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19/06/2018 23:37 CEST | Aktualisiert 20/06/2018 18:45 CEST

Mein Vater holte die Leichen meiner Cousins ab – es veränderte mein Leben

Afschin Kamrani erzählt von seiner Flucht aus dem Iran.

Mein Vater musste die Leichen meiner drei Cousins abholen. Sie waren hingerichtet worden.

Das hat bei ihm den Ausschlag gegeben, mich schnell aus dem Iran wegzubringen.

1986 war das. Wir lebten in der Hauptstadt Teheran, wo selbst friedliche Oppositionelle wie meine Cousins hingerichtet wurden. Zwischen Juli 1988 und Januar 1989 sind 2000 politische Gefangene umgebracht worden. 

Seit 1980 stand der Iran mit dem Irak im Krieg, ich war damals 17 Jahre alt und wäre auch bald eingezogen worden. Viele unserer Freunde und Bekannte waren einfach verschwunden, später erfuhren wir, dass sie irgendwo im Krieg gefallen waren.

Plötzlich eröffnete mir mein Vater, dass es nun losgehe

“Es wird der Tag kommen, an dem du gehen musst”, hatte mein Vater damals gesagt. Mehr nicht. Einige Wochen später plötzlich, eröffnete er mir um 15 Uhr, dass es nun losgehe. Ich war einfach froh, dass die Warterei ein Ende hatte.

 Ich hatte drei Stunden, um ein paar T-Shirts in meine Tasche zu schmeißen und mich zumindest von meinem Lieblingsonkel und meiner Lieblingstante zu verabschieden. Persönliche Dinge, ein Tagebuch oder Bilder, durfte ich nicht mitnehmen, damit ich niemanden unter Verdacht bringe, falls ich erwischt werden würde.

Wandern in der Nacht

Um 18 Uhr saßen wir im Auto Richtung türkischer Grenze. Mein Vater hatte zusammen mit dem Vater meines besten Freundes Fluchthelfer für uns zwei Jungen organisiert.

In einer kleinen Stadt etwa 200 Kilometer vor der Grenze hat mein Vater uns zwei Männern übergeben, Fluchthelfern, die wir nicht kannten. In den folgenden vier, fünf Tagen, sind wir immer wieder den nächsten Fremden übergeben worden, sind tagsüber in kleinen Häusern untergekommen und nachts gewandert.

  • Das Jahr 1986 im Iran: Seit sechs Jahren tobt der erste Golfkrieg, der bis zu seinem Ende 1988 eine Million Menschenleben forderte. Der Irak setzte auch verbotene biologische und chemische Waffe ein.
  • Das Jahr 1986 in Deutschland: Weil mehr und mehr Menschen aus Krisengebieten einen Aslyantrag stellen, ändert die Regierung nach viel hin und her das Verfahrensrecht, woraufhin weniger Menschen kommen.

In meinem jugendlichen Leichtsinn fühlte sich die Flucht für mich an, wie ein Abenteuer, wie eine Alpenüberquerung oder eine Campingtour. Drei andere aus der Gruppe, die schon um die 30 waren und Familie hatten, hatten richtig Angst. Wir 17-Jährigen mussten sie aufbauen und mitziehen.

Die Grenze, eine verlassene Gegend

Irgendwann haben wir die Türkei erreicht. Der Grenzpfosten stand in einer dermaßen verlassenen Gegend, dass darauf noch stand, wir würden nun das Königreich des Schahs verlassen, der schon 1979 gestürzt worden war.

In der Türkei ging es dann mit dem Bus nach Istanbul und von dort nach Ostberlin. Das war eine übliche Fluchtroute, wie in den vergangenen Jahren die Balkanroute. Am Flughafen hat uns die DDR-Polizei schon abgepasst und direkt zum Grenzübergang in die Friedrichstraße gebracht.

Unsere Flüchtlingshelfer hatten uns eingeschärft, gleich nach der Ankunft im Westen einen Polizisten zu suchen. Sie hatten uns ein Foto gezeigt, wie Polizisten in Deutschland aussehen. Wir sollten “Asyl” sagen. Es war das einzige deutsche Wort, das wir kannten.

