BLOG
22/02/2018 20:52 CET | Aktualisiert 06/03/2018 18:50 CET

Mein Sohn sitzt in den Arabischen Emiraten in Haft – ohne zu wissen, warum

"Ich habe solche Angst um seinen Sohn."

Im Video oben: Mann drohen drei Jahre Gefängnis in Dubai - der Fall zeigt, wie wachsam Touristen dort sein müssen

Ich habe solche Angst um meinen Sohn. Ich habe Angst, dass er das nicht durchsteht.

Christian sitzt seit mehr als fünf Monaten in einem Gefängnis in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Einer Art Freiluftkäfig für Menschen, in dem Kakerlaken und Ratten herumlaufen. Man hat ihn zu einem Jahr Haft verurteilt, und Christian weiß nicht einmal genau, warum.

Er ist in seinem Beruf aufgegangen

Mein heute 39 Jahre alter Sohn hat in England als IT-Lehrer an verschiedenen Schulen gearbeitet. Als sich der Brexit ankündigte, wechselte er 2016 als Lehrer für die Mittelstufe ans Brighton College in Al Ain. Die Stadt gehört zum Emirat Abu Dhabi in den VAE.

Pinterest
Christian Wilke und seine Mutter Christine Wilke-Breitsameter

Er mochte seine Arbeit mit den Kindern, ist aufgegangen in seinem Beruf. So sehr, dass er es sogar in Kauf genommen hat, dass er dort nicht mit seiner Verlobten leben durfte. Weil sie noch nicht verheiratet sind, wäre das verboten gewesen.

Er war sicher, dass bei ihm eingebrochen wurde

Vergangenes Jahr erzählte mir Christian, dass er das Gefühl hat, dass er überwacht wird. Als er von der Arbeit heimkam, stand die Wohnungstür einen Spalt offen, das Laptop lief, Schubladen waren geöffnet. Er hat die Hausverwaltung informiert und auch das College. Aber es ist nichts dabei herausgekommen.

Am 8. Oktober habe ich Christian dann abends am Computer nicht mehr erreicht. Ich war unruhig, denn Christian war eigentlich immer online.

“Detained” – “Gefangen”

Einen Tag später hat mir ein fremder Mann immer wieder Kontaktanfragen über Facebook geschickt. Erst habe ich sie nicht angenommen – bis ich das Wort “detained” las, “gefangen”. Der Mann war ein Freund Christians.

Ich rief am College an und da bestätigte man mir, dass Christian verhaftet worden sei. Wie mein Sohn mir später sagte, hatten ihn Polizisten nachts aus einer Wohnung geholt.

Das Auswärtige Amt über Christian Wilke

Das Außenministerium teilte der HuffPost auf Anfrage mit: “Der Fall Wilke ist dem Auswärtigen Amt bekannt. Das Generalkonsulat Dubai betreut Herrn Wilke konsularisch. Dem Auswärtigen Amt und dem Generalkonsulat Dubai liegen die Anklagegründe sowie die Urteilsbegründung vor.” 

Nach Kenntnis des Auswärtigen Amts befinden sich derzeit 20 deutsche Staatsangehörige in Haft in den Vereinigten Arabischen Emiraten. HuffPost / sk

Ich rief das deutsche Konsulat in Dubai an. Die Dame sagte mir, dass in den Emiraten ständig Menschen festgenommen würden. Dasselbe sagten mir auch die Leute der Hilfsorganisation “Detained in Dubai”, die ich später eingeschaltet habe.

Es geht da um Lappalien. Jemand hat im Ramadan Kaugummi gekaut, einen Scheich nicht gegrüßt ...

Dann war lange Funkstille. Ich dachte schon, es gibt Christian nicht mehr.

Der Anruf an Weihnachten

Am 25. Dezember saßen wir gerade in der Familie zusammen, als das Telefon klingelte. Es war Christian. 

Er war vollkommen verzweifelt. Er sagte mir, er sitze unter schrecklichen Bedingungen in Haft. “Ich habe nichts getan”, sagte er mir immer wieder. Er weinte und flehte mich an, ihm zu helfen.

Jedes Mal, wenn wir wieder für fünf Minuten unter Überwachung telefonieren dürfen, fleht er mich an. Zuletzt vorgestern. Für ihn zählt jeder Tag.

