POLITIK
20/03/2018 17:20 CET | Aktualisiert 20/03/2018 20:24 CET

Messergewalt ist ein echtes Problem in Deutschland – und wir alle haben Schuld daran

Die Zahl der Messerangriffe steigt – aber das ist kein neues Phänomen.

Wir müssen endlich anfangen, über die Messer in den Taschen zu reden. Sowohl darüber, was sie anrichten. Als auch darüber, woher sie kommen.

In den vergangenen Wochen hat sich in Deutschland eine regelrechte Angstdebatte um dieses Thema entwickelt. Grund waren einige spektakuläre Gewalttaten, bei denen Messer zum Einsatz kamen.

Die drei Fälle bekanntesten Fälle:

► Am 27. Dezember erstach ein als unbegleiteter Flüchtling nach Deutschland eingereister Afghane in der rheinland-pfälzischen Stadt Kandel seine 15-jährige Ex-Freundin.

In Lünen ersticht ein 15-jähriger, polizeibekannter deutscher Staatsbürger am 22. Januar einen 14-jährigen Mitschüler.

Und am 7. März tötet ein erst 15-Jähriger Deutscher eine Mitschülerin mit 20 Messerstichen in deren Berliner Wohnung.

Natürlich spielt auch die Debatte um Zuwanderung von Flüchtlingen eine Rolle dabei, warum derzeit so intensiv über Messergewalt gesprochen wird.

Screenshot / Bild
Artikel der "Bild" von Sonntag, 18. März

Der Vorwurf, vor allem von rechts: Erst durch den Zuzug von mehr als einer Million Asylbewerbern in den Jahren 2015 und 2016 seien Messer überhaupt zu einem Problem geworden.

Statistik zeigt Anstieg von Messerangriffen

In islamfeindlichen Foren wird über “Messer-Fachkräfte” gespottet, die Kanzlerin Angela Merkel “ins Land gelassen” habe.

Ein Blick auf die Zahlen zeigt zuerst vor allem zwei Dinge:

► Ja, es gibt einen Anstieg der Messerattacken.

► Und: Nein, das ist kein neues Problem.

Nicht in allen Bundesländern werden Messerattacken separat in der Kriminalitätsstatistik ausgewertet. In Berlin sind die Zahlen auch deswegen recht gut dokumentiert, weil der CDU-Abgeordnete Peter Trapp seit Jahren mit kleinen Anfragen beim Innensenat die jeweiligen Daten erhebt.

Außerdem eignet sich Berlin noch aus einem anderen Grund gut für die Betrachtung im Zusammenhang mit der aktuellen Diskussion: Hier leben 45.000 Asylbewerber, von denen der allergrößte Teil in den Jahren 2015 und 2016 angekommen ist.

Keine “Gewaltexplosion” zu verzeichnen

Berlin hat damit, gemessen an der Bevölkerung, etwas mehr Asylbewerber aufgenommen als andere Bundesländer.

Im Jahr 2011, also lange vor der Asyldebatte, gab es insgesamt 2.487 Messerattacken in Berlin. Sechs Jahre später waren es 2.737 Fälle, das bedeutet einen Anstieg von ziemlich genau zehn Prozent. Es gibt also mehr Attacken als noch vor sechs Jahren. Aber von einer „Gewaltexplosion“ kann nicht die Rede sein.

Noch im Jahr 2016 – die meisten Flüchtlinge waren zu diesem Zeitpunkt schon ein Jahr lang hier – lag die Zahl der Messerattacken in Berlin bei 2.591.

Bei den Tatverdächtigen unter 21 Jahren ist prozentual ein deutlicher Zuwachs der Messerattacken zu beobachten.

Hier gibt es eine interessante Entwicklung: Vor sechs oder sieben Jahren gab es schon einmal sehr viele Verdächtige im Zusammenhang mit Messerattacken. Diese Zahl nahm dann bis 2016 ab, bevor sie sehr stark anstieg.

Messerattacken: Vor allem junge Menschen stechen zu

2011 zählte die Berliner Polizei 467 tatverdächtige Kinder, Jugendliche und Heranwachsende.  Im Jahr 2014 waren es nur noch 395. Für das Jahr 2016 vermeldet der Berliner Innensenat 499 Tatverdächtige, im Jahr 2017 waren es 540.

Man könnte nun natürlich behaupten, dass der Zuzug von Asylbewerbern für den Anstieg bei den jungen Tatverdächtigen verantwortlich sei. Wenn man allerdings Messergewalt für etwas typisch “Orientalisches” hält, müssten jene Asylbewerber, die älter als 21 sind, ja auch für einen signifikanten Anstieg der Fallzahlen bei den Erwachsenen sorgen. Das ist aber nicht der Fall.

ullstein bild via Getty Images
Polizeieinsatz nach einer Messerstecherei im Görlitzer Park in Berlin. 

Viel mehr Sinn macht es, die steigenden Zahlen bei den Messerattacken in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext zu sehen.

Die Gesellschaft rüstet auf

Seit gut zwei Jahren vollzieht sich eine langsame Aufrüstung in allen Teilen der Gesellschaft. Angefangen hatte es damit, dass im ersten Halbjahr 2016 die Zahl der Anträge für einen “kleinen Waffenschein” deutlich nach oben schnellten.

Zu dieser Zeit finden Supermärkte auch an, Pfefferspray zu verkaufen.

Ein Grund war die Angst vor islamistisch und rassistisch motivierter Gewalt. Ein anderer Auslöser waren die Diskussionen nach den Silvester-Übergriffen von Köln.

Der erste spektakuläre Fall von Messergewalt war zu diesem Zeitpunkt bereits geschehen: Ein polizeibekannter Rechtsextremist deutscher Herkunft hatte am 15. Oktober 2015 der CDU-Kandidatin für das Kölner Oberbürgermeisteramt, Henriette Reker, mit einem Messer in den Hals gestochen.

Es waren zuerst die Erwachsenen, die mit der Aufrüstung im Alltag begannen. Für den “kleinen Waffenschein” etwa muss man mindestens 18 Jahre alt sein. Und dem Gesetz nach ist auch die Abgabe von Pfefferspray an Minderjährige verboten.

Und es gibt gute Gründe anzunehmen, dass diese Alltags-Aufrüstung uns allen ein trügerisches Gefühl von Sicherheit gegeben hat. Denn wo die einen sich Waffen anschaffen, wollen die anderen nicht hinten anstehen. Wer sich Pistolen und Reizgas nicht auf legalem Wege zulegen kann, der besorgt sich eben, was er bekommen kann.

Sie denken, dass sie mit einem Messer zur Welt der Erwachsenen gehören

Die Düsseldorfer Psychologin Susanne Altweger sagte im Sommer 2017 der “Deutschen Welle” zum Anstieg der Messergewalt: “Zum einen fühlen sich die jungen Leute durch die jüngsten Terroranschläge fälschlicherweise legitimiert, sich selbst zu bewaffnen und zum anderen denken sie, dass sie mit einem Messer zur Welt der Erwachsenen gehören.”

Das passt ganz gut zu dem, was der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei in Nordrhein-Westfalen, Arnold Plickert, nach der Gewalttat von Lünen im Januar gesagt hat. Schüler würden sich deswegen Messer zulegen, weil sie davon ausgingen, dass jeder ein Messer dabei habe.

Wir brauchen eine Debatte über unser Verhältnis zur Gewalt

Und wer eine Waffe mit sich trägt, der neigt auch dazu, sie zu benutzen. Ob zur Selbstverteidigung oder für Angriffe auf andere Menschen. Die USA haben ein sehr laxes Waffenrecht. Und dort sterben jedes Jahr 30.000 Menschen durch Schusswaffengebrauch.

Was wir in Deutschland brauchen, ist nicht eine neue Ausländerdebatte, sondern eine ernsthafte Diskussion um unser Verhältnis zur Gewalt. Das Pfefferspray in der Tasche mag zwar ein subjektives Sicherheitsgefühl vermitteln, es ist aber nicht unschuldig

Unsere Angst vor den anderen trägt dazu bei, dieses Land zu einem unsichereren Ort zu machen. Gestern waren es Reizgaskartuschen. Heute sind es Messer. Und morgen?

(ben)