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26/03/2018 16:32 CEST | Aktualisiert 26/03/2018 19:19 CEST

Mangelnde Integration? Warum wir untereinander in unseren Muttersprachen reden

Ist Deutschland eigentlich noch deutsch, wenn es nicht mehr deutsch klingt?

Sprache vereint, Sprache teilt allerdings auch: Während die einen Vielsprachigkeit und ein multikulturelles Umfeld feiern, fürchten die anderen den Klang fremder Sprachen um sich herum.

Wer weiß, was die Türken, Russen oder Rumänen gerade untereinander sprechen: Lästern sie? Planen sie eine Verschwörung?

► Dabei schwingt immer die Angst mit: Ist Deutschland eigentlich noch deutsch, wenn es nicht mehr deutsch klingt?

Die Autorinnen Agatha Kremplewski und Nada Assaad, die beide zweisprachig aufgewachsen sind, haben sich in einem Briefwechsel auseinandergesetzt mit dem Gefühl, das sie mit ihren Muttersprachen verbinden.

Brief an eine Deutsch-Syrerin

Liebe Nada,

unter deinen Artikeln habe ich schon öfter Kommentare von Nutzern gelesen, die sich darüber wundern, dass du tatsächlich Deutsch sprichst – was mich verwundert.

Wer sich mit deinen Texten auseinandergesetzt hat, sollte wissen, dass du hier geboren, sowie aufgewachsen und damit genauso deutsch bist, wie jeder Hans oder jede Katrin, die von Geburt an hier sind.

Einen Unterschied gibt es jedoch: Deine Eltern stammen aus Syrien. Du sprichst Arabisch mit ihnen. Der Migrationshintergrund ist etwas, das wir teilen – denn meine Eltern stammen aus Polen, untereinander haben wir seit jeher Polnisch gesprochen.

Das missfällt einigen Leuten.

Kennst du diesen Hass einiger Menschen, weil du dich, außerhalb des Deutschen, auch einer anderen Sprache bedienst, die für die meisten Menschen in diesem Land fremd klingt?

“Sprich gefälligst Deutsch, wir sind hier in Deutschland!”

So wie du bin ich hier geboren, aufgewachsen, spreche fließend und akzentfrei Deutsch.

Meine Eltern haben zu Hause allerdings darauf geachtet, dass ich auch Polnisch lerne. Es gehört für mich einfach dazu, mit meiner Familie Polnisch zu sprechen und bin stolz darauf, diese Sprache nahezu fehlerfrei zu beherrschen.

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Es gibt allerdings Menschen, die das nicht so sehen. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Situation in meiner Kindheit: Ich war etwa sieben Jahre alt, als ich mit meinem Vater über einen Flohmarkt bummelte. Wie immer haben wir uns auf Polnisch unterhalten.

Plötzlich sprach mich ein Mann an, ob ich denn auch Deutsch könne. Stolz, weil ich zwei Sprachen beherrschte, sagte ich: “Ja.” Die Antwort des Mannes provozierte einen mittelschweren Wutausbruch meines Vaters.

Denn der Mann sagte: “Dann hast du gefälligst auch Deutsch zu sprechen, wir sind hier in Deutschland.”

Oder eine andere Situation: Vor ein paar Monaten ging ich mit meiner Mutter und zwei ihrer Bekannten spazieren, zwei ältere Damen.

Wir gingen gerade hinter ihnen her und meine Mutter raunte mir kurz auf Polnisch zu: “Ist dir kalt?” “Nein, es geht”, antworte ich, ebenfalls auf Polnisch. Sofort drehte sich eine der beiden Damen um und motzte: “Sprecht gefälligst Deutsch!”

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Wir wollten nicht unhöflich sein oder jemanden aus dem Gespräch ausschließen. Selbstverständlich sprechen wir immer Deutsch miteinander, wenn wir mit Deutschen unterwegs sind. Aber gerade war niemand in unser Gespräch involviert.

