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18/04/2018 19:22 CEST | Aktualisiert 18/04/2018 21:47 CEST

Ich bin im Plattenbau aufgewachsen – jetzt weiß ich, was Dankbarkeit bedeutet

Plattenbau verbinden viele mit Armut, Dreck und Drogenhandel – ich nicht.

dpa

In Köln gibt es nur wenige Einfamilienhäuser. Logisch – Köln ist eine Großstadt. Die meisten der 1,07 Millionen Einwohner leben in Hochhäusern.

Die für Kleinstädte typischen Einfamilienhaussiedlungen gibt es hier auch, aber dafür muss man etwas weiter rausfahren. In der Kleinstadt, aus der ich komme, ist es genau andersherum: Es gibt viele Einfamilienhäuser und wenig Plattenbauten.

Die Aufteilung ist klar: Wer Geld hat, wohnt in der Reihenhaushälfte, wer kein Geld hat, in der “Platte”.

Das Leben im Plattenbau verbinden viele mit Armut, Dreck und Drogenhandel. Ich verbinde das Leben in der Platte aber vor allem damit, dankbar zu sein.

Auf die kleinen Dinge kommt es an

Ich habe meine ganze Kindheit in einem Hochhaus verbracht. Ich kenne die ganzen Vorurteile der Menschen, die noch nie in einem Hochhaus gewohnt haben. 

Niemand will es laut sagen, aber oft stehen Gebäude mit vielen Klingelschildern für das Sammelbecken gesellschaftlicher Außenseiter: Arbeitslose, Drogenabhängige, Migranten.

Umso mehr verwundert es meine Gesprächspartner, wenn ich “Dankbarkeit“ als Eigenschaft nenne, die meine Kindheit in der Hochhaussiedlung geprägt hat.

Es ist alles eine Frage der Perspektive: Wenn ich als Kind aus dem Küchenfenster geschaut habe, konnten mir entweder andere Plattenbauten ins Auge stechen oder zwei Bäume, die sich jeden Frühling ein neues Blätterkleid überstreiften.

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Ich konnte eine heruntergekommene Telefonzelle sehen oder die Nachbarskatze mit dem flauschigen weißen Fell dabei beobachten, wie sie auf der Wiese nebenan Bienen hinterherjagte.

Der zittrige alte Mann, der täglich von morgens bis zum frühen Abend Zigarillo rauchend vor unserer Haustür stand, konnte einem Angst einjagen. Oder man sah ihn einfach als schrulligen, aber friedlichen Hausbewohner, der nicht den ganzen Tag alleine in seiner Wohnung sein wollte.

Er grüßte jeden und jeder grüßte freundlich zurück. Wenn sich jemand nach seinem Befinden erkundigte, beantwortete er das stets mit einen genuschelten “Jaja!“. Wir haben das immer als “Mir geht’s gut“ übersetzt.

Nada Assaad
Nada Assaad im Alter von zwei Jahren

Der Alltag spielte sich in der Plattenbausiedlung ab

Während meine Klassenkameraden von ihren Eltern zu diversen Vereinen kutschiert wurden, spielte sich meine und die Lebensrealität der Nachbarskinder vorwiegend in der Hochhaussiedlung ab.

Der kleine Spielplatz, der eingequetscht zwischen den ganzen Plattenbauten lag, war der zentrale Treffpunkt aller Platten-Kinder. Dort tuschelten wir über Gerüchte oder erforschten das bisschen Natur, was den Spielplatz umgab.

Weil wir die ganze Zeit draußen waren, bauten wir eine enge Bindung zu Natur und Tieren auf. Ich erinnere mich daran, dass wir ganze Nachmittage damit verbringen konnten, mit der Nachbarskatze zu spielen oder Marienkäfer einzufangen.

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Wir Platten-Kinder haben gelernt, die kleinen Dinge des Lebens zu schätzen

Viele Dinge, die ich als Kind toll fand, unterschieden sich gravierend von denen meiner Klassenkameraden, die mehr Geld hatten als ich.

Die teuren und angesagten Dinge, die meine Schulkameraden besaßen – damals waren das Diddl-Mäuse oder Pokémon-Karten – konnten sich meine Eltern und die der Nachbarskinder nicht leisten.

