POLITIK
14/07/2018 18:18 CEST | Aktualisiert 16/07/2018 01:10 CEST

Mein Mitarbeiter war einer von Seehofers 69 abgeschobenen Flüchtlingen – jetzt verfolgen ihn die Taliban

“Es tut mir leid, dass ich nicht zur Arbeit gekommen bin. Aber ich wurde abgeholt", sagte er am Telefon.

Marof K
Marof ist einer der 69 Flüchtlinge, die kürzlich nach Afghanistan abgeschoben wurden.

Als Marof nicht zur Arbeit gekommen ist, wussten wir sofort, dass etwas nicht stimmt. In dreieinhalb Jahren war er nur vier Tage krank.

An diesem Tag aber hatte niemand etwas von ihm gehört. Es war der 3. Juli, der Tag, an dem der erste bayrische Abschiebeflug nach neuer Rechtslage von München nach Kabul gegangen ist. Der Flug ging abends.

Seine Kollegen sagten sofort: Was, wenn auch Marof abgeschoben wurde? “Das glaubst du doch nicht wirklich”, habe ich noch gesagt.

Das kann nicht sein, nicht Marof, dachte ich. Und wenn überhaupt, dann hätten wir doch einen Brief bekommen, vom Amt wenigstens. 

Am Dienstag, dem 10. Juli, wussten wir es dann: Marof wurde abgeschoben. Er rief dreimal bei uns in der Firma an, die Telefonnummer ließ sich nach Afghanistan zurückverfolgen. Wir hatten jeweils nur 50 Sekunden. Es war keine Zeit, ihm ein R-Gespräch zu erklären.

Das erste, was er gesagt hat, war: “Es tut mir leid, dass ich nicht zur Arbeit gekommen bin. Aber ich wurde abgeholt.”

“Marof sagt, er wird von den Taliban verfolgt”

Die Polizei hat am dritten Juli um 5 Uhr morgens seine Wohnung gestürmt. Er hatte eine Wohnung in Kaufbeuren, von seinem eigenen Geld finanziert.

Am Dienstagabend um 22.30 Uhr ging der Abschiebeflug nach Kabul. Es war der Flug, über den Seehofer einen Tag später erfreut sagt: “Ausgerechnet an meinem 69. Geburtstag sind 69 Personen nach Afghanistan zurückgeführt worden.” 

69 Personen, denen jetzt in ihrem Heimatland der Tod drohen könnte. Marof wird in Afghanistan von den Taliban verfolgt. Sein Bruder hat gegen die Taliban gekämpft. 

Um seine Familie zu schützen, ist er wohl extra in ein anderes Dorf gezogen. Zu groß ist seine Angst, dass die Taliban ihn in seinem Heimatdorf wieder erkennen und seiner Familie seinetwegen etwas antun könnten.

Er glaubt, dass sie das Haus seiner Familie zerstören könnten. Deshalb will selbst seine Familie, dass er wieder geht. Das wäre für alle am sichersten. 

Eigentlich hätte Marof nicht abgeschoben werden dürfen

Marofs Rechtsanwalt hat mir gesagt, dass Marofs Abschiebung gegen die Vereinbarungen verstoßen, die während eines Härtefallantrags laufen. Er hatte einen Antrag auf einen Härtefall gestellt, der beinahe durch war. Trotzdem wurde Marof abgeschoben, das verstehe ich nicht. 

Er selbst bearbeitet Marofs Fall weiter, auch, wenn er nicht mehr dafür bezahlt wird. Ich finde, das sagt schon viel aus. Marof hätte nicht abgeschoben werden dürfen. 

Ich verstehe nicht, dass die CSU immer nur zu denken scheint: “Die Flüchtlinge müssen weg aus Deutschland”, aber nicht mal an den menschlichen und den wirtschaftlichen Aspekt denkt.  

Marof hat einen sehr guten Job bei uns gemacht. Dass er einfach abgeschoben wurde, ist eine Sauerei. Man muss auch mal an die Arbeitgeber denken, die ihren Beitrag leisten, Flüchtlinge zu integrieren und diese dann von heute auf morgen wieder weggenommen bekommen. Wie soll man da planen?

Er hätte Potenzial gehabt, zum Schweißer ausgebildet zu werden. Es ist schwer, solche Leute zu finden. 

Marof war beliebt und fleißig, die Kollegen vermissen ihn

Außerdem haben wir dreieinhalb Jahre in Marof investiert. Unser Arbeitsverhältnis hat so begonnen, dass er zu uns auf den Hof kam und gesagt hat: “Ich will Arbeit. Hast du Arbeit?”

Seitdem haben wir ihn weiter und weiter gebildet.  Außerdem war er beliebt. Er war nett und höflich, hat Türen aufgehalten und mich als seine Chefin zu hundert Prozent akzeptiert. Muslimen wie ihm wird ja oft vorgeworfen, sie würden das nicht tun. Sein Deutsch war ebenfalls gut, man konnte sich gut mit ihm unterhalten. 

Wir geben jedem eine Chance. Marof hat seine Chance genutzt. Schade, dass sein Aufenthalt in Deutschland nun so beendet wurde. Die Kollegen vermissen ihn.

Das Gespräch wurde von Amelie Graen aufgezeichnet.