POLITIK
23/11/2018 16:12 CET

Merkel-Nachfolge: 3 überraschende Erkenntnisse aus dem Rennen um den CDU-Vorsitz

Auf den Punkt.

Fabian Bimmer / Reuters
Merkel-Nachfolge: 3 überraschende Lehren aus dem Rennen um den CDU-Vorsitz

Vier sind rum, vier kommen noch: Gemessen an der Zahl der Regionalkonferenzen haben die Kandidaten für den CDU-Vorsitz das halbe Rennen hinter sich. Die Kandidaten feiern Bergfest sozusagen. 

Was die ersten vier Sitzungen gezeigt haben: Bei der CDU läuft ein historisches Casting, bei dem die Konservativen im Turbo ein Gefühl für die Kandidaten Annegret Kramp-Karrenbauer (AKK), Friedrich Merz, Jens Spahn bekommen sollen.

Aus dem Casting lassen sich jetzt schon drei Erkenntnisse über die Kandidaten ableiten:

AKK: Von wegen “Mini-Merkel”

Als “Mini-Merkel” in den Ring gestiegen, zeigt sich: AKK hat mehr drauf, als ihr die breite Öffentlichkeit zu Beginn ihrer Kandidatur zutraute. 

Ihre Antrittsrede wirkte neben den rhetorisch starken Merz und Spahn abgelesen, hölzern und blass. Das erinnerte an die grauen Auftritte der Kanzlerin – und hörte sich nicht nach Aufbruch und Erneuerung an. 

Handelsblatt
Annegret Kramp-Karrenbauer.

Besser wurde es auf der ersten Regionalkonferenz in Lübeck und seither jedes Mal, als sie eine Bühne betrat. Themensicher war sie schon immer, nun wirkt AKK kämpferisch, energiegeladen – und zeigt Kante, auch gegen ihre Konkurrenten. AKK läuft sich vom Image der “Mini-Merkel” frei – und das ist eine handfeste Überraschung. 

► Auf Merz’ Vorstoß beim Asylrecht reagierte sie mit vernichtenden Worten. Sie warf Merz vor, seine Aussagen passten nicht zum Wesen der CDU und bewegten sich außerhalb der “christlich-abendländischen” Werte.

► Ihre größte Stärke ist allerdings, dass sie keinen großen Wirbel macht. Den überlässt sie ihren Konkurrenten. AKK wirkt da wie ein Hort der Stabilität – und der ist bei CDU-Mitgliedern trotz allen Rufen nach Erneuerung noch wahnsinnig beliebt.

Mehr zum Thema:Wie die CDU den Rechtsruck probt – und was daraus folgt

Kein Wunder, dass sie im Rennen um die Merkel-Nachfolge ihren Vorsprung ausbauen konnte. 

► 38 Prozent der Unions-Anhänger meinen laut dem ZDF-“Politbarometer” vom Freitag, dass die frühere saarländische Ministerpräsidentin Nachfolgerin von Merkel werden solle.

Das sind drei Prozentpunkte mehr als vor zwei Wochen. Merz hingegen verliert vier Prozentpunkte (29 Prozent), Spahn kommt auf 6 Prozent (minus 1).

Merz: Er leistet sich überraschende Schwächen

Als Merz seine Kandidatur bekannt gab, wirkte das von langer Hand vorbereitet und gut geplant. Schäuble persönlich brachte Merz im Hintergrund in Stellung. 

Wenn nicht noch Reporter dunkle Geheimnisse aus seiner Vergangenheit in der Spitzen-Wirtschaft ausgraben würden, könne diesen Mann nichts aufhalten, sagten viele. Hochintelligent, rhetorisch brillant, ein Stratege – so umworben ihn seine Unterstützter.

Umso schwerer und überraschender wiegen die Fehler, die Merz nun unterlaufen.

► Seine Äußerung zu seinem Einkommen waren unüberlegt. Merz (Millionen-Jahreseinkommen, 2 Privatjets, Haus am Tegernsee) zählte sich in einem Interview zur oberen Mittelschicht.

Er wollte damit sagen, dass er trotz seines Reichtums immer noch ein Mann des Volkes ist, ein Mann der CDU-Basis. Das mag sogar sein.

Was aber hängen blieb, war sozialer Etikettenschwindel, denn Merz gehört verglichen mit der Lebensrealität der allermeisten Normalverdiener ganz sicher nicht der Mittelschicht an, sondern der oberen Oberschicht, den obersten zwei Prozent im Land. 

► Im Streit um das Asylrecht unterlief Merz der zweite Fehler.

► Dass er dieses Thema anpackt, mag strategisch klug sein. Es sichert ihm die Aufmerksamkeit jenen Lagers, das mit Merkels Flüchtlingspolitik unzufrieden ist und bislang in Jens Spahn ihr Sprachrohr fand. 

Yahoo Magazines PYC
Friedrich Merz.

Was auf den ersten Blick nach einem Coup aussah, war beim genauen Hinsehen stümperhaft. Seine Begründung bestand den Faktencheck nicht. Merz musste zurückrudern. Und Journalisten warf er vor, sie hätten ihn falsch zitiert. Wer ”überfordert” sei, dem könne er das gerne nochmal erklären, sagte er in Halle.

► Irreführende Zahlen, Vorwürfe an Journalisten: Das kennt man sonst vor allem von der AfD. Und mit dieser Laienspieltruppe will die Kanzlerhoffnung sicher nicht verglichen werden.

Mehr zum Thema:Himmel und Hölle – so urteilen die Medien über Merz’ Asyl-Vorstoß

Merz fährt sich selbst in die Parade, bevor diese richtig loslaufen kann. Und muss aufpassen, dass ihm nicht das gleiche Schicksal ereilt wie dem früheren SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz: hoch gehandelt, tief gefallen.

Abschreiben sollte man ihn trotzdem nicht – Fehler geraten im Turbo-Politikbetrieb schnell in Vergessenheit. Hängen aber bleibt zur Halbzeit: Merz’ größter Gegner ist er selbst.

Spahn: Er könnte der lachende Dritte sein

Spahn ging als Underdog ins Rennen – und macht daraus auch kein Geheimnis. 

► Schon vor seiner Kandidatur ließ er in seine Biografie schreiben: “Bekannt bin ich, beliebt muss ich noch werden.”

Die Regionalkonferenzen sind die größtmögliche Bühne, die die CDU derzeit zu bieten hat, um genau das zu schaffen: beliebt zu werden. 

Fabian Bimmer / Reuters
Jens Spahn.

Deswegen kann Spahn, bis dato sicherer Verlierer im Rennen um den CDU-Chefposten, nur gewinnen: Sympathien und Netzwerke an der Basis. Viel Aufmerksamkeit. Und die Chance, bei seinem Lieblingsthema zu punkten: Migration. 

Er weiß: Wenn es dieses Mal nicht klappt, dann ist er jung genug, um bei der zweiten Chance zuzugreifen. 

Und wenn es klappt? Spahn rechnet sich immer noch gute Chancen aus.

► “Ich habe das Gefühl: Die Stimmung dreht sich”, sagte er dem “Focus”. Entscheidend seien nicht die Werte in Umfragen, sondern die Delegierten auf dem Parteitag Anfang Dezember.

Deshalb wolle er seinen parteiinternen Wahlkampf weiterführen und den Rückstand bei den Zustimmungswerten zu seinen Mitbewerbern aufholen. 

(ben)