POLITIK
30/07/2018 16:11 CEST | Aktualisiert 31/07/2018 18:09 CEST

Warum ihr euch freuen solltet, wenn Migranten Deutschland kritisieren

Konflikte sind ein Zeichen, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Adam Berry via Getty Images
Von Migranten wird erwartet, Deutscher als die Deutschen zu sein. Recht auf Mitsprache sollen sie trotzdem nicht haben.

Jedes Jahr beobachte ich im Sommer ein Phänomen in München: Normalerweise nahezu unsichtbar tauchen plötzlich zahlreiche türkische Großfamilien im Westpark auf (türkisch sprechend, einige Frauen mit Kopftüchern), die sich bei schönem Wetter dort zum Grillen versammeln.

Ich habe noch niemals gehört, dass sich ein Münchner über diese Gruppierungen beschweren würde.

Wehe aber, ein offensichtlich fließend und akzentfrei deutsch sprechender Vorzeige-Migrant mit guter Ausbildung und gutem Job wagt es, sich kritisch über Deutschland zu äußern oder auch nur öffentlich mit dem Land auseinanderzusetzen. Dann ist die Kacke am dampfen.

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“Was mit euch Ausländern passiert, entscheiden allein wir Deutschen.”

So hatte Danyal Bayaz eigenen Aussagen zufolge aufgrund seines türkischen Migrationshintergrunds keine Erfahrung mit Rassismus gemacht bis er als Abgeordneter der Grünen in den Bundestag einzog.

Wie er dem “Spiegel” berichtet, muss er sich seitdem Sprüche anhören wie: “Dann verpiss dich doch in die Türkei, Kanake” oder “Was mischt du dich ein, du Haustürke”.

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Ähnliches weiß auch Bundestagsabgeordneter Omid Nouripour zu erzählen. Ebenfalls dem “Spiegel” schildert er seine Erlebnisse: So habe ihn einmal ein älterer Herr am Wahlkampfstand angeschrien: “Was mit euch Ausländern passiert, entscheiden allein wir Deutschen.”

Mittlerweile wollen die “Ausländer” aber selbst mitreden, was mit ihnen und Deutschland passiert.

Wer aus einem anderen Land hierher kommt oder einen Migrationshintergrund hat, soll sich unauffällig verhalten, so die Botschaft. Multikulti ist toll, solange die eigene Kultur still und leise hinter verschlossenen Türen ausgelebt wird. Laut sein darf man nur, um seine Dankbarkeit diesem Land gegenüber kundzutun.

Wenn Migranten Deutschland kritisieren, ist das ein gutes Zeichen

Dabei ist Kritik an Deutschland doch eigentlich ein Zeichen gelungener Integration: Wenn Ali, Agnieszka oder Atila über dieses Land meckern, heißt das vor allem, dass sie sich Team Deutschland zugehörig fühlen. Und hier geht das Integrationsproblem eigentlich los.

Die vorgesehene Karriere für Migranten und Kinder von Migranten ist es, bessere Deutsche zu werden. Sie sollen vorzeigbare Muster-Ausländer sein, mit guten Schulnoten, guten Abschlüssen, guten Jobs, ohne erkennbare kulturelle oder religiöse Zugehörigkeit.

Sie sollen sauberer sein, pünktlicher, gewissenhafter, leiser - eben besser angepasst als jeder Kartoffelsalat und Würstchen essende Urdeutsche. Dennoch sollen sie bei öffentlichen Diskussionen lieber brav den Mund halten. 

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Meine Eltern kamen in den 80er Jahren aus Polen nach Deutschland, ich bin hier geboren und zweisprachig aufgewachsen. Aus der Sicht der meisten Deutschen haben meine Familie und ich wohl alles richtig gemacht.

Selbstverständlich schickten meine Eltern mich auf ein gutes Gymnasium, ich hatte gute Noten, habe studiert, habe einen guten Job.

Ich spreche akzentfrei Deutsch (obwohl eine Ärztin, nachdem sie erfahren hat, dass ich zweisprachig aufgewachsen bin, mir glatt einen polnischen Akzent andichten wollte) und gut genug Polnisch, um erst nach ein paar Minuten als nicht-gebürtige Polin aufzufliegen.

Wir erfüllen das Wunschbild der Muster-Ausländer

Meine Eltern und ich haben schon häufig Komplimente dafür bekommen, wie toll wir das hinbekommen habentrotz unserer “Situation”. Mit “Situation” ist natürlich die Migration und die damit verbundenen Herausforderungen und Nachteile gemeint, wie zum Beispiel nicht anerkannte Berufsabschlüsse meiner Eltern oder generell das Zurechtfinden in einem anderen Land.

Wir werden dann als die “Ausnahme” gelobt dabei erfüllen wir eigentlich eine heimlich gehegte Erwartungshaltung. Wenn ich meine Geschichte erzähle, kann der Deutsche zufrieden brummen: “Gut gemacht.”

Wehe aber, man trägt einen ausländisch klingenden Namen, spricht öffentlich über seine Herkunft oder die der Eltern und erdreistet sich dann, Kritik an diesem Land zu üben. Wenn ich das in der Vergangenheit getan habe, durfte ich oft genug in den Kommentarspalten lesen, ich solle doch “zurück” (?) nach Polen gehen, wenn es mir hier nicht passt.

Kritik äußern ist nicht dasselbe wie Ablehnung

Dabei bedeutet Kritik äußern doch nicht Hass oder Ablehnung. Kritik ist in den meisten Fällen ein Zeichen, dass man sich mit einer bestimmten Situation auseinandergesetzt hat und zu deren Verbesserung beitragen will. Weil man in der Situation drin steckt oder sich mit ihr verbunden fühlt.

Die These, dass Konflikte entstehen, wenn Integration gelingt, nicht wenn sie fehlschlägt, vertritt auch Aladin El-Mafaalani in seinem Werk “Das Integrationsparadox” (erscheint August 2018).

Dort heißt es: “Wir diskutieren derart intensiv, dass aus dem Blick gerät, dass sich die Teilhabechancen für Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund, LGTB, Ostdeutsche und Menschen mit Behinderung ganz wesentlich verbessert haben.”

► Menschen, die früher zu Randgruppen der deutschen Gesellschaft gehörten, stehen heute im öffentlichen Leben und wollen genauso mitdiskutieren, wie andere auch.

Laut El-Mafaalani haben zwar viele immer noch das Gefühl, es fehle der letzte Schritt für eine vollständige Integration. Dennoch sind wir schon so weit integriert, dass wir über dieses und andere Deutschland betreffende Themen mitreden können.

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Gegnern der offenen Gesellschaft gefalle dies El-Mafaalani zufolge nicht, aber: “Zusammenwachsen dauert und tut weh.” 

Konflikte sind ein Zeichen, dass wir auf dem richtigen Weg sind

Wenn jemand mit nicht-deutschen Wurzeln Kritik an diesem Land übt, ist das also nicht als Angriff gemeint, sondern ist Teil eines langwierigen Integrationsprozesses und im Endeffekt ein Zeichen, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden.

Wir wollen das Land nicht unterjochen oder ihm seine Identität stehlen. Wir wollen hier auch nicht weg, denn dieses Land ist unser Zuhause. Wir sind nicht mehr nur die polnische Haushaltshilfe, die türkische Putzfrau oder der serbische Handwerker, sondern fühlen uns als Teil der deutschen Familie.

Und wie in jeder guten Familie gibt es auch hier Streitigkeiten. Am Ende tragen diese Streitigkeiten dazu bei, den Zusammenhalt einer Familie zu stärken.

(vl)