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04/03/2018 15:57 CET | Aktualisiert 04/03/2018 15:57 CET

Ich bin Menschenhändlern entkommen – und jetzt Gefangene des Asylsystems

Ich wurde acht Jahre lang an Männer verkauft und eingesperrt und bin jetzt immer noch nicht frei.

Refugee Action
Meine Verwandten haben gesagt, dass ich nie im Leben etwas erreichen würde, dass ich verflucht sei.

Jeden morgen schaue ich in den Spiegel und lächle. Ich habe mich dazu entschieden, glücklich zu sein – es muss nicht jeder sehen, wie verletzlich ich bin. Sonst, das weiß ich, werden mich die Menschen wieder ausnutzen.

Seit über zwei Jahren warte ich nun schon auf die Entscheidung über meinen Asylantrag. Ich warte darauf, zu erfahren, ob ich den Flüchtlingsstatus bekomme, um hier frei zu sein und arbeiten zu können.

Die Leute an der Uni sagen, dass ich immer fröhlich bin und genau so will ich von meinem Umfeld wahrgenommen werden. Dort hinzugehen und zu lernen zeigt, mir dass ich jemand sein kann.

Der Asylstatus fühlt sich in Wahrheit an wie ein Gefängnis. Du bist gefesselt, hast kein Mitspracherecht, keine Freiheit.

Ich floh mit meiner Schwester 

Meine Kindheit in Nigeria war glücklich – bis mein Vater durch einen Schlaganfall gelähmt wurde. Wir zogen in den Süden aufs Land, wo meine Eltern herkommen, damit unsere Familie meiner Mutter dabei helfen konnte, sich um meinen Vater und uns Kinder zu kümmern. Ein zweiter Schlaganfall tötete meinen Vater. Kurze Zeit später wurde meine Mutter krank und starb ebenfalls.

Dann zeigte meine Verwandtschaft ihr hässliches Gesicht: Sie gaben uns Kindern die Schuld für den Tod unseres Vaters und nannten uns Hexen. Sie versuchten, uns mit Ritualen zu reinigen – Rituale, die furchtbar waren, körperlich sowie seelisch, und die mir Angst machten.

Sie sagten, dass ich heiraten müsste und sie haben mich beschnitten, um mich auf die Hochzeit vorzubereiten. Mein Bräutigam war wesentlich älter als ich, also beschloss ich, gemeinsam mit meiner Schwester nach Lagos zu fliehen.

Ich beschloss, ihr zu vertrauen

Wir konnten dort bei einem Freund meines Vaters bleiben. Er und seine Familie waren sehr freundlich, hatten aber nicht genug Geld, um sich um uns zu kümmern. Ich arbeitete in einer Buka, einem kleinen Restaurant, wo ich Geschirr spülte und kellnerte.

Die Besitzerin erfuhr meine Geschichte und sagte: “Ich kann dir helfen”. Sie wollte mich nach England bringen, dort könnte ich einen Job finden und Geld an meine Schwester schicken, die damals elf Jahre alt war. Ich beschloss, der Buka-Besitzerin zu vertrauen und ließ mich auf ihren Plan ein.

Nachdem ich in Heathrow angekommen war, wurde ich in ein Haus in Südlondon gebracht. Der Frau, die mich nach England gebracht hatte, musste ich schwören, sie niemals zu hintergehen. Ich musste eine eigenartige Flüssigkeit trinken, dann schnitt sie mit einem Messer in meine Genitalien. Die Frau sagte, dass ich arbeiten müsste, um ihr meine Schulden zurückzuzahlen und drohte mir, meine Schwester zu töten, wenn ich versuchen würde, wegzurennen.

Fast acht Jahre lang wurde ich an Männer verkauft und wie ein Stück Fleisch behandelt. Ich wurde misshandelt, geschlagen und angespuckt. Es gab keinen Ausweg, ich durfte nicht alleine vor die Tür gehen. Ich hatte kein Geld und wusste nicht weiter.

Als er anfing mich zu misshandeln, blieb ich 

Schließlich ergab sich eine Gelegenheit zur Flucht und ich ergriff sie. Ich war endlich frei von den Menschenhändlern, aber hatte Angst, alleine rauszugehen. Ich fühlte mich beobachtet. In Nigeria glauben wir an Juju, das ist wie Voodoo.

Ich hatte geschworen, die Frau nicht zu hintergehen, dass ich sterben würde, wenn ich ihr nicht gehorchte. Meine Verwandten hatten damals gesagt, dass ich niemals im Leben etwas erreichen würde, dass ich verflucht sei. Ich habe ihnen geglaubt. Ihre Worte begleiteten mich viele Jahre lang.

Es gibt immer noch Menschen, die nicht wissen, dass Frauen an ihren Genitalien verstümmelt werden, dass Menschenhandel und modernes Sklaventum auch in westlichen Ländern existiert.

Auf einer Party traf ich schließlich den Mann, der der Vater meiner Kinder werden sollte. Wir kamen zusammen und nach einem Jahr zog ich bei ihm ein. Nach allem, was ich erlebt habe, der Gefühlskälte und Lieblosigkeit, war es unbeschreiblich schön, jemanden zu treffen, der freundlich und warmherzig war.

Selbst als er anfing, mich zu misshandeln, blieb ich. Unsere Beziehung dauerte acht Jahre.

Aber als mein Sohn und meine Tochter älter wurden, wusste ich, dass ich gehen musste. Ich hatte Angst, dass meine Kinder lernen würden, dass es normal sei, Frauen zu misshandeln. Ich wollte nicht, dass meine Tochter glaubt, Frauen seien weniger wert. Oder dass mein Sohn es für in Ordnung halten würde, wenn er seinen Vater seine Mutter schlagen sähe.

Ich kann nicht arbeiten und nicht für mich sorgen

Das letzte Mal, dass mein Partner mich schlug, hat meine Tochter uns zwar nicht gesehen, aber gehört. Ich verließ ihn. Anfangs besuchte er die Kinder noch hin und wieder. Aber seine Besuche wurden immer seltener und hörten schließlich ganz auf.

Wenige Zeit später ließ ich mich wegen meines Migrationsstatus beraten. Im November 2015 stellte ich Antrag auf Asyl und darauf, als Opfer von Menschenhandel anerkannt zu werden. Im Dezember wurden wir nach Bradford gebracht. Ich dachte, nun würde alles besser werden, nun müsste ich mich nicht mehr fürchten.

Aber du darfst nicht arbeiten und kannst nicht für dich selbst sorgen. Und die Unsicherheit über das, was passieren wird, ist sehr groß. Es gab Zeiten, in denen ich nur auf den Boden gestarrt und auf die Post gewartet habe, auf den Brief vom Innenministerium.

Um mich zu beschäftigen, gehe ich zur Uni und zu einer Selbsthilfegruppe für Familien von Refugee Action. Die Gruppe zeigt meiner Familie, dass wir nicht die einzigen sind. Die Gespräche dort haben uns sehr geholfen und ich habe das Gefühl, mein Leben wieder im Griff zu haben. Manchmal wünsche ich mir, ich hätte magische Kräfte und könnte einfach alles ändern. Viel zu lange lebe ich schon in Gefangenschaft.

Aber ich werde es nicht zulassen, dass meine Erlebnisse mein Leben zerstören. Meine Tochter ist nun neun und mein Sohn sieben, ich will ein Vorbild für sie sein.

Es gibt immer noch Menschen, die nicht wissen, dass Frauen an ihren Genitalien verstümmelt werden, dass Menschenhandel und modernes Sklaventum auch in westlichen Ländern existiert. Meine größte Hoffnung ist, dass die Entscheidung über meinen Asylantrag positiv ausfällt und dass ich bald für meine Familie arbeiten kann. Ich will zu dieser Gesellschaft beitragen.

 *Zum Schutze ihrer Identität wurde der Name der Autorin geändert. Rose erzählt ihre Geschichte als Teil einer Kampagne von Refugee Action, die aufmerksam machen soll auf eine faire und effektive Behandlung von Menschen, die Schutz suchen in England. #StandUpForAsylum. Weitere Infos auf: www.refugee-action.org.uk/standupforasylum.

Dieser Text erschien zuerst bei HuffPost UK und wurde von Agatha Kremplewski aus dem Englischen übersetzt.