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10/11/2018 15:28 CET | Aktualisiert 10/11/2018 19:29 CET

"Mein Mann sperrte mich und die Kinder 14 Jahre lang weg – ich ließ es zu"

"Es gab keinen Moment, an dem ich nicht diese große Angst in mir gespürt hätte."

Es sind Wunden, die niemals ganz heilen werden. Die Narben auf ihrer Seele werden bleiben. Für immer.

HuffPost traf Susanne Reisenbichler aus New York. Die 64-Jährige litt jahrelang unter dem Kontrollzwang ihres Mannes Oscar Angulo. Er sperrte sie und ihre sieben Kinder 14 Jahre lang in der gemeinsamen Wohnung ein. 

Der Grund für die Qual: Oscar wollte die absolute Macht über seine Familie. Susannes Geschichte ist eine Geschichte voller Schmerz und Abhängigkeit, aber auch Verständnis und Zuneigung. 

Sie beginnt in Lateinamerika. 

Es ist 1989. Susanne Reisenbichler ist auf Reisen. In Peru lernt sie ihren späteren Ehemann Oscar Angulo kennen. Er ist liebevoll, zutraulich und all das, was die junge Frau damals in einem Mann sucht. 

“Als ich ihn kennenlernte, war er sehr charmant. Er war sehr offen mir gegenüber und das komplette Gegenteil von den Männern, die ich bisher kannte”, sagt sie heute.

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Susanne und Oscar verlieben sich, machen gemeinsam eine Weltreise, leben in unterschiedlichen Bundesstaaten in den USA, heiraten und ziehen letztendlich nach New York.

Noch weiß die junge Frau nicht, dass von dem liebevollen Mann bald nichts mehr übrig sein wird. Schon bald wird sich Oscar in das Monster verwandeln, das seine Frau und seine Kinder 14 Jahre lang in die Wohnung sperrt.

Mit der Geburt der Kinder fängt Oscars Kontrollzwang an

Zwischen 1990 und 1998 kommen die gemeinsamen Kinder zur Welt. Ein Mädchen und sechs Jungen. Ihre Geburt löst in Oscar etwas aus. Er will die absolute Kontrolle über seine Familie haben, ist besessen von Macht. Der einst charmante Mann wird paranoid. 

Ohne es zu merken, fügt sich Susanne immer und immer mehr dem Willen von Oscar. Schon bald hat nur noch ihr Ehemann einen Schlüssel für die gemeinsame Wohnung. 

Von 1996 bis 2010 leben Tochter Visnu und ihre Brüder, Bhagavan, Narayana, Govinda, Mukunda, Krisna und Jagadesh, gemeinsam mit ihrer Mutter eingesperrt in dem Apartment.

Die heute 64-Jährige erinnert sich: 

“Es gab Situationen, in denen ich versucht habe, meine Meinung zu äußern. Doch ich wurde nur bestraft. Es waren körperliche, mentale und emotionale Strafen.”

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Genauer geht Susanne nicht darauf ein. Sie redet nicht über die Details der Gräueltaten ihres Mannes und über das, was sie alles ertragen musste. Ihre Tortur, die längst kein Einzelfall ist.

Laut der amerikanischen Organisation National Coalition Against Domestic Violence werden in Amerika pro Minute fast 20 Menschen von ihrem Partner körperlich missbraucht. Demnach soll jede dritte Frau ein Opfer von körperlicher Gewalt sein. Und auch jedes zehnte Kind ist jedes Jahr Gewalt in der Partnerschaft der Eltern ausgesetzt. 90 Prozent dieser Kinder werden sogar Augenzeugen dieser Gewalt. 

Auch Susannes Kinder sehen, wie sie zum Opfer wird:

“Es gab keinen Augenblick, in dem ich nicht große Angst gespürt habe. Von einem Moment auf den nächsten hätte die Situation eskalieren können.”

