POLITIK
06/12/2018 18:29 CET | Aktualisiert 06/12/2018 19:41 CET

Claudia Roth über die CDU-Chefin: "Merkel macht mich fassungslos"

"Bei mir überwiegt aber etwas anderes: ein Grundgefühl der Achtung", schreibt Roth.

getty
Angela Merkel und Claudia Roth im Bundestag. 
  • Grünen-Politiker Claudia Roth hat in einem Gastbeitrag eine vorläufige Bilanz über die Kanzlerschaft von Angela Merkel gezogen. 
  • Sie erklärt, wann Merkel sie fassungslos macht – und was sie an der Kanzlerin bewundert. 

Claudia Roth und Angela Merkel verbindet vieles. Beide sind in einem ähnlichen Alter, beide standen oder stehen an der Spitze ihrer Parteien. Und beide Politikerinnen polarisieren, keine Frage. 

Und dennoch trennt Roth und Merkel auch vieles. Über die Bundeskanzlerin und die scheidende CDU-Vorsitzende sagte die Grünen-Politikerin mit den knalligen Outfits einmal in einem Interview mit der “Zeit”: “Frau Merkel hat sich ja in ihrem Erscheinungsbild den Männern angepasst.”

In einem Gastbeitrag für “zdf.de” hat Claudia Roth nun beschrieben, was sie an Merkel schätzt – und was nicht. 

An manchen Tagen macht Merkel Roth fassungslos 

“Es gibt Tage, da macht mich Angela Merkel geradezu fassungslos”, schreibt Roth gleich zu Beginn. Und meint damit vor allem die Behäbigkeit der großen Koalition beim Klimaschutz.

Weiter zählt Roth auf, dass sie kein Verständnis dafür habe, dass Merkel einerseits als “Flüchtlingskanzlerin” bezeichnet werde, andererseits aber den “den Ausbau der Festung Europa mit Hochdruck vorantreibt”. 

Außerdem gebe es noch “die Tage des Bedauerns: über die massive Kluft zwischen Arm und Reich, die von der Großen Koalition nicht nur hingenommen, sondern befördert wurde”. 

Damit wären die ideologischen Differenzen zwischen der pragmatisch-konservativen Merkel und der progressiven Roth gut umschrieben. Doch die Grünen-Politikerin verfasste den Gastbeitrag nicht, um mit Merkel abzurechnen. 

Was Roth an Merkel schätzt

“Wenn sich nun aber die aktuelle – und wohlgemerkt künftige – Kanzlerin vom Vorsitz ihrer Partei zurückzieht, dann überwiegt bei mir etwas anderes: ein Grundgefühl der Achtung”, schreibt Roth. 

Roth zeugt Merkel ihren Respekt, weil die Kanzlerin besonnen und beständig ihre Arbeit verrichtet habe. Weil sie im Flüchtlingssommer und -herbst 2015 die Grenzen offen gehalten habe, während andere nach einer Schließung riefen. 

“Jeden einzelnen Angriff hat sie gestanden, einige auch zielsicher pariert – und war dabei nicht selten allein auf weiter Flur. Andere hätten hingeschmissen.”

Merkel und die Abgesänge 

Am Freitag wird die CDU einen neuen Vorsitzenden oder eine neue Vorsitzende auf dem Parteitag in Hamburg wählen. Daher häufen sich in diesen Tagen die Abschiede und Bewertungen von Merkel. Kanzlerin aber wird sie, so beteuert es die Kanzlerin und ihre Partei, weiter bleiben. 

Auch die “New York Times” widmete sich Merkel am Donnerstag mit einem ausführlichen Artikel, in einem ähnlich ehrfurchtsvollen Ton wie Claudia Roth: 

“Niemand hat das heutige Europa mehr geprägt als die Pfarrerstochter aus dem ehemaligen kommunistischen Osten, die als Hüterin der liberalen westlichen Ordnung gefeiert wurde.”

Aber die “New York Times”-Autorin weist auch darauf hin: Merkels Vermächtnis sei fragil. Das letzte Wort räumt sie Merkel-Kritiker Yanis Varoufakis, vormals Griechenlands Finanzminister, ein. 

″‘Sie war eine Katastrophe’, sagte Herr Varoufakis, der ehemalige griechische Finanzminister, ‘und sie wird vermisst werden, denn wer als nächstes kommt, wird sicherlich schlimmer sein.’”