POLITIK
22/07/2018 20:00 CEST | Aktualisiert 22/07/2018 20:51 CEST

Mesut Özil wollte sich erklären – Medien gaben ihn zum Abschuss frei

Die HuffPost-These.

Mesut Özil wählte seinen eigenen Weg.

An diesem Sonntag hat der deutsche Nationalspieler seinen Rücktritt aus dem DFB-Team erklärt. Es war der letzte Part einer dreiteiligen Botschaft.

Mit seinen Stellungnahmen wollte sich Özil erklären. Zu seinen Beweggründen, sich mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zu treffen. Zur Kritik an seiner sportlichen Leistung. Zum fehlenden Rückhalt des DFB

Nicht viele dürften damit gerechnet haben. Während die Kritik vor, während und nach der Weltmeisterschaft in Russland auf den Mittelfeldstar mit türkischen Wurzeln einprasselte, zog Özil es vor, zu schweigen. 

Die Erklärung war also längst überfällig. Und die Aufregung darum groß. 

► Doch wie die deutschen Medien über diesen Versuch Özils, seine Beweggründe aufzuklären, berichteten, war gefährlich. Denn die Berichterstattung war zunächst falsch. 

Am Anfang stand eine Falschmeldung

Die Deutsche Presse-Agentur meldete am Sonntagmittag: ”Özil: Würde Bild mit Präsident Erdogan wieder machen”. Auch der Sport-Informations-Dienst (SID) verbreitete als Eilmeldung: ”Özil: Würde das Erdogan-Foto ‘wieder machen’”.

Das Problem dabei: In der langen Erklärung des Fußballspielers stand mit keinem Wort, dass er Erdogan wieder treffen würde. 

Wörtlich las man da auf Englisch: 

“Ich weiß, dass es schwierig ist, das zu verstehen, denn in den meisten Kulturen lassen sich politische Anführer nicht trennen von der Person. Aber in diesem Fall (beim türkischen Präsidenten, Anm.) ist das anders. Wie auch immer das Ergebnis der vorherigen Wahl oder der Wahl zuvor ausgefallen wäre, ich hätte das Foto trotzdem gemacht.”

Özil, der nur den deutschen Pass hat, wollte damit erklären, dass er aus Respekt dem türkischen Staatsoberhaupt, dem politischen Anführer des Heimatlandes seiner Familie, ein Foto nicht verweigern konnte.

Nicht nur zeitlich gibt es einen großen Unterschied zwischen “würde es wieder machen” und “hätte es trotzdem gemacht”.

Doch dieser Unterschied ging im Feuer der Pushmeldungen unter. Die dpa und der SID beliefern zahlreiche Redaktionen in Deutschland. Und so kam es, dass Leser an diesem Sonntag zunächst erfuhren, dass Özil Erdogan wieder treffen würde. Erst nach einigen Minuten wurden die jeweiligen Überschriften und Aussagen in den Texten korrigiert. Manche berichtigten es gar nicht.

“Da brauche ich den Rest nicht mehr zu lesen …”

Özil steht in der Debatte, die um seine Person tobt, längst für einen Typ. Er steht für den integrationsunwilligen Deutschtürken. Dem Rechte, aber auch manche Konservative vorwerfen, nie in Deutschland anzukommen. Weil er es nicht wolle. 

Die falsche Meldung befeuert dieses Vorurteil. Denn die Botschaft dahinter war, dass Özil wohl unbelehrbar sei. Dass er seinem türkischen Präsidenten Erdogan die Treue halten würde, komme, was wolle. Trotz all der medialen Kritik. 

Aus der komplexen Erklärung von Özil wurde eine Steilvorlage für Rassisten. Für Menschen, für die der Arsenal-Star in erster Linie kein Deutscher ist, sondern ein Türke. 

In den sozialen Medien sammelte sich unter der Falschmeldung der Hass gegen Özil. Unter einer Quotecard der Sportsendung “Ran” mit dem falschen Zitat finden sich Kommentare wie: 

► Ein Mann schreibt wütend: “Diese Aussage sagt alles … Da brauche ich den Rest schon nicht mehr zu lesen! Direkt rauswerfen!”

► Ein anderer poltert: “Der lernt es nie. Er soll aus der Mannschaft austreten und seinen deutschen Pass abgeben. Er hat kein Recht mehr, sich Deutscher zu nennen.”

► Und noch ein Kommentar in diese Richtung: “Den Özil abschieben in das Land, aus dem er herkommt und dass er so mag … Ich würde es wieder tun.”

Özil wollte erklären, wie es sich für Menschen mit Migrationshintergrund, mit “zwei Herzen”, wie er schreibt, anfühlt, wegen seiner Herkunft in Deutschland nicht akzeptiert zu werden. Die Falschmeldung aber provozierte, dass seine Erklärung nicht gehört wurde. 

Özil hat es verdient, angehört zu werden 

Özil hat sich an diesem Sonntag nicht entschuldigt, sondern verteidigt. Das kann man falsch finden. Noch immer kann und sollte man zudem sein Treffen mit dem türkischen Autokraten kritisieren, weil sich der Fußball-Star so in den Wahlkampf von Erdogan einspannen ließ. 

Fragwürdig ist auch seine Erklärung, dass zwischen der Person und dem Amt unterschieden werden sollte. Man kann es auch seltsam finden, dass Özil stets vom türkischen Präsidenten schreibt, bei Angela Merkel aber das “Kanzlerin” als Amtsbezeichnung weglässt. 

Dennoch hat er es verdient, angehört zu werden. Und zwar wahrheitsgemäß.

Das haben die deutschen Medien zunächst nicht geschafft. Stattdessen haben sie Özil zum Abschuss freigeben.