Unterbewusst haben wir Platten-Kinder so gelernt, die kleinen Dinge des Lebens zu schätzen.

Wir waren dankbar für alles, was nichts kostete und uns trotzdem Freude bereitete. Dafür mussten wir einfach nur in die Welt hinausgehen und aufmerksam sein.

Kippenautomat im Treppenhaus vs. Einfamilienhaus mit Vorgarten

Trotzdem konnte ein Großteil meiner Mitmenschen nichts mit dem Leben im Hochhaus anfangen. Das ist mir immer dann bewusst geworden, wenn sie Dinge als negativ bezeichneten, die mir bis dahin nicht einmal aufgefallen waren.

Wie zum Beispiel der Kippenautomat in unserem Treppenhaus. Wenn mich meine Freunde, die in Einfamilienhäusern wohnten, besuchen kamen, fiel ihnen immer zuerst der Automat auf.

Von ihren Eltern wussten sie, dass Rauchen schlecht ist. Das wusste ich auch, aber ich war weniger dogmatisch als sie. Meine Einfamilienhaus-Schulfreunde haben es zwar nie ausgesprochen, aber insgeheim dachten sie wohl, dass es nicht gut sein konnte, in einem Gebäude zu wohnen, in dessen Treppenhaus ein Automat hängt, der schlechte Dinge wie Zigaretten verkauft.

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Mich hat dieser Automat eigentlich nie interessiert. Außer, dass wir Nachbarskinder hin und wieder dafür sorgten, dass er kaputt war, weil wir zu wild auf den Tasten herumgedrückt haben.

Der Techniker, der zum Reparieren und Auffüllen des Automaten kam, war ein freundlicher Mann, der alle Bewohner beim Namen kannte. Es blieb eigentlich immer ein Bewohner auf dem Weg nach draußen kurz bei ihm stehen, um mit ihm zu quatschen.

Meine Kindheit in der Platte lässt mich die kleinen Dinge schätzen

Ich war als Kind dankbar für den Techniker und auch für den zittrigen liebenswürdigen alten Mann, der ständig vor unserem Haus herumlungerte. Beide haben mir meine kleine Plattenbau-Welt schöner gemacht. Sie waren immer nett und hatten nie Vorurteile.

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Wenn man es drastisch ausdrücken will, kann man sagen, dass ich damals eigentlich für jeden Menschen dankbar war, der mir Aufmerksamkeit schenkte.

Obwohl ich es nicht ganz verstand, spürte ich manchmal – abgesehen von den Kindern, die ständig auf diesem Automaten im Treppenhaus herumhackten – dass andere Menschen das Leben in der Platte schlimm fanden.

Einmal drehte sich ein Mitschüler in der Grundschule mitten im Unterricht zu mir um und sagte geradeheraus: “Warum wohnst du eigentlich in diesem Hochhaus? So schäbig siehst du gar nicht aus.“

Dank solcher Sprüchen fühle ich mich heute eher zu Menschen hingezogen, die ihren Mitmenschen so vorurteilsfrei wie möglich begegnen.

► Ich weiß, dass das nicht so einfach ist.

Deswegen bin ich umso dankbarer für all die unvoreingenommen und herzlichen Menschen, die sich meine Freunde nennen.

Dass mir diese Eigenschaften so wichtig sind, ist definitiv meiner Kindheit im Plattenbau geschuldet. Bis heute bin ich sehr glücklich über all die immateriellen Dinge, die mich umgeben.

Ich habe das Gefühl, dass wir Menschen immer nur nach dem Schnelleren und Besseren trachten und dabei das Wesentliche und Schöne schnell aus den Augen verlieren.

Alle sehnen sich nach Höher, Schneller, Weiter. Dabei liegt die größte Schönheit in unseren Augen, den Betrachtern dieser Welt.

Für diese Gabe können wir dankbar sein, weil sie uns erlaubt, in den kleinsten Dingen Freude zu finden. Das kann eine schöne Begegnung zwischen zwei Menschen sein oder aber ein sonniger Tag auf einem kleinen Spielplatz in einer Hochhaussiedlung.

Ich glaube, das zählt mehr als ein Einfamilienhaus mit Vorgarten.

(ujo/amr)