POLITIK
22/12/2017 14:21 CET | Aktualisiert 22/12/2017 14:45 CET

Magazin kürt Merkel zur "Königin Europas" – und das ist nicht ironisch gemeint

Mit dieser Meinung steht das Magazin derzeit fast alleine da.

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Angela Merkel bei ihrer Weihnachtsansprache 2015.
  • Das Magazin “Politico” stellt sich dem Urteil entgegen, die Ära Merkel gehe zu Ende
  • Noch immer sei die Kanzlerin die einflussreichste Politikerin der EU – wie auch eine Aussage eines Diplomaten belegen soll

Angela Merkel ist angezählt. Nicht wenige Kommentatoren und Konkurrenten haben die Kanzlerin nach dem schlechten Wahlergebnis der CDU und dem Scheitern der Jamaika-Gespräche abgeschrieben.

“Merkel erlebt die Abenddämmerung ihrer Kanzlerschaft”, sagte Politikwissenschaftler Werner Patzelt erst kürzlich dem “Tagesspiegel”.

Selbst in den Kreisen der CDU scheint diese Meinung verbreitet zu sein. Laut einem Bericht der “Bild”-Zeitung verriet Ex-Bundestagspräsident Norbert Lammert in kleinem Kreis: Es werde 2018 Neuwahlen geben – und zwar ohne die Parteichefin.

Andere CDU-Politiker beklagen, dass der Einfluss Deutschlands ohne neue Regierung international schwindet.

Ist die Zeit der Kanzlerin als mächtigste Frau Europas und in der Welt also wirklich vorbei?

Das Polit-Magazin “Politico” sieht das anders. “Angela Merkel, immer noch die Königin Europas” titelt das Magazin.

Merkel muss noch nicht ins Altenheim

Die Berichte über das baldige politische Ende der Kanzlerin seien übertrieben, schreibt Autor Paul Taylor. Er stützt seine These auf ein bekanntes Argument – und die Aussage eines EU-Diplomaten.

► Die Deutschen lieben Stabilität. “Politico” nennt Konrad Adenauer mit seiner 14-jährigen und Helmut Kohl mit seiner 16-jährigen Amtszeit als Beispiel.

Die 63-jährige Merkel kommt erst auf 12 Jahre – hat also ihr politisches Ablaufdatum noch nicht erreicht.

Trotz der “Verstimmung” über die Flüchtlingspolitik Merkels seien die Deutschen daher nicht in Eile, ihre Kanzlerin loswerden und sie mit skrupellosen, jungen Möchtegerns ersetzen zu wollen, die das Land scharf nach rechts führen möchten.

Ob damit CDU-Politiker Jens Spahn oder Österreichs neuer Kanzler Sebastian Kurz gemeint ist, verrät “Politico” nicht. Auf beide passt die Beschreibung.

Um seine Aussage weiter zu untermauern, zitiert der “Politico”-Kolumnist einen EU-Diplomaten, der Merkels “Herrschaft über Gipfel” seit mehr als einem Jahrzehnt beobachte.

“Sie würden immer noch bei Merkel anrufen”

► “Sie ist immer noch die Königin Europas”, sagt der anonyme EU-Politiker zu “Politico”. “Wenn du etwas erledigt haben willst, dann kommst du zu ihr.”

Mit der Erfahrung der Kanzlerin könne auch der junge französische Präsident Emmanuel Macron nicht mithalten.

Noch immer gebe Merkel in der EU den Ton an, wenn es darum geht, die Balance zwischen den Mitgliedsstaaten, zwischen Nord- und Südeuropa, zwischen West- und Ost-Europa und zwischen Links und Rechts zu bewahren.

“Wenn du im Gefängnis bist und nur einen Telefonanruf freihast”, nennt der EU-Diplomat ein hypothetisches Szenario, “dann glaube ich, würden die 27 anderen Regierungschefs immer noch Angela Merkel anrufen”.

Das absurde Beispiel soll verdeutlichen: Merkel ist längst nicht abgeschrieben. 

Für andere geht die Ära Merkel zu Ende

Die Kanzlerin musste in den vergangenen Tagen und Wochen viel Kritik einstecken.

► “Der Spiegel” nannte Merkel die “Getriebene” des “jung-dynamischen” Macron.

► “Merkel hinkt”, schrieb die “New York Times” nach dem EU-Gipfel in Brüssel. “Jeder weiß, dass ihre Ära endet.”

► Die britische Wochenzeitschrift “Economist” nannte Merkel kürzlich das “Dornröschen Europas”. Deutschland verschlafe die aktuellen Entwicklungen in der EU, so der Vorwurf.

Mehr zum Thema: Wie Emmanuel Macron international Angela Merkel den Rang abläuft

All diesen Meinungen stellt sich nun “Politico” entgegen. Merkel werde weiter regieren, ob mit der SPD oder mit einer Minderheitsregierung.

Nicht nur das: Die Kanzlerin werde das Angebot Macrons zur Reform der EU aufnehmen – und ihre Positionen durchsetzen.

“Wie immer wird sie Schritt für Schritt voranschreiten”, schreibt “Politico”, und dabei die Einschränkungen der deutschen Verfassung und die Meinung der Menschen in der Bundesrepublik bedenken. 

Die “Methode Merkel” ist zumindest für “Politico” noch lange nicht am Ende.

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(ujo)