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07/02/2018 15:43 CET | Aktualisiert 07/02/2018 19:31 CET

Ich bin Sexbloggerin – deswegen rede ich kaum mit meinen Eltern

In der Schule hatte ich heimlich Sex in Autos, auf Baseball-Feldern oder Parkplätzen. Im Grunde genommen führte ich ein Doppelleben.

Mike Pont via Getty Images
Die Wahrheit ist, dass meine Eltern zum Teil schon auch stolz darauf sind, dass ich Autorin geworden bin. Doch auf der anderen Seite ist es noch immer nicht wirklich leicht für sie.

Ich schreibe und schimpfe mittlerweile schon seit mehr als zehn Jahren über Sex und Beziehungen. Neben meiner Website “Slutever” und meiner Sexkolumne für “Vogue.com” verdiene ich mein Geld damit, aus dem Nähkästchen zu plaudern: von peinlichen Orgien über offene Beziehungen bis hin zu meinen unbeholfenen Versuchen, eine professionelle Domina zu werden.

Ich lebe also gewissermaßen davon, zu viel von mir preiszugeben – so mag das zumindest der Eine oder Andere sehen.

Als Sex-Autorin zu arbeiten kann aus mehreren Gründen peinlich sein. So kann sich beispielsweise jeder Mensch, den ich neu kennenlerne, direkt über meine persönliche Vergangenheit informieren und nachlesen, welche sexuellen und romantischen Abenteuer ich bereits erlebt habe. Es kann auch passieren, dass ein Fremder beim Brunchen über meinen Scheidenpilz Bescheid weiß.

Gespräche über die Arbeit mit meinen Eltern sind unangenehm

Das absolut Unangenehmste an meinem Job ist es jedoch, mit der einfachen Tatsache klarkommen zu müssen, dass meine katholischen Eltern weitaus mehr über mein Sexleben wissen, als sie je erfahren wollten.

Und irgendwie werden die Gespräche über meine Arbeit auch nicht wirklich leichter.

Die meisten Menschen haben das Glück, dass sie sich vor ihrer Familie vollkommen anders geben können, als sie in Wirklichkeit sind. Ich kann das nicht. Oder zumindest kann ich das jetzt nicht mehr.

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Ich war eine nuttige Superheldin

Als ich noch zur High School ging, waren meine Eltern extrem streng. Ich durfte natürlich auch keine Jungs mit nach Hause bringen. Und so lernte ich, Mittel und Wege zu finden, um mit Jungs allein sein zu können.

In dieser Zeit hatte ich sehr oft Sex in Autos, auf Baseball-Feldern nach Einbruch der Dunkelheit oder auf Parkplätzen – alles sehr stilvolle Umgebungen. Im Grunde genommen führte ich ein Doppelleben.

Ich war wie Clark Kent: Meinen Eltern zeigte ich, dass ich auf der Liste der besten Schüler stand und dass ich einen Keuschheitsring trug. In Wahrheit war ich jedoch eine nuttige Superheldin, die nur nachts in Erscheinung trat (und ab und zu auch in der Mittagspause.)

Meine Eltern waren erschüttert

Im Jahr 2007 begann ich meinen Blog “Slutever” zu schreiben. Ich war damals 21 Jahre alt. Danach konnte ich die Fassade eines “braven katholischen Mädchens” natürlich nicht mehr aufrechterhalten.

Ich stellte fest, dass es ein befreiendes Gefühl für mich war, über meine sexuellen Erfahrungen schreiben zu können. Das Schreiben verlieh mir im Nachhinein eine gewisse Macht. Hinzu kam der positive Effekt, dass einige Leute meine Beiträge tatsächlich gern zu lesen schienen.

Komischerweise waren meine Eltern nicht sonderlich begeistert von meinen Artikeln. Nachdem sie von meinem Blog erfahren hatten, sagten sie mir, wie erschüttert sie darüber waren, dass ich auf das Leben verzichten wollte, das Gott für mich vorgesehen hatte. Und dass ich mich stattdessen dafür entschieden hatte, mich mit meinem Schlampen-Blog in einen Abgrund voller Sittenlosigkeit zu stürzen.

Ich könnte Probleme bekommen, einen Ehemann zu finden

Meine Eltern schämten sich für mich. Doch darüber hinaus machten sie sich Sorgen, dass meine Tätigkeit als Sex-Autorin meine zukünftige berufliche Laufbahn beeinträchtigen könnte und dass ich vielleicht später einmal Probleme hätte, einen Ehemann zu finden.

