POLITIK
27/07/2018 15:06 CEST | Aktualisiert 27/07/2018 18:21 CEST

#MeTwo-Debatte: Organisator fühlt sich von Resonanz "erschlagen"

Ali Can wusste um den Alltagsrassismus in Deutschland. Jetzt kann ihn jeder nachlesen.

Ali Can war klar, dass das, was er da lostrat, groß werden würde. Aber dass die Resonanz so groß sein würde, hat ihn “erschlagen und erschreckt”, wie er der HuffPost sagt.

Can hat am Dienstag den Hashtag #MeTwo in die Welt gesetzt.

Unter dem Schlagwort erzählen Menschen mit Migrationshintergrund ihre Erfahrungen mit Alltagsrassimus. Es ist “eine MeToo-Debatte für Menschen mit Migrationshintergrund”, sagt Can im Video für die Konstruktiv-Seite “Perspective Daily”.

Anlass war die Diskussion um den Fußball-Nationalspieler Mesut Özil. Er war aus der Mannschaft zurückgetreten, weil er sich als Sündenbock für die verpatzte WM missbraucht fühlte und warf dem DFB-Chef Rassismus vor. 

Die jetzt angestoßene Debatte “war überfällig”, sagt Can, “aber sie hat einen öffentlichen Impuls gebraucht. Wir alle leiden darunter.” 

“MeTwo” für zwei Seelen in der Brust

Für das “Two” (“zwei”), im Hashtag hat er sich entschieden, “weil ich mehr bin als nur eine Identität”. Er fühle sich in Deutschland zuhause, lebe und arbeite hier, könne sich aber trotzdem einem anderen Land verbunden fühlen. Das sei kein Widerspruch.

Diskriminierung mit vielen Facetten

Seit Tagen ist der Hashtag nun einer der Top-Trends auf Twitter, Can geht on mehr als 30.000 Usern aus, die dazu schreiben. Auch auf Facebook verbreiten sich die Geschichten. Wer sich die #MeTwo-Kommentare ansehen will, hat viel zu lesen. Und viel nachzudenken.

Denn die Diskriminierung, das wird klar, hat viele, viele Facetten.

Da sind die Geschichten, in denen die Betroffenen direkt beschimpft worden sind. Wie Malcolm Oscar Uzoma Odeh-Ohanwe, der twittert, er habe sich anhören müssen, mit seinen Dreadlocks solle er nicht aufs Gymnasium, sondern auf die Baumschule. Bis er sie irgendwann abgeschnitten habe und dann attestiert bekam, dass er wieder “wie ein Mensch” aussah. 

Häufiger als über aggressive Beschimpfungen berichten die User über Herabwürdigungen, die sich nicht auf Äußerlichkeiten beziehen, sondern ihnen Kompetenzen absprechen. Die Wortwahl mag weniger roh sein, der Inhalt ist es nicht.

So erinnert sich eine junge Frau an einen Lehrer, der fand, sie brauche nicht zu studieren, sie werde doch ohnehin bald verheiratet.

Eine andere sollte trotz sehr guter schulischer Leistungen nicht aufs Gymnasium, sondern auf die Hauptschule, weil die Lehrerin sie da “unter Gleichgesinnten” sah.

In eine ähnliche Richtung geht die Geschichte von Mahret Ifeoma Kupkas Mutter. Wie die Tochter schreibt, wurde diese während einer Geschäftsreise im Hotel fürs Zimmermädchen gehalten. Nun ist Zimmermädchen ein ehrbarer Beruf und keine Beleidigung, aber der Vorfall zeigt, wie tief die Assoziation zwischen Aussehen und Beruf sitzen kann.

Es sind Geschichten von vergiftetem Lob. Wie die des Pianisten Igor Levit, der laut Konzertkritik einen ”überraschend natürlichen Zugang zu deutscher Musik” gefunden habe. Von Komplimenten, dass man ja so gut Deutsch spreche.

Das mag im besten Fall nett gemeint sein. Aber es ist selbst dann ein Signal, dass jemand als Fremder wahrgenommen wird. 

In den Tweets finden sich Berichte von Menschen mit dunklerem Teint, die pauschalem Misstrauen oder Unverschämtheiten ausgesetzt sind, seitens der Polizei und ihrer Umgebung. 

Eine Frau erzählt, wie sie mit einem türkischen Freund der Besitzerin deren verlorenes Portemonnaie zurückgebracht habe. Und statt Dank eine Drohung zu hören bekam.

Dazu kommen Geschichten ermüdender Wohnungssuche und viele, viele Themen mehr.

Murat Kayman und die Journalistin Düzen Ekkal kritisieren, die Vorurteile kämen von mehreren Seiten. Von denen, denen man nie deutsch genug sein könne. Und denen, denen man schon zu deutsch sei.

Die Tweets zeigen, wie vielschichtig die Diskriminierung läuft, wie brutal, wie subtil. Wie persönlich und wie institutionalisiert.

Can warnt vor einer Integrationskrise

Can, der sich schon lange mit dem beschäftigt, was Deutsche umtreibt, die ein Problem mit Migration haben, war klar, wie breit gefächert der Alltagsrassismus auftritt.

“Wir haben den Rechtspopulisten viel zugehört, aber wir haben nie lösungsorientiert gedacht”, sagt er.

Mehr zum Thema: Ich bin ein Migrant und habe eine Hotline für besorgte Bürger

Er drängt, dass sich Deutschland jetzt darüber Gedanken machen müsse, was “Deutschsein” heute eigentlich bedeute. Denn sonst “könnten wir bei der Integration der neuen Millionen Zuwanderer große Fehler machen. Es könnte aus der sogenannten Flüchtlingskrise eine Integrationskrise werden.”

Worauf es Can ankommt: Demokratie

Can fordert, es müsse endlich aufhören, dass ein Mensch mit Migrationshintergrund nur dann als Deutscher akzeptiert werde, wenn er Erfolg habe. “Wichtig ist doch nur die Haltung zur freiheitlich demokratischen Grundordnung.”

Er hält Özils Erdogan-Foto für eine Fehler und Özil selbst für einen “Fußballer mit mangelndem diplomatischen Bewusstsein. Dass er das Bild als unpolitisch bezeichnet hat, ist völlig naiv.”

Aber wenn Ex-Kanzler Gerhard Schröder mit Russlands Präsident Putin posiere, rege das die Leute nicht so auf wie bei Özil. 

Die gute Nachricht gibt es auch 

Damit sich Dinge ändern können, muss sich erst einmal das Bewusstsein dafür ändern. Can hat dafür einen Weg gezeigt. 

Nicht jedes einzelne Erlebnis, das da getwittert werden, mag isoliert betrachtet so gravierend wirken, aber in ihrer Masse sind sie es.

#MeTwo hat es schon mal geschafft, dass sich sehr verschiedenen Menschen gegenseitig zuhören. Es ist der erste Schritt. 

Außenminister Heiko Maas (SPD) twitterte: “Erheben wir unsere Stimme mit ihnen: gegen Rassismus, jederzeit, überall.” 

 

Manches Mal passiert das schon. Etwa, wenn nicht die Betroffenen über Diskriminierung schreiben, sondern deren Freunde ohne Migrationshintergrund. 

Oder wenn ein Professor dem eingewanderten Vater die Leistungen seiner Tochter vor Augen führt. Oder eine Klasse sich ein anderes Ziel für einen Ausflug aussucht, weil sonst einer von ihnen wegen Visum-Problemen nicht mitkönnte.

(jg)