POLITIK
12/02/2018 12:57 CET | Aktualisiert 12/02/2018 13:36 CET

Mietwahnsinn in deutschen Städten – 6 Folgen, die fast alle Bürger spüren

Skrupellose Geschäftemacher und Vermieter profitieren.

  • Der Wohnungsmarkt in vielen deutschen Städten ist völlig aus dem Ruder gelaufen
  • Die Folgen bekommen fast alle Städter zu spüren
  • Im Video oben: Wer eine Wohnung in Berlin sucht, sollte dieses Video kennen - es sagt alles über die Wohnungslage dort aus

Der Wohnungsmarkt gleicht schon länger einem Kriegsgebiet – alles ist erlaubt. Und die Folgen sind dramatisch. 

422.000 Deutsche haben aktuell keine Wohnung. 

► Bundesweit ist der Bestand an Sozialwohnungen seit 1990 um 60 Prozent gesunken.

In Berlin haben mittlerweile mehr als die Hälfte der Bewohner Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein, weil sie sich die Mieten nicht mehr leisten können.

► In den mittelgroßen und großen deutschen Städten sind die Mieten seit 2012 teilweise um mehr als 30 Prozent gestiegen. 

►In München sind Kaltmieten bei kleinen Wohnungen von 25 Euro pro Quadratmeter nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

► In München, Hamburg und Stuttgart stiegen die Preise für Bauland allein im Jahr 2016 zwischen 10 und 20 Prozent.

► Pro Jahr werden in Deutschland 70.000 Wohnungen zu wenig gebaut. 

Die Liste ließe sich noch ewig fortsetzen.

Aber was bedeuten die Zahlen im Alltag, welche Folgen hat der Mietwahnsinn?

6 Fälle, die sprachlos machen. Und die vielen Menschen in Deutschland bekannt vorkommen dürften: 

1. Windige Geschäftemacher profitieren 

Ein besonders gieriger Vermieter in München kam auf die Idee, einfach direkt einzelne Betten, anstatt eine ganze Wohnung zu vermieten.

In einen 20 Quadratmeter großen Büroraum stellte er vier Betten nebeneinander und noch eine Kochplatte dazu. Hinter einer Schiebetür gab es ein Klo und eine Duschzelle.

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Der Preis für eins der Betten: 400 Euro pro Monat.

Der wahre Wahnsinn des Münchner Wohnungsmarktes zeigt sich jedoch daran, dass zu dem Zeitpunkt, als einer unserer Kollegen sich die Wohnung angeschaut hat, bereits drei der vier Betten vermietet waren.

2. Mehrere hundert Bewerber für eine bezahlbare Wohnung

80 Quadratmeter Altbau in Berlin am Prenzlauer Berg – und das für unter 1000 Euro: Bei den Mieten, die in der Gegend normal sind, klingt das für viele Berliner wie ein Traumangebot.

Daher gab es auch direkt rund 800 Bewerber für die Wohnung. Wie der Rundfunksender rbb24 berichtet, standen die Bewerber bis auf die Straße und bildeten dort eine lange Schlange.

Doch wie der Hausverwalter gegenüber der Zeitung sagt, haben junge Familien hier wenig Chancen. Bevorzugt würden Menschen, die die Wohnung wenig nutzen.

“Man ist bemüht, einen guten Mieter zu finden. Wenn es dann jemanden gibt, der die Wohnung nur als Zweitwohnung haben will, steht der natürlich auf der Liste ganz weit oben”, gab der Hausverwalter gegenüber rbb24 zu.

3. Die Mittelschicht landet auf der Straße

In Berlin wurde ein Randphänomen zum Problem: Obdachlose Familien.

“Wir müssen 20 bis 30 Familien pro Monat ablehnen. Bei uns geht es nicht allein um Roma-Familien. Das Problem ist in der deutschen Mittelschicht angekommen”, berichtet die Sozialarbeiterin Viola Schröder gegenüber der dpa. Sie betreibt eine der vielen Notunterkünfte in Berlin.

Die Wohnungsnot ist in der Hauptstadt mittlerweile so groß, dass die Notunterkünfte niemanden mehr aufnehmen können. Häufig wird daher versucht, Wohnraum anzumieten, damit die Familien nicht auf der Straße leben müssen.

