissen und versuche, mir genauso autodidaktisch Wissen zu vermitteln, wie ich es auch in der Uni lernen müsste. Allerdings lerne ich nicht auf eine Klausur hin, denn sie würde mich ohnehin nicht nachhaltig voran bringen und nur mein Leistungslevel im Auswendiglernen abfragen.

Was machst Du heute?

Dass dieses App-Projekt über meine Schulzeit hinausführen und mich heute in mein eigenes Unternehmen bringen würde, hätte ich nie gedacht. Meinen heutigen Standpunkt hätte ich niemals im Voraus planen können, weil mir gar nicht bewusst war, dass man diesen Weg gehen kann. Ich möchte damit nicht sagen, dass man planlos durch die Gegend laufen sollte - vielmehr geht es darum aufzuzeigen, dass jeder seinen eigenen Weg vor sich hat.

Heute beschäftige ich mich vor allem mit den Prozessen, die mir in der alltäglichen Arbeit begegnen: Sei es mit unserer Notarin oder dem Steuerberater, mit dem Investor oder mit Schulen und Lehrern. Ich bin nicht mehr alleine mit der App unterwegs, sondern habe ein großartiges Team hinter mir stehen, mit dem ich nun durch höhen und Tiefen gehen darf.

Rubin Lind

Rubin Lind, geboren 1999 in Hamm, ist Gründer und Geschäftsführer der Skills4School GmbH, mit der er die gleichnamige e-learning Plattform und Lernapp, noch während seiner Schulzeit ins Leben gerufen hat. Im Frühjahr 2017 machte er sein Abitur. Beim Gründer-Wettbewerb STARTUP TEENS gewann er mit seiner innovativen Lernapplikation „Skills4School“ 10.000 Euro. Mit 17 gründete er sein erstes Unternehmen, in dem er heute immer noch Geschäftsführer ist. Nebenbei reist er durch Deutschland und hält Vorträge zur Digitalisierung und dem Denken der Generation Y und Z. Er beschäftigt inzwischen zwölf Mitarbeiter und wächst nachhaltig weiter. 2017 hat ihn die Initiative Connect Limburg als jüngstes "Young European Talent“ ausgezeichnet.

Weiterführende Informationen:

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