POLITIK
27/04/2018 23:23 CEST | Aktualisiert 28/04/2018 15:49 CEST

Merkel-Besuch bei Trump zeigt, für wie unbedeutend die USA die Kanzlerin halten

Die HuffPost-These: Deutschland ist für die Vereinigten Staaten auf der internationalen Bühne zum bloßen Zuschauer geworden.

Alex Wong via Getty Images
Angela Merkel bei der Pressekonferenz mit Donald Trump.

Sie hat sich bemüht. Keine Frage.

Fast unterwürfig gab sich die deutsche Kanzlerin Angela Merkel am Freitag in Washington. Nach ihrem Arbeitsessen mit Donald Trump lobte sie die Steuerreform des US-Präsidenten und seine Nordkorea-Politik.

Sie versprach höhere Militärausgaben und äußerte kein Wort des Widerstands, als es um die drohenden US-Strafzölle für Europa ging. “Der Präsident wird entscheiden”, sagte Merkel fast kleinlaut.

Der US-Präsident dankte es ihr mit der Aussage: “Unser Bündnis ist stark.” Und legte ihr fast versöhnlich nach der Pressekonferenz die Hand auf die Schulter.

Wie sehr unterschieden sich dieses Mal die Bilder von den Szenen von Merkels Besuch vor über einem Jahr in Washington, als Trump meist abwesend wirkte – und dann auch noch die Frage der Kanzlerin nach einem Handschlag scheinbar überhörte. 

Die Schmeichelei der Kanzlerin aber hat sich nicht ausgezahlt. Nicht nur kommt sie ohne handfeste Erfolge bei den strittigsten Themen zurück nach Berlin – das Arbeitstreffen an diesem Freitag demonstrierte, wie sehr Deutschland in den Augen der USA international an Bedeutung verloren hat.

Die deutsche Kanzlerin wird ignoriert

Den Statusverlust zeigte ein Blick auf die wichtigsten Medien der USA überdeutlich: Auch eine Stunde nach der Pressekonferenz von Merkel und Trump musste man auf den Nachrichtenseiten nach einer Meldung dazu suchen. 

HuffPost
Vier der wichtigsten Nachrichtenseiten der USA – sie kommen am Freitag ohne Merkel aus.

Der US-Sender CNN widmete sich dem historischen Gipfeltreffen zwischen Süd- und Nordkorea vom Freitagmorgen. Auch die “New York Times” reihte Artikel um Artikel zu diesem Thema auf.

Die Trump-kritische “Washington Post” beschäftigte sich mit dem republikanischen Bericht des Untersuchungsausschusses im Repräsentantenhaus zur Russland-Affäre. Und der Sender Fox News berichtete über Text-Nachrichten von Ex-FBI-Agenten, die die feindliche Haltung des FBI gegenüber Trump zeigten sollen.

Rechts, an die Seite gedrückt, auf “cnn.com”, war sie zu sehen: eine Meldung zu Merkel.

► Die einst von der “New York Times” zur “Anführerin der freien Welt” gekürte Merkel – sie war den US-Medien am Freitag keine lange Analyse, keinen  prägnanten Kommentar oder gar eine detaillierte Berichterstattung auf ihren Internet-Auftritten wert.

Mehr zum Thema: Wie liberale US-Medien versuchen, Donald Trump loszuwerden – und rechte Medien ihn retten wollen

Boring old Merkel

Natürlich war dieser Freitag ein historischer Tag. Als erster nordkoreanischer Staatschef seit dem Ende des Korea-Kriegs in den 50er-Jahren hatte Kim Jong-un am Freitag die Grenze überquert und sich mit Südkoreas Präsidenten getroffen.

Im so lange gefährlichen Konflikt um das Atomwaffen-Programm Pjöngjangs gibt es so nun wieder die Hoffnung auf Frieden auf der koreanischen Halbinsel. Selbstverständlich berichteten die US-Medien daher ausgiebig darüber vor dem anstehenden Treffen von Trump und Kim.

Natürlich waren die US-Journalisten auch vor Ort im Weißen Haus, stellten ihre Fragen an Merkel und Trump – während die Kommentatoren der Sender live das Treffen kommentierten.

Aber sonst war Merkel in den US-Medien fast abwesend. Die Bundeskanzlerin, boring old Merkel, sie interessierte an diesem Tag der Weltpolitik einfach nicht.

Deutschland verliert international an Bedeutung

Es ist keine wirklich neue Erkenntnis. Schon vor einer Woche widmete sich der “Spiegel” mit seiner Titel-Story dem Bedeutungsverlust der Bundesrepublik. Das Nachrichtenmagazin schrieb über die Machtverschiebung in Europa. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron habe Merkel international den Rang abgelaufen, so die These des “Spiegels”.

Diese Aussage scheinen auch die Fotos von Macrons dreitägigem Washington-Besuch zu vermitteln. Der Franzose wurde mit viel Pomp bei seinem offiziellen Staatsbesuch empfangen, Merkel nach dem Mittagessen und 150 Minuten mit Trump nach Hause geschickt.

Tatsächlich aber zeigt der Besuch der Kanzlerin: Sie ist für Trump von dem zu einem Ansprechpartner in Europa geworden. Und die US-Presse folgt ihm in diesem Urteil.

Um überhaupt so etwas wie eine Beziehung zu dem unberechenbaren Mann im Weißen Haus zu haben, muss sie ihn umgarnen – und sich Widerspruch verkneifen.

Merkel hat klein beigegeben – und wird ignoriert

Bei ihrem ersten Telefonat mit Trump erinnerte Merkel den US-Präsidenten noch an die Werte der westlichen Welt. Nun lobt sie seine konfrontative Haltung im Nordkorea-Konflikt.

Merkel waren die internationalen Schlagzeilen sicher, als sie nach dem G7-Gipfel in einem bayerischen Bierzelte sagte: Die Europäer müssten nun ein Stück weit mehr die Verantwortung übernehmen.

Doch in die Augen der USA hat Merkel diese Versprechen nicht eingelöst. Während der langen Regierungsbildung nach der Bundestagswahl hat Macron die Führungsrolle in Europa übernommen. In gefährlichen Konflikten wie Nordkorea oder Syrien vertraut Trump eher dem vorpreschenden Präsidenten statt der zögerlichen Kanzlerin. Beim Syrien-Angriff von Washington, Paris und London etwa war Berlin weitgehend ahnungslos, wie die Operation überhaupt ablaufen würde.

Auch wenn Deutschland die stärkste Wirtschaftsmacht der EU ist, auch wenn Macron ohne Merkel keine seiner Vorhaben für Europa umsetzen können wird: Für die Amerikaner spielen die Deutschen und ihre Kanzlerin auf der internationalen Bühne bei den großen Konflikte eine untergeordnete Rolle.

Für die USA ist Merkel geschrumpft. So sehr, dass man nach ihr an diesem Tag in den US-Medien suchen musste.