POLITIK
06/01/2019 16:09 CET | Aktualisiert 06/01/2019 20:56 CET

"Merkels Motto ist Germany First": Historiker vergleicht Kanzlerin mit Trump

"Angela Merkel ist eine bemerkenswerte politische Taktikerin."

SAUL LOEB via Getty Images
Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Donald Trump beim vergangenen G20-Gipfel in Argentinien. 
  • Der Harvard-Historiker Niall Ferguson hat in einem Interview den Regierungsstil von Angela Merkel kritisiert. 
  • Die Kanzlerin helfe mit ihrer Art der Politik einzig und allein Deutschland – und schade Europa. 

Brexit-Chaos in Großbritannien, Regierungschaos in den USA, “Gelbwesten”-Chaos in Frankreich und ein sich ausbreitender Populismus in ganz Europa: Die Welt steht Anfang 2019 vor großen politischen Herausforderungen. 

Häufig wurde deshalb in den vergangenen Jahren auf die deutsche Bundeskanzlerin geblickt – Angela Merkel, die für Stabilität stehen sollte, die nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten im Ausland bisweilen sogar als “Anführerin der freien Welt” bezeichnet wurde. 

Für den Historiker Niall Ferguson ist das ein Trugschluss. In einem Interview mit dem “Stern” geht der Harvard-Professor hart mit der Kanzlerin ins Gericht – und vergleicht sie sogar mit Trump.  

Warum Ferguson Merkel mit Trump vergleicht: 

Die Frage, ob der bevorstehende Abgang von Merkel als Kanzlerin Europa weiter schwächen würde, verneint Ferguson deutlich. 

Merkel sei eine “bemerkenswerte politische Taktikerin”, sagt der Historiker – und gibt zu: “Ich mag eigentlich auch ihren trockenen Humor und ihren unprätentiösen Stil.” Politiker müssten aber an ihren Ergebnissen und nicht ihrer Art gemessen werden.

Ferguson vergleicht Merkels Vorgehen hier mit Trumps Motto “America First”:

“Da muss man über die Kanzlerin sagen: Sie war gut für Deutschland. Aber schlecht für Europa. Ihr Motto lautete: Germany First!”

Es sei ein Kurs, vor dem Merkel von ihrem Vorgänger Helmut Kohl gewarnt worden sei, sagt Ferguson. Der Ex-Kanzler habe 2011 in einer Rede bei der Verleihung des Kissinger-Preises gewarnt, dass eine zu sehr an Deutschland und nicht Europa ausgerichtete Politik in einem Desaster enden würde. 

“Es war klar, dass er Merkel damit meinte”, sagt Ferguson. 

Was der Historiker über Merkels Flüchtlingspolitik sagt: 

Als Beispiel für ein solches Desaster nennt Ferguson Merkels Flüchtlingspolitik. Ihre Entscheidung zur Aufnahme der vielen Geflüchteten im Herbst 2015 sei ein “schwerer Fehler” gewesen. 

“Sie hat mit der Öffnung der Grenze nicht nur Deutschland, sondern auch Europa fundamental destabilisiert. Die Konsequenzen werden noch viele Jahre zu spüren sein”, sagt der Historiker.

Das Problem sei, dass die Kanzlerin stets nur der gesellschaftlichen Stimmung in Deutschland folge:

“Das war schon in der Eurokrise so. Damit hat sie nicht nur eine maximale Unsicherheit in Bezug auf die Zukunft Griechenlands geschaffen, sondern auf die gesamte Eurozone.”

Wie Ferguson über das Erbe von Merkels Politik urteilt: 

War Merkel also keine große Kanzlerin? Keine große Persönlichkeit oder Politikerin mit einem festen Platz in den Annalen Europas? Keine “Anführerin der freien Welt”?

Nicht aus Fergusons Sicht. 

“Ich habe nie verstanden, warum die angelsächsische Presse Angela Merkel zur ‘Führerin der freien Welt’ stilisiert hat”, sagt er. “Sie war nicht gut für die freie Welt.”

Es war nicht das erste Mal, dass der als konservativ geltende Historiker Ferguson so hart mit der Kanzlerin ins Gericht geht. In einem Interview mit der “Welt am Sonntag” empfahl er Merkel vor einigen Monaten den sofortigen Rücktritt. 

“So wie die Dinge jetzt stehen, könnte sie (Merkel, Anm.) als die Regierungschefin in die Geschichte eingehen, die Europa auf dem Gewissen hat”, wetterte er damals. 

(ll)