Susanne und die Kinder fügen sich dem Willen

Der Amerikanerin und ihren Kindern bleibt nichts anderes übrig, als sich zu fügen. Sie gewöhnen sich an die Unterdrückung. Jeder Versuch dagegen anzukämpfen, scheitert.

Das macht sich vor allem in alltäglichen Situationen bemerkbar. Mehrmals versuchen die Kinder, ihrem Vater zu widersprechen. Sie wollen diesen Pullover oder diese Schuhe nicht tragen. Sie wollen etwas anderes essen und auch einmal die Wohnung verlassen. Das interessiert Oscar nicht. 

Stattdessen bringt er ihnen Gehorsam bei. Den Kindern und auch seiner Frau. Mit welchen Mitteln, darüber will Susanne nicht sprechen.

Die Wohnung in New York hat insgesamt vier Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, eine Küche, ein großes sowie ein kleines Bad. Oscar erlaubt seiner Familie nicht, die gesamte Wohnung zu nutzen.

Die Nachbarn könnten die Kinder hören, die Gefangenschaft damit auffliegen. Reisenbichler und die Kinder dürfen nur zwei Schlafzimmer, die Küche und den Flur betreten. 

“Oscar bestand darauf, einkaufen zu gehen. Er kaufte Hygieneartikel und alle anderen Dinge für den Haushalt. Als sie klein waren, durften die Kinder nicht zum Arzt gehen. Das änderte sich erst im Jahre 2010.” 

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Zu diesem Zeitpunkt hat Oscar seine Familie bereits vollkommen im Griff. Er bestimmt, was und wie viel gegessen wird. Er bestimmt, was getragen wird. Er bestimmt, dass er alles bestimmt. 

Seit ihrem Kennenlernen hat Oscar einen starke Willen. Und er scheut sich nicht davor, diesen zu zeigen. Er hat eine Meinung. Egal, ob sie richtig oder falsch ist. Er droht mit Gewalt. Mit Strafen. Und wendet sie an seiner eigenen Familie an.

Doch noch schlimmer ist, dass er das Vertrauen und die Liebe ausnutzt, die Susanne und seine Kinder ihm entgegenbringen. Er schafft es am Ende, sie damit zu brechen. Susanne und die sieben Kinder werden zu Marionetten – und Oscar ist der Puppenspieler.

“Mein Mann war sehr impulsiv. Bevor ich mich nachts schlafen legte, spürte ich große Angst in mir. Die Angst war real, sie war immer da. Denn in der Vergangenheit sind ziemlich entsetzliche Dinge passiert.”

So wie bei Oscar steckt in den meisten Fällen kein starker, sondern ein eher schwacher Charakter hinter unterdrückenden Männern, erklärt Karl-Günther Theobald, Psychologe bei der Hilfsorganisation Weißer Ring, gegenüber HuffPost. 

Mit ihrem Fehlverhalten wollen sie in vielen Fällen Defizite kompensieren:

“Das gelingt am besten bei jemandem, der entsprechend der Rollenklischees die Familie zusammenhalten will und durch Selbstzweifel und geringes Selbstwertgefühl geprägt ist. Dies drückt sich etwa in Schuld- und Schamgefühlen aus, die auch dann aufkommen, wenn derjenige Unrecht begangen hat.”

Das Einzige, das Oscar den Kindern erlaubt, sind Filme und Musik. Alle, die sie wollen. 

Die Kinder fangen an, sich in den Filmen zu verlieren. Sie stellen Szenen nach, basteln Kostüme, proben für Auftritte vor ihrer Mutter. Es sind die einzigen Momente, in denen sie der Tyrannei ihres Vater entfliehen konnten. Susanne erinnert sich noch genau daran:

“Das hat den Kindern etwas Positives in ihrem Leben gegeben und etwas, das sie genießen konnten. Manchmal haben sie auch mit Absicht witzige Dinge getan, beispielsweise eine Filmszene falsch zitiert. Dann mussten alle laut lachen.” 

Der 15-jährige Sohn verlässt das Haus und trifft die Polizei

Im April 2010 kommt der Wendepunkt. Der damals 15 Jