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11/10/2018 15:36 CEST | Aktualisiert 11/10/2018 15:36 CEST

Meine Krankheit hält mich nicht mehr davon ab, die Welt zu bereisen

Der Kampf gegen die Angst hört niemals auf.

Instagram / Sarah Fielding
Sarah Fielding trotzte ihrer Krankheit indem sie ans andere Ende der Welt zog.

Vor zwei Jahren wurde bei Sarah Fielding eine Angststörung diagnostiziert. Die Amerikanerin leidet an immer wiederkehrenden Panikattacken. Wie sie damit lebt und wie sie es geschafft hat, sich nicht von ihrer Krankheit unterkriegen zu lassen, schildert sie in diesem Blog. 

Ich lag auf dem Badezimmerfußboden, mit Blick zur Toilette. In einer Woche sollte mein Flieger nach Australien gehen. Mein ganzer Körper schien in Flammen zu stehen und bei jeder kleinsten Bewegung wurde mir kotzübel. Alles war verschwommen und meine Gedanken wirr - abgesehen von einer nachhallenden Erkenntnis: Ich hatte einen riesigen Fehler gemacht.

Ich war im Begriff, mein Leben in New York hinter mir zu lassen und auf die andere Seite der Welt zu ziehen – für eine unbestimmte Dauer. Ich hatte große Pläne für meine Zeit in Australien, eine ganze Liste voller Dinge, die ich tun und sehen wollte.

Doch in diesem Moment, als ich auf dem Badezimmerboden lag, hatte ich auf nichts davon Lust. Wie hatte ich nur jemals glauben können, dass das eine gute Idee sei?

Ich hatte das Gefühl, einen Herzinfarkt zu erleiden. Als die Panik nachließ, schlief ich ein, doch ich wälzte mich die ganze Nacht hin und her. Am nächsten Morgen waren die Zweifel verflogen und eine Woche später stieg ich ins Flugzeug und zog nach Down Under.

Der Kampf gegen die Angst hört niemals auf

Ganze zehn Monate ist das jetzt her. Zehn Monate schon bin ich von zuhause fort und lebe auf der anderen Seite der Welt, ohne meine Freunde und meine Familie. Aber was viel wichtiger ist: Es ist jetzt zehn Monate her, dass ich meine Panikstörung bezwungen habe, um in diesen Flieger zu steigen.

Ich wünschte, ich könnte sagen, dass der Kampf damit entschieden war. Dass es nur diesen einen Moment der Tapferkeit brauchte und ich nun geheilt bin.

Aber wie jeder, der an einer psychischen Krankheit leidet, dir sagen wird, ist es nicht so einfach. Dieser Blog handelt nicht davon, wie ich meine Panik überwunden habe, sondern wie ich damit umgehe.

► Im Oktober 2016 wurde bei mir eine Angststörung festgestellt.

Auf einmal machte alles einen Sinn, all die vielen Momente, in denen ich das Gefühl gehabt hatte, ich würde sterben: Ich hatte regelmäßig Panikattacken erlitten, ohne es zu wissen. Ich musste nicht sterben, auch wenn mein Körper das wohl nicht zu wissen schien.

Auf einmal machte alles einen Sinn, all die vielen Momente, in denen ich das Gefühl gehabt hatte, ich würde sterben

Es stellte sich auch heraus, dass die andauernden Zweifel und Sorgen, die mir durch den Kopf gingen, ein Symptom meiner Angststörung waren.

Und immer wenn ich das Gefühl gehabt hatte, von einer inneren Düsternis zerfressen zu werden, hatte ich eine depressive Episode durchlebt.

Was ist eine Angststörung?