Mehr zum Thema: Ganze Familien werden obdachlos: Die Mittelschicht ist nicht mehr sicher

Skrupellose Vermieter wittern bereits ein neues Geschäftsmodell. Die dpa berichtet von Anrufen in Notunterkünften wie: “Haben Sie eine sechsköpfige Familie, die sie nicht unterkriegen? Ich biete eine Fünf-Zimmer-Wohnung. Ich krieg’ dann doch 4500 Euro im Monat, oder?”

4. Mieten verdoppeln sich nach der Sanierung

Tilman Scheich lebt in einer Mietwohnung in München. Wie die “Abendzeitung” berichtet, zahlte der Designer bis jetzt 675 Euro für seine Wohnung.

Dann wurde das Haus mehrmals an Investoren verkauft und es gab eine Sanierung der Wohnungen.

Dadurch erhöhte sich auch die Miete. 1496 Euro soll die 69-Quadratmeter-Wohnung jetzt kosten. Eine Erhöhung um 821 Euro. Mehr als das Doppelte.

Scheich glaubt, dass bei manchen seiner Nachbarn sich der Preis sogar verdreifacht habe.

Viele seien bereits ausgezogen. Das deutet jedenfalls auch eine Anzeige an, denn der aktuelle Besitzer des Hauses will es schon wieder verkaufen. “Aktuell stehen 16 Wohnungen leer und können sofort renoviert und bei Wunsch auch einzeln verkauft werden”, soll der Besitzer seine Immobilie anpreisen. 23,8 Millionen Euro will er dafür haben.

Wie die “AZ” berichtet, ist das kein Einzelfall. Bei einer anderen Wohnung in München soll der Preis von 564 Euro nach einer Sanierung direkt um 273 Prozent gestiegen sein. Auf 2109 Euro.

5. Vermieter kündigen säumige Mieter gnadenlos

Beim Berliner Mieterverein konstatiert Geschäftsführer Reiner Wild, dass Vermieter bei Mietrückständen heute gleich doppelt kündigen – fristlos und fristgemäß nach drei Monaten.

Mit diesem Kniff könne ein Mieter seine Wohnung nicht behalten, selbst wenn er Mietschulden nachzahle, sagt er.

Was reicht, um rauszufliegen? “Eine säumige Miete”, sagt Wild. “Ein Monat und ein Tag.” Die Tendenz, Menschen vor die Tür zu setzen, um die Wohnung teurer neu zu vermieten, nennt er in Berlin “sehr stark”.

Die Zahl der Zwangsräumungen steige. Manchmal haben Mieter das, was Sozialarbeiter eine Schockstarre nennen. Sie öffnen die Briefe von Vermietern oder Behörden nicht mehr – bis der Gerichtsvollzieher kommt.

6. Große Wohnungen für Singles – Familien gehen leer aus

In München wird gerade eine Wohnung für 3600 Euro Kaltmiete angeboten. Sie zählt damit zu den teuersten der Stadt. Mit Nebenkosten und dem Garagenstellplatz kostet sie gut 4200 Euro im Monat.

Mit drei Zimmern und zwei Bädern könnte hier auch eine Familie wohnen – eine mit entsprechenden finanziellen Möglichkeiten. Doch die Sache sieht anders aus.

“Na ja, Familien wohnen hier nicht”, berichtet Sarah Przybilla, Mitarbeiterin der Münchner Immobilienfirma Bauwerk Capital. Sondern gut verdienende Ausländer, Paare, die sich einen Zweitwohnsitz in der Stadt gönnen oder auch die Kinder von wohlhabenden Familien, die zum Studieren in die bayerische Hauptstadt gezogen sind.

4200 Euro für den Zweitwohnsitz oder die erste Wohnung weg von den Eltern.  Das ist ein Schlag ins Gesicht für die vielen Familien, die in München eine Wohnung suchen.

In gerade mal circa 17 Prozent der Haushalte in München leben Familien mit kleinen Kindern. Im Großteil der Münchner Wohnungen, nämlich 54,4 Prozent, lebt nur eine Person.

Viele Familie können sich eine Wohnung in der Stadt kaum noch leisten. So ziehen die Familien in die Vororte, und pendeln täglich in die Stadt, während die Wohnungen in der Innenstadt leer stehen, bis die Villenbesitzer mal wieder in ihre Zweitwohnung in die Stadt wollen.

(fk)