POLITIK
18/05/2018 15:11 CEST | Aktualisiert 19/05/2018 15:46 CEST

Das Miet-Paradox: Die Einkommensbelastung ist nicht gestiegen – die Mieten schon

"Wenn es zu teuer wird, dann ziehen die Menschen raus aufs Land oder in eine kleinere Wohnung."

dpa
Ein Handwerker arbeitet in einer Mietwohnung in Hamburg.

Deutschland, das Land der Mietwohnungen. In keinem anderen EU-Mitgliedsstaaten besitzen so wenig Menschen das Zuhause in dem sie leben: 2016 waren es nur 51,7 Prozent

Es ist eine Abhängigkeit, die für Unsicherheit sorgt. Fast Dreiviertel der Deutschen hat Angst, durch steigende Mieten die Wohnung zu verlieren. Für fast jeden fünften zählt die Situation am Wohnungsmarkt gar zu den größten Problemen im Land.

Dabei zeigt eine Erhebung der HuffPost nun: Die durchschnittliche Mietbelastung in Deutschland ist in den vergangenen 20 Jahren nicht gestiegen.

Es gibt andere Gründe, weshalb die Deutschen das Gefühl haben, dass sich ihre Miet-Situation zuspitzt.

Konstante Mietbelastung seit 1996

Das Institut der deutschen Wirtschaft hat für die HuffPost die aktuellsten Daten aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) ausgewertet. In der repräsentativen Erhebung werden seit 1984 jährlich 12.000 Privathaushalte in Deutschland befragt. 

Die Daten aus dem SOEP zeigen:

► Sowohl bei allen untersuchten Haushalten als auch bei jenen mit einem Haushaltsvorstand bis 30 Jahren ist das Median-Einkommen seit 1996 gestiegen. Ebenso stiegen zwar auch die durchschnittlichen Ausgaben für Miete. Doch der Anteil der Mietkosten blieb vergleichsweise konstant.

1996 gaben die Deutschen durchschnittlich 20,6 Prozent ihres Einkommens für die Miete aus, 2006 waren es 23,8 Prozent, 2016 22,3 Prozent

► Auch für junge Menschen unter 30 Jahren blieben die Werte vergleichsweise konstant: Von 22,8 Prozent im Jahr 1996 stieg der Wert zwar auf 25,7 Prozent im Jahr 2006, kletterte dann aber nur marginal auf 25,9 Prozent 2016.

HuffPost / Marco Fieber

Lokale Wohnungsmärkte mit lokalen Problemen 

Klaffen die Wahrnehmung von steigenden Mieten und die Realität also weit auseinander?

Jein, sagen Experten. Denn es kommt vor allem auf den Wohnort an. “Die Durchschnittswerte aus dem SOEP verharmlosen zum Teil lokale Situationen”, sagt die Stadtforscherin Ricarda Pätzold vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) der HuffPost.

Sie bestätigt allerdings, dass die deutlich höher werdende Belastung nur wenige Metropolen und einige Uni-Städte treffe. “Doch das sollte keinesfalls dazu führen, dass wir denken, es betrifft nur wenige.”

Da sich der bundesweite Durchschnitt der Mietbelastung noch unter dem sogenannten Makler-Drittel befindet, dass als Maß für leistbare Mieten gesehen wird, gebe es kaum eine bundesweite Debatte über bezahlbares Wohnen, bemerkt Pätzold.

Anders als etwa die Flüchtlingsdebatte habe das Thema noch nicht die durchschlagende Relevanz für die Bundespolitik. “Wir haben es letztendlich mit sehr lokalen Wohnungsmärkten mit sehr lokalen Gepflogenheiten und Problemen zu tun”, sagt Pätzold.

“Wenn es Menschen zu teuer wird, ziehen sie um”

Marek Wykowski via Getty Images
Das Hauptgebäude der Universität München

Reiner Braun, Volkswirt des unabhängigen wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Forschungs- und Beratungsinstitut Empirica, wundert es überhaupt nicht, dass die Mietbelastung konstant geblieben ist: “Die Menschen sind flexibel”, sagt er.

“Wenn es zu teuer wird, dann ziehen sie raus in die Peripherie und aufs Land oder in eine kleinere Wohnung.” Braun betont aber: “Mieten wird teurer – das ist keine Frage”.

Im Durchschnitt seien die Einkommen zuletzt langsamer gestiegen als die Mieten. “Ein Trend, der in den Schwarmstädten noch stärker zu beobachten ist”, sagt Braun. Vor allem junge Menschen aus weniger attraktiven Regionen fal­len dabei wie ein Schwarm in die im­mer glei­chen Städ­te ein.

Das Problem wurde Braun zufolge noch dadurch verschärft, dass von 2000 bis 2010 “verdammt wenig Wohnungen gebaut” wurden. Wie groß die Belastung gerade für junge Leute in Großstädten ist, zeigt folgendes Schaubild:

HuffPost / Marco Fieber

In München und Frankfurt am Main liegt die Mietbelastung deutlich über dem Bundesschnitt. Das zeigt auch eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung (HBS) über die Wohnverhältnisse in 77 deutschen Großstädten.  

Das Ergebnis: “In den deutschen Großstädten müssen rund 40 Prozent der Haushalte mindestens 30 Prozent ihres Nettoeinkommens für die Bruttokaltmiete ausgeben”, erklärt HBS-Pressesprecher Rainer Jung der HuffPost. 

Auf ein verwandtes Problem verweist auch Difu-Wissenschaftlerin Pätzold: “Es macht einen Unterschied ob ich 5000 Euro netto zur Verfügung habe oder nur 900. Auch wenn beide die Hälfte ihres Einkommens für Miete ausgeben, muss nur einer am Ende des Monats am Hungertuch nagen.”

Laut Empira-Experte Braun haben zudem Bauträger schon seit einigen Jahren berichtet, dass die Leute kleinere Wohnungen wollen – “weil sie sich größere nicht mehr leisten können”.

Eine weitere Folge steigender Mieten: Jahrzehntelang ist die mittlere Wohnfläche gestiegen – doch seit ein paar Jahren stagniert diese Zahl. Auch deshalb müssen die relativen Wohnkosten hinterfragt werden.

Oder wie es Braun sagt: “Hohe Mieten und Mietbelastungen haben nichts miteinander zu tun.” 

(lp)