Daumenabdruck unter einem Papier, das er nicht versteht

Aus seinen Anrufen und den wenigen Informationen, die das Konsulat bekommen hat, weiß ich jetzt: 

Zuerst haben sie Christian in ein Untersuchungsgefängnis gesteckt. Die Beamten schrien ihn an, ließen über vier Wochen ununterbrochen das Licht brennen.

Sie zwangen ihn, seinen Daumenabdruck unter ein in Arabisch verfasstes Dokument zu setzen. Christian versteht kein Arabisch. Vermutlich enthielt das Papier ein falsches Geständnis. 

“Elektronische Beleidigung” 

Im November gab es ein erstes Verfahren vor einem Scharia-Gericht. Christian wurde in Hand- und Fußfesseln dorthin geführt. Dort bekam er zum ersten Mal einen Anwalt, nach 52 Tagen. Doch der sprach nur Arabisch, wie auch die gesamte Verhandlung auf Arabisch geführt wurde.

Christian wurde, wie wir jetzt wissen, zu einem Jahr Haft und umgerechnet 12.500 Euro Strafe wegen “elektronischer Beleidigung” verurteilt.

“Elektronische Beleidigung”, das kann alles sein. Irgendein bis zu fünf Jahre alter Facebook-Post, den die Regierung als kritisch einstuft. Ein harmloser Witz. Ein Like unter einem Beitrag, der der Regierung nicht passt. 

Keine Beweise. Nichts

Im Dezember gab es ein Berufungsverfahren, in dem ihm zum ersten Mal ein Übersetzer gestellt wurde. Doch auch da erfuhr Christian nicht, womit er sich dieser Beleidigung schuldig gemacht haben soll. Es gab keine Beweise. Nichts.

Er hat auch keine Chance, sich zu verteidigen, denn er darf vor Gericht ausschließlich mit Ja oder Nein antworten. 

http://wwwkoekeny-rasterde/
Christian Wilke

Der Anwalt, den das Konsulat eingeschaltet hat, darf nicht an den Verhandlungen teilnehmen und bekommt vom Scharia-Anwalt immer wieder falsche Angaben.

Ratten laufen durchs Trinkwasser

Jetzt sitzt Christian im Al Ain Prison. Es ist in Stockwerke und Sektionen aufgeteilt, inzwischen schätzt er, dass Tausende Gefangene dort sind. In der Mitte ist ein großer Innenhof, an den Seiten sind Zellen.

Christian schläft mit neun anderen auf 15 Quadratmetern. Ratten laufen durchs Trinkwasser, Kakerlaken durchs Essen. Es gibt keine Hygieneartikel. Christian hatte eine Lungenentzündung, aber Medikamente gab es keine.  

Christian fällt vor Schwäche um

Inzwischen hat er 21 Kilo abgenommen und fällt vor Schwäche immer wieder um. “Mam, du wirst mich nicht mehr erkennen”, hat er gesagt.

Menschenrechtler kritisieren VAE heftig

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) prangert an, die VAE inhaftierten willkürlich Menschen, die die Regierung kritisieren. Seit 2016 geht das Land verstärkt gegen Kritiker vor.  

Amnesty International (AI) schreibt, Berichte über Folter und Misshandlung in Gefängnissen des Landes, darunter die Verweigerung von medizinischer Versorgung, seien weit verbreitet. So seien Gefangene in Abu Dhabi in den Hungerstreik getreten, um unter anderem gegen sexuelle Misshandlungen zu protestieren.

Ich würde Christian gern besuchen. Aber ich fürchte, dass ich auch verhaftet werde, sobald ich in die Emirate komme. Denn ich bin an die Öffentlichkeit gegangen.

Christian hatte mich angefleht, seinen Fall an die Medien zu geben. Andere habe mich gewarnt, das könnte ihm schaden.

Aber was soll ich denn machen? Soll ich ihn dort verrotten lassen? 

Petition für Christian Wilke

Christine Wilke-Breitsameter hat auf der Plattform “Change.org” eine Petition gestartet, in der sie die Bundesregierung und den Bundespräsidenten auffordert, sich für ihren Sohn einzusetzen. 35.000 Menschen haben bislang unterschrieben.

Jetzt bittet die Mutter um Spenden, um Kosten für die Auflösung der Wohnung ihres Sohnes, den Anwalt und die Geldstrafe zu bezahlen. Das College habe ihrem Sohn gekündigt. HuffPost / sk

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet. 

Mehr zum Thema:Mohammed bin Zayed Al-Nahyan aus den VAE: Der heimliche Strippenzieher vom Golf