Es war ein kurzer privater Austausch und ich war überrascht, dass uns überhaupt jemand sprechen hörte.

Die Tatsache, dass meine Mutter mich kurz auf Polnisch ansprach, war sicher nicht böse gemeint, sondern einfach nur Gewohnheit. Warum fragt man dann nicht einfach: “Was habt ihr gesagt?” Sondern greift direkt an?

Meine polnische Identität ist ein Teil von mir

Ich verstehe, dass erwartet wird, dass man die Landessprache beherrscht, wenn man hier lebt. Aber warum ist es ein Problem, wenn man mehrere Sprachen spricht?

Meine polnische Identität ist ein Teil von mir, und zu dieser Identität gehört auch die Sprache. Es ist die Sprache meiner Kindheit und meiner Familie. Viele Dinge kann ich nur auf Polnisch so ausdrücken, wie ich sie fühle. Das macht mich allerdings nicht weniger deutsch, denn auch diese Seite ist ein Teil meiner Identität.

Es ist nicht so, dass es ein Identitätskonto gibt, das irgendwann erschöpft ist, wenn man es zu sehr zerteilt. Ich habe das Gefühl, dass meine Identität reicher wird dadurch, dass sie durch das Polnische und das Deutsche definiert ist.

Sprache ist ein Ausdruck unserer Persönlichkeit

Deswegen möchte ich allen Menschen sagen, die meinen, ich solle nur noch Deutsch sprechen: Das geht nicht. Denn dann würde ein Teil meiner Persönlichkeit sterben.

Ich würde auch niemandem vorschreiben, seine Zweit- oder Drittsprache zu verleumden, weil mir der fremde Klang vielleicht Angst macht. Ich verspreche euch aber, dass wir euer Misstrauen oder eure Ängste in perfektem Deutsch diskutieren können – sprecht mich einfach an.

An eine schöne Situation erinnere ich mich übrigens auch: Eine polnische Freundin und ich haben uns einmal in einem Café auf Polnisch unterhalten. Eine Kellnerin sprach uns an: “Sagt mal, was ist das denn für eine Sprache? Wo kommt ihr her?” Daraus entstand ein sehr schönes Gespräch über unsere Länder und Sprachen.

Sprache ist etwas Schönes – lasst sie uns doch lieber nutzen, um miteinander zu kommunizieren, egal ob es Deutsch, Polnisch, Arabisch oder Suaheli ist.

Was bedeutet Sprache für dich, Nada? Welche Erfahrungen hast du gemacht mit deiner Zweisprachigkeit? Ich bin gespannt auf deine Antwort.

In Liebe,

Agatha

 

Brief an eine Deutsch-Polin

Liebe Agatha,

das, was du beschreibst, kenne ich nur zu gut.

Du sagst, dass es dich wundert, wenn mir Menschen gute Deutschkenntnisse attestieren.

Mich freut das eher, weil sie so wenigstens meine Existenz anerkennen. Einige Skeptiker sind sich bei meiner Schreibe nämlich nicht sicher, ob sich nicht ein Komplott aus linksgrün versifften “Biodeutschen“ hinter meinem Namen verbirgt.

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Meine Bilder und Videos seien dann einfach von jemandem bereitgestellt worden, der zufällig ein bisschen syrisch aussieht.

Ich finde es immer wieder beachtlich, wie viel Absurdität in so einen Kommentar passt.

Wenn mich jemand im Offline-Leben auf mein gutes Deutsch aufmerksam macht, bedanke ich mich nett und erwidere das Kompliment.

Das macht viele erst mal stutzig. Vielleicht merken sie in solchen Momenten dann, wie ausgrenzend so ein nett gemeinter Satz eigentlich ist.

Deutschsein unter Vorbehalt

Ich weiß, dass derartige Komplimente nicht böse gemeint sind und nur ausdrücken sollen:

“Hey, man merkt ja gar nicht, dass du einen Migrationshintergrund hast.“ 

Für meine Ohren klingt das leider oft wie: “Du bist ja fast eine von uns.“

Deutschsein unter Vorbehalt eben. Dabei ist ein Migrationshintergrund in Deutschland mittlerweile fast normal, finde ich.

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So wie du bin ich zweisprachig aufgewachsen. Meine Eltern haben mir mit dem Arabischen eine Weltsprache beigebracht, die in 22 anderen Ländern gesprochen wird.

Bereits im Kleinkindalter konnte ich unterscheiden, mit welchen Menschen ich Arabisch oder Deutsch sprechen muss.

Mit meiner Familie spreche ich vorwiegend Arabisch, manchmal aber auch unsere spezielle Eigenkreation aus Arabisch und Deutsch. Manche Dinge kann man einfach besser auf Deutsch ausdrücken.

Du kennst das vielleicht, wenn du beispielsweise mit deiner Mama telefonierst und sich deutsche Begriffe unbemerkt in deine Sprache einschleichen.

Für dich und deine Mama ist das normal, für andere ist es witzig. Ich glaube, dass man so gut sehen kann, wie stark sich verschiedene Kulturen in Deutschland beeinflussen.

In der Öffentlichkeit sprechen wir kein Arabisch

Meine Freunde lieben diese Art der gegenteiligen Kulturbeeinflussung sehr.

Bei jedem Telefonat mit meiner Mutter kleben sie förmlich an meinen Lippen. Sie fragen sich, was ich, wild gestikulierend, in dieser mystisch klingenden Sprache wohl gerade sage. Wenn dann mittendrin ein zutiefst gewöhnlicher deutscher Begriff wie “Bahnhofsvorplatz“ fällt, lachen sie Tränen.

Solche Situationen kommen leider selten vor, weil ich auf Wunsch meiner Mutter in Anwesenheit von Deutschen nicht so oft Arabisch spreche.

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Sie besteht darauf, weil sie so negative Reaktionen vermeiden will. Sie sagt, dass sie die abwertenden Blicke der Menschen genau spürt, wenn wir außerhalb von Zuhause Arabisch sprechen.

Wir sprechen nicht Arabisch, weil wir faul sind

Das nervt mich, weil mein Deutsch beispielsweise etwas besser ist, als das meiner Eltern.

Wenn ich in der Öffentlichkeit mit meinen Eltern telefoniere oder mit ihnen unterwegs bin und Deutsch spreche, muss ich erst mal viele Begriffe erklären, bevor ich zur eigentlichen Sache komme.

Das behindert unsere Kommunikation so stark, dass ich oft darauf verzichte, überhaupt mit ihnen zu reden, wenn ich mich außerhalb von heimischen Gefilden befinde.

Das macht mich besonders traurig, weil sich so eine Kluft zwischen mir und meinen Eltern aufbaut.

Ich glaube, dass es sehr schwer für Nicht-Migranten zu verstehen ist, dass wir nicht aus Bequemlichkeit in unseren Muttersprachen sprechen. Wenn wir Polnisch oder Arabisch sprechen, leben wir einen Teil unser Kultur aus, die untrennbar mit unseren Identitäten verbunden ist.

Die Forderung in Deutschland nur Deutsch zu sprechen würde uns unserer Kultur berauben. Das ist eine schreckliche Vorstellung.

Meine Freunde sehen das glücklicherweise auch so.

Oft geht das so weit, dass sie darauf bestehen, mich ausschließlich mit dem arabischen Kosewort “Habibi“ (Arabisch für Schatz) ansprechen zu dürfen. Mittlerweile habe ich das für sie ebenfalls als Anrede übernommen.

Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Habibis ich in meinem Handy eingespeichert habe.

Vielleicht kannst du mir zur Abwechslung ein paar polnische Kosenamen beibringen?

Dein Habibi

Nada

(tb)