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14/02/2018 13:04 CET | Aktualisiert 16/02/2018 12:51 CET

Meine irakische Freundin tut alles, um sich zu integrieren– und wird im Job dafür bestraft

Ich fürchte, Helias Fall weist auf ein größeres Problem hin.

Ich nenne sie meine kleine Schwester. Weil ich sie so gern habe. Weil sie zwar um die 40 ist, aber mehr als zehn Jahre jünger als ich. Und weil sie erst noch lernen muss, sich in Deutschland im Beruf zu behaupten.

Die deutsche Gesellschaft nennt Helia – deren echten Namen ich hier nicht nennen möchte, es wäre ihr nur unangenehm –­ Flüchtling aus dem Irak.

Im Video oben: “Massive Probleme“ bei Integration von 300.000 Flüchtlingskindern

Einige, die in der gesellschaftlichen Hierarchie Deutschlands nicht ganz oben stehen, nennen sie wohl eine gefährliche Konkurrenz.

Akademiker, die ihren Beruf nicht mehr ausüben dürfen

Helia und ihr Mann sind beide Akademiker, haben es geschafft, mit ihren Kindern 2015 nach Deutschland zu kommen. Sie haben Hunger, Durst, Fußmärsche überstanden. Sind nicht ertrunken. Haben es geschafft, Deutschland zu erreichen, ohne dass jemand aus der Familie vergewaltigt wurde.

Nur wurden die Abschlüsse von Helia und ihrem Mann in Deutschland nicht anerkannt. Jetzt hat sie eine Ausbildung zur Altenpflegerin begonnen.

Ich dachte erst, sie hätte ihre Karrierepläne aufgegeben. Warum sonst sollte sie mit ihrem Uni-Abschluss und ihrer Berufserfahrung ausgerechnet einen schlecht bezahlten Ausbildungsberuf ergreifen? Aber da lag ich wohl falsch.

Helia ist kein Mensch, der jammert. Sie ist eine Kämpferin. Sie zeigt ihren Kindern, die das Gymnasium besuchen, dass man immer wieder neu anfangen kann. Dass sie sich nicht zu fein ist.

Dass sie sich mit aller Kraft integrieren und gleichzeitig ihren Mitmenschen in Deutschland etwas für ihre Sicherheit und den Frieden zurückgeben will, auch zu einem hohen persönlichen Preis.

Sprachkurs, Schwimmkurs, Ausbildung

Eben hat Helia mir erzählt, dass sie ihren Deutschkurs auf dem Niveau B1 mit ausgezeichnetem Ergebnis bestanden hat. Sie ist so happy. Sie spricht ja ohnehin Arabisch und Englisch und jetzt auch noch recht gut Deutsch.

Einen Schwimmkurs hat sie auch gemacht – ich habe ihr den geschenkt, es war ihr sehnlichster Wunsch. Sie wollte das Trauma ihrer Flucht übers Meer überwinden.

Und jetzt also die Ausbildung zur Altenpflegerin. Im Rahmen der schulischen Ausbildung, wo sie den deutschen Mittelschulabschluss in 18 Monaten nachholt, muss Helia alle zwei Monate ein vierwöchiges Praktikum in einem Altenheim machen.

Jeden Tag, wenn sie Frühschicht hat, steht sie um fünf Uhr auf, fährt eine Stunde zum Heim und arbeitet dort bis 15 Uhr. Oder sie macht sich auf den Weg zur Spätschicht, noch bevor ihre Kinder aus der Schule zuhause sind.

Das alles, ohne einen Cent dafür zu bekommen.

Ausgrenzung im Altenheim

Sie liebt die Arbeit so, wie sie täglich begeistert erzählt. Die alten und oft vom Leben enttäuschten, extrem Pflegebedürftigen rufen meiner Freundin zu, wie schön sie sie finden. Diese hübsche Frau, die ihre Mitmenschen mit ihren großen, liebevollen Augen anstrahlt.

Seltsam ist nur: Niemand stellt Helia im Altenheim eine Kollegin zur Seite, die sie anlernt. Offenbar vermeiden die Kollegen es bewusst, sich mit ihr auszutauschen, sei es beruflich oder privat. 

Meine Freundin fühlt sich ausgegrenzt beim alltäglichen Miteinander des Personals. Ihre Kollegen und Vorgesetzten verhalten sich kühl und unnahbar.

Während die Patienten sie loben, tuschelt das Personal über sie, zieht Grimassen hinter ihrem Rücken. 

Besonders, dass die Kollegen Helias Anerkennung durch die Patienten ins Lächerliche ziehen, gibt ihr das Gefühl, dass die anderen sie nicht schätzen. Dass sie eifersüchtig und neidisch sind. 

Aber spätestens, wenn ein Heimbewohner sich bis zum Hals mit Kot beschmiert hat, wenn zeitgleich die dementen Bewohner um Essen bitten, wenn die Rollstühle geschoben und die Medikamente an Menschen verteilt werden müssen, die die Arznei partout nicht nehmen wollen, dann scheint es ihr, dass man sie erträgt.

Ich fürchte, Helias Fall weist auf ein größeres Problem hin

Mir ist klar, dass dieses Mobbing ein Einzellfall sein kann, am Heim liegen kann, an der Teamleiterin, an den Kolleginnen.

Aber ich fürchte, dass das ein Beispiel für ein Problem ist, auf das unsere Gesellschaft zusteuert.

Dass Menschen, die in der Hackordnung unserer Gesellschaft selbst weiter unten stehen, nun versuchen, auf jenen noch weiter unten herumzutrampeln.

Dass wie in diesem Fall osteuropäische und deutsche Arbeitskräfte gegen Flüchtlinge keilen, die versuchen, im Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. 

Konkurrenz um Arbeitsplätze

Meine Freundin hat sich nicht beschwert. Sie hat mir nur erzählt, dass sie nicht versteht, was da gerade passiert.

Ich fürchte, dass es Neid ihrer Kollegen ist. Kalte Füße, dass da eine Wettbewerberin kommt, die besser werden könnte, als sie es sind.

Dass da jemand kommt, der schon recht gut deutsch spricht, während Pfleger, die seit Jahren in Deutschland leben, lieber in ihrer Muttersprache kommunizieren. Dass es für sie in dem ohnehin harten, schlecht bezahlten Job noch härter wird.

Ich fürchte, dass es nicht nur Kollegen im Pflegeheim sind, die so empfinden. Sondern viele Angstbürger und Flüchtlingshasser.

Wenn sie in ihrer heilen Welt mit dem beschränkten Horizont merken, dass da jemand kommt, der Beruf, Kinder, Flucht und die Kraft zum Neuanfang unter einen Hut gebracht hat.

Das Versäumnis der Politik entlässt den Einzelnen nicht aus der Verantwortung

Ich glaube, dass die Politik versäumt hat, den Menschen klarzumachen, dass viele Flüchtlinge wirklich hier bleiben wollen. Dass gute Integration auch bedeuten wird, dass europäische Arbeitskräfte und Flüchtlinge miteinander konkurrieren.

Trotzdem: Jeder Einzelne trägt die Verantwortung, sich korrekt zu verhalten. So wie die Menschenwürde jedes Einzelnen unantastbar ist.

Das steht in Artikel Eins unseres Grundgesetzes. Den hat Helia schon in ihrem Integrationskurs damals gelernt. Dass er ihr Grundrecht am Arbeitsplatz ist, das hatte sie so nicht gewusst.

Ich habe meiner Freundin zu einem Vier-Augen-Gespräch mit ihrer Chefin geraten. Ich habe ihr gesagt, dass sie Mobbing nicht erdulden muss und sich gegebenenfalls woanders bewerben soll.

Ich wünsche mir, dass Helia für Integration nicht bestraft wird

Ich wünsche mir, dass meine kleine Schwester auf Menschen trifft, die ihre positive Ausstrahlung, ihre Motivation ihre Liebenswürdigkeit zu schätzen wissen.

Die Integration nicht mit Mobbing bestrafen. 

Ihr sollen mehr Menschen begegnen, die ihr Wertschätzung schenken und Anerkennung und den Mut zum Weitermachen schenken.

Denn die gibt es ja auch in Deutschland. Sie sind nur nicht mehr so laut wie vor zwei Jahren.

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.