Der Polizist ließ uns erstmal schlafen

Tatsächlich mussten wir eine Stunde suchen, bis wir in Westberlin eine Polizeidienststelle fanden. Der Beamte war sehr nett. Er merkte, dass wir total übermüdet waren und ließ uns in einer Zelle ein bisschen schlafen, solange er den Papierkram erledigte.

Vor der Erstaufnahmestelle standen Schüler und Studenten, die uns ihre Hilfe anboten. Wir waren Exoten und sind wirklich mit offenen Armen empfangen worden.

Einen Monat später kamen meine Eltern und meine Schwester. Sie hatten alles verkauft und konnten ganz offiziell per Flugzeug ausreisen.

Die Leute waren so herzlich

In dem Dorf bei Schwäbisch Hall, wo wir als Familie dann untergebracht wurden, waren wir die ersten Flüchtlinge. Die Leute waren sehr herzlich, haben uns Kuchen gebracht.

Wer heute die Medien verfolgt, hat den Eindruck, dass sich diese Stimmung grundlegend geändert hat. Das glaube ich aber nicht. Es gab und gibt Menschen, die berechtigte Ängste haben. Und es gab und gibt Menschen, die Ausländer hassen. Nur bekommt diese extreme Gruppe heute durch die Medien viel mehr Aufmerksamkeit.

100 neue Vokabeln am Tag

Ich wollte unbedingt schnell Deutsch können, lernte 100 neue Vokabeln pro Tag. Anfangs habe ich einfach die Vokabeln mit katastrophaler Grammatik aneinandergereiht. Aber die Menschen haben so zumindest verstanden, was ich sagen wollte und konnten mich korrigieren. So konnte ich nach sechs Monaten relativ gut Deutsch.

Man hat mich in dieser Zeit als Gastschüler am Gymnasium aufgenommen. Zwei Jahre später habe ich die Job-Bewerbungen für meine Mitschüler geschrieben, weil ich mich durch den vielen Behördenkontakt mit offiziellen Schreiben so gut auskannte.

Mein Vater hatte in Deutschland studiert und war Direktionsbevollmächtigter für Grundig im Iran, ein deutscher Kollege hatte ihm zugesagt, ihm einen Job in Deutschland zu besorgen. Daher war unsere Wahl auf Deutschland gefallen.

Mein glücklichstes Jahr, für lange Zeit

Tatsächlich war mein erstes Jahr in Deutschland für lange Zeit auch mein glücklichstes. Nach zwei Jahren allerdings ging mein Leben den Bach runter.

Ich wähnte mich bei Problemen oft im Recht, war kompromisslos zu mir und aggressiv zu anderen, auch wenn ich mich deswegen nicht geprügelt habe. Eine Mentalität, die ich heute auch bei anderen jungen Migranten beobachte.

Extreme Tiefen und Höhen

Ich bin nach meiner Lehre zum Versicherungskaufmann und später als Graphikdesigner häufiger gekündigt worden oder habe selbst gekündigt. Meine Ehe ging in die Brüche, Freundschaften auch. Fast acht Jahre lang hatte ich immer wieder extreme Tiefen. Meine Vergangenheit hatte mich eingeholt. 

Freunde haben mir eine Therapeutin vermittelt. Sie hat mir geholfen, mich selbst zu verstehen. Ich hatte Angst, mich komplett zu meinem Leben in Deutschland zu bekennen, weil ich fürchtete, dann meine Vergangenheit zu verraten. Ich hatte keine Zeit, mich von den Menschen, die mir im Iran einst wichtig waren, zu verabschieden.

Meine Erlösung

Die ältere Generation in unserer Familie ist gestorben, ohne dass ich sie noch einmal besuchen konnte. Und die jüngere wurde geboren, ohne dass ich sie kennengelernt hätte. Erst zehn Jahre nach der Flucht ist mir bewusst geworden, dass ein Teil von mir noch nicht angekommen war.

Meine Erlösung war, mich komplett zu Deutschland zu bekennen. Zu akzeptieren, dass der Iran meine Heimat ist, aber Deutschland mein Zuhause.

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.

(ben)

1980 bis 1989