  • Nach Angaben des Amerikanischen Verbands für Angst und Depressionen wird eine Angststörung bei Menschen diagnostiziert, die urplötzlich von Angstzuständen überkommen werden. So können Betroffene schon unmittelbar nach dem Aufwachen eine Panikattacke erleiden.
  • Neben starken Angstgefühlen sind ausgeprägte körperliche Symptome typisch: Unter anderem können Herzrasen, Beklemmungsgefühl, Atemnot, Schwindel, Zittern oder Schweißausbrüche auftreten. 
  • Panikattacken entwickeln sich meist im Erwachsenenalter von 20 Jahren aufwärts, aber auch Kinder können daran erkranken.
  • Bei Frauen ist das Risiko, an einer Panikstörung zu erkranken, doppelt so hoch wie bei Männern. 

Man darf sich nicht von Rückschlägen entmutigen lassen

Als ich meine Reise nach Australien antrat, nahm ich bereits seit einem Jahr Medikamente gegen meine Angst. Zudem hatte ich mich ausgiebig mit Methoden beschäftigt, die dabei helfen können, die Krankheit in den Griff zu bekommen.

Mehr zum Thema: Experten raten: Mit diesen 5 Methoden kannst du eine Panikattacke stoppen

► Ich hatte das Gefühl, ich hätte alles unter Kontrolle.

Bei meiner Ankunft in Sydney schien es, als hätte ich mir umsonst Sorgen gemacht. Im Hostel habe ich viele coole Leute kennengelernt, bald schon hatte ich ein Zimmer gefunden und die Aussicht auf Sommer im Dezember hob meine Laune enorm. Ich war bereit, mich ins Abenteuer zu stürzen!

Als ich jedoch in eine WG zog, musste ich einsehen, dass meine Krankheit nur vorübergehend abgeschwächt war: Ich hatte noch nicht mal richtig ausgepackt, als ich von Panik überkommen wurde. Die neue Erfahrung, die vielen neuen Menschen waren zu viel für mich. Ich zog sofort wieder aus.

Erst da wurde mir klar, dass meine Zweifel dazu beitrugen, dass meine Angst schlimmer wurde: Werde ich Anschluss finden? Bin ich hier fehl am Platz? Habe ich einen Fehler gemacht? Sollte ich nach Hause gehen? All diese Fragen habe ich mir gestellt. Sie sind ein essenzieller Bestandteil meiner Krankheit. 

Ich musste lernen, mit meiner Krankheit zu leben. Denn jeder geht auf seine Art damit um. Ich musste also herausfinden, was mir persönlich hilft.

Ich würde deshalb jedem Betroffenen raten, sich nicht davon entmutigen zu lassen, dass eine bestimmte Verhaltensweise keine Besserung erzielt. Irgendwann wird es leichter, ganz bestimmt.

Das A und O im Umgang mit einer Angststörung ist natürlich, dass man seine Diagnose akzeptiert und sich die Hilfe holt, die man braucht. Beistand ist in dieser Situation unheimlich wichtig.  

Meine psychische Krankheit macht mich nicht aus

Wenn es eine Sache gibt, die ich beim Reisen gelernt habe, dann ist es, dass du dir niemals selbst entkommen kannst. Egal wo du bist, egal was du unternimmst oder dir ansiehst, du wirst dir immer selbst begegnen.

Meine psychische Krankheit macht mich nicht aus. Diese Erkenntnis hat mir nicht nur geholfen, mich selbst besser zu verstehen, sondern auch andere Menschen.

Egal wo du bist, egal was du unternimmst oder dir ansiehst, du wirst dir immer selbst begegnen.

Es vergeht kein Tag an dem ich nicht stolz auf mich bin, dass ich in dieses Flugzeug gestiegen bin. Dass ich mich geweigert habe, mich von meiner Panikstörung beherrschen zu lassen.

Ich werde mich immer mit meiner Krankheit auseinandersetzen müssen, egal wo ich bin. Wieso also nicht an einem traumhaften Ort wie Australien oder während ich etwas tue, was ich liebe?

Dieser Blog erschien zuerst bei HuffPost Canada und wurde von Anna Rinderspacher aus dem Englischen übersetzt.

(ak)