POLITIK
24/01/2018 18:14 CET | Aktualisiert 25/01/2018 16:43 CET

Merkel wiederholt beim Wirtschaftsgipfel in Davos Affront gegen Trump

Die Kanzlerin will ihre Macht unter Beweis stellen.

Bloomberg via Getty Images
Merkel wollte zeigen, dass mit ihr zu rechnen ist.
  • Kanzlerin Merkel hat bei ihrem Auftritt in Davos gegen den Eindruck angekämpft, sie verliere an Macht
  • An US-Präsident Trump gerichtet wiederholte sie: “Wir werden unser Schicksal in die eigene Hand nehmen”

Es war ein Pflichttermin von allergrößter Symboltracht.

Lange hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel gezögert, ob sie angesichts der wackeligen Lage Zuhause tatsächlich zum Weltwirtschaftsforum nach Davos reisen soll.

Doch zu groß war im Kanzleramt die Sorge, dass sich bei den internationalen Partnern der Eindruck festsetzt, die als mächtigste Frau der Welt bekannte Kanzlerin verliere rapide an Macht.

Kurz vor dem Start der Koalitionsverhandlungen mit der SPD hatte sich Merkel deswegen den Termin freigehalten, um in der Schweiz eine Antwort auf die Frage zu geben, welche Rolle Deutschland und sie selbst denn nun künftig international spielen würden.

Mehr zum Thema: Neue Umfrage – jeder Zweite fürchtet, eine GroKo tue Deutschland nicht gut

► Ihr Signal war eindeutig: Ihr könnt weiter mit Deutschland rechnen. Und mit mir. “Deutschland will ein Land sein, das auch in Zukunft seinen Beitrag leistet, um gemeinsam in der Welt die Probleme der Zukunft zu lösen”, betonte die CDU-Chefin.

Keine klaren Antworten

Inhaltlich überrascht Merkel nicht. Und auch europapolitisch ist es nicht die langersehnte detaillierte Antwort auf die Reformvorschläge ihres jungen französischen Partners Emmanuel Macron.

Doch die war ohnehin jetzt noch nicht zu erwarten - Merkel muss auf die Verhandlungen mit den Sozialdemokraten Rücksicht nehmen. Im gemeinsamen Sondierungspapier haben Union und SPD immerhin schon Offenheit für eine neue Europapolitik signalisiert - aber mehr ist aus Sicht der Kanzlerin nicht drin, solange die stabile neue große Koalition nicht steht.

► Dafür schickt Merkel erneut unzweideutige Signale Richtung Donald Trump, der am Donnerstag in Davos erwartet wurde.

Auf ein persönliches Zusammentreffen wollte sich die Kanzlerin wohl auch wegen ihrer aktuellen diffizilen Lage nicht einlassen - der ursprünglich von ihr für diesen Donnerstag geplante Start der Koalitionsverhandlungen in großer Runde kam ihr bei der Reiseplanung als Argument entgegen.

Doch Merkels Botschaft wird den US-Präsidenten auch so erreichen. Vor Abschottung und neuem Nationalismus warnt die Kanzlerin - und jeder im Auditorium weiß, wer gemeint ist, auch wenn sie den Namen Trump nicht in den Mund nimmt.

“Abschottung führt uns nicht weiter”

► “Wir glauben, dass Abschottung uns nicht weiterführt. Wir glauben, dass wir kooperieren müssen, dass Protektionismus nicht die richtige Antwort ist”, sagt Merkel. Deutlicher kann ihre Absage an die Politik des mächtigen Amerikaners nicht ausfallen.

Einen direkten “Showdown” mit dem Präsidenten will Merkel vermeiden - sie dürfte ein solches Vorgehen auch nicht als zielführend erachten. Stattdessen setzt sie lieber darauf, dass Deutschland als Kraft des Multilateralismus auftritt - in einem gemeinsamen, wirtschaftlich starken Europa.

► Auch deshalb wiederholt Merkel einen Satz, der schon früher als Affront gegen den einstmals engsten westlichen Partner verstanden worden war: “Wir müssen unser Schicksal mehr in die eigene Hand nehmen.” Mehr Distanz zu Trump geht kaum.

Dann wird es persönlich

Ganz zum Schluss hat Klaus Schwab, der Gründer des Weltwirtschaftsforums, noch eine persönliche Frage an die Kanzlerin.

Sie sei ja in den vergangenen Monaten durch schwierige Verhandlungen gegangen. Aus eigener Erfahrung könne er sagen: In all diesen Phasen lerne man ja auch etwas dazu, sagt der 79-Jährige fast väterlich. Was denn die letzten Wochen Merkel persönlich gebracht hätten, will er von seiner Gesprächspartnerin auf dem Podium wissen.

Mal ganz absehen davon, dass die Verhandlungen ja noch nicht zu Ende seien, fällt Merkel dazu als allererstes das Wort “Geduld” ein.

Sie habe die Lage in den vergangenen Wochen “viel intensiver durchdacht als vorher”, räumt sie ein. Immer wieder sei ihr dabei bewusst geworden, wie wichtig eine stabile Regierung für die Handlungsfähigkeit Deutschlands sei.

Als Schwab Merkel dann für die Restphase ihrer Verhandlungen alles gute wünscht und verspricht: “Wir sind immer da, seit jetzt vielen Jahren, um Sie zu unterstützen und zu begleiten”, wird es der Kanzlerin dann doch zuviel des Guten.

► Lächelnd wehrt sie ab: “Bitte nicht zu bemitleidend.” Merkel ahnt wohl: Zuviel Mitleid würde ein grelles Schlaglicht auf ihre wackelige Situation Zuhause werfen. Und vielleicht noch mehr an ihrer Macht kratzen.