In den darauffolgenden Jahren bekam ich regelmäßig panische E-Mails von meiner Mutter, in denen sie schrieb: “Karley, warum steht auf Twitter, dass du jemanden für Geld angepinkelt hast?”

Und: “Was soll das heißen, du warst die ‘erste Dildo-Assistentin’ bei einem Porno-Dreh?”

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Mit Anfang 20 war unser Verhältnis ziemlich schlecht

Irgendwann las meine Mutter einen meiner Blogbeiträge mit dem Titel: “Ich glaube, ich bin jetzt lesbisch.” So fand sie heraus, dass ich mittlerweile in einer festen Beziehung mit einer lesbischen Jüdin war, die eine nicht-binäre Geschlechtsidentität hatte, und somit bisexuell war.

Es dürfte wohl kaum überraschen, dass meine Mutter sich daraufhin am liebsten selbst ans Kreuz genagelt hätte.

Diese Anekdoten finde ich mittlerweile ganz lustig. Doch damals mit Anfang zwanzig gab es einige Jahre, in denen mein Verhältnis zu meinen Eltern ziemlich schlecht war.

Zum Teil sind sie schon stolz auf mich

Ich bin in den vergangenen Jahren oft gefragt worden, was meine Eltern denn von meinen Artikeln hielten. Die Wahrheit ist, dass meine Eltern zum Teil schon auch stolz darauf sind, dass ich Autorin geworden bin. Doch auf der anderen Seite ist es noch immer nicht wirklich leicht für sie.

Ich kenne viele Menschen, die ihr gutes Verhältnis zu ihren Eltern dadurch aufrechterhalten, dass sie ihnen eine optimierte, “familienfreundlichere” Version von sich selbst präsentieren.

Sie zeigen ihren Eltern also einen Menschen, der ordentlicher und freundlicher ist, der weniger flucht und herumhurt, und der nicht so oft bekifft ist.

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Ich bereite mich jetzt schon auf die peinlichen Gespräche vor

In einer perfekten Welt wären wir alle mutig genug, uns vor unseren Eltern genau so zu geben, wie wir eben sind. Und wir würden von ihnen verlangen, uns so zu lieben, wie wir sind.

Meine Eltern werden hingegen ständig mit der ungeschönten, reuelosen Version ihrer Tochter konfrontiert. Und deshalb weiß ich auch, wie verlockend die Vorstellung klingt, ihnen eine gefälligere, unkompliziertere Realität präsentieren zu können.

Mein erstes Buch “Slutever: Dispatches from a Sexually Autonomous Woman in a Post-Shame World” ist am 6. Februar erschienen. Und ich bereite mich schon mental auf die peinlichen Gespräche beim Abendessen vor, die unweigerlich kommen werden.

Manchmal habe ich Angst

Manchmal macht mir die ganze Situation auch Angst. Doch dann erinnere ich mich immer an eine Begegnung, bei der ich einen besonders wertvollen Ratschlag erhalten habe.

Dieser Moment passiert vor ein paar Jahren während eines Interviews mit dem Pornografen Bruce LaBruce. Während unseres Gesprächs fragte ich ihn: “Und was halten Ihre Eltern davon, dass Sie schwule Zombiepornos drehen?”

Wenig überraschend erzählte er mir, dass seine Eltern nicht besonders erfreut darüber seien. Doch dann stellte er mir eine Gegenfrage: “Aber haben sich denn Andy Warhol oder Fassbinder selbst zensiert, weil sie Angst davor hatten, was ihre Mütter denken könnten?” Ein guter Punkt.

Schließlich sagte Bruce LaBruce noch, dass es bedauerlich sei, wie viel Kunst der Welt entgehen würde, weil irgendjemand Angst davor habe, von seinen Eltern verurteilt zu werden.

Manchmal müssen wir unsere Eltern auch mal vergessen

Ich will mir jetzt nicht vormachen, dass meine Blog-Beiträge über Blow Jobs wahnsinnig große Kunst wären.

Doch ich kann mit Sicherheit sagen, dass die meisten dieser Artikel nicht existieren würden, wenn ich mir jedes Mal den Kopf darüber zerbrochen hätte, ob meine Familie ein Problem damit haben könnte.

Es ist zwar nicht immer leicht, doch wenn wir ganz wir selbst sein wollen und das tun wollen, was uns am Herzen liegt, dann müssen wir dabei unsere Eltern manchmal einfach vergessen.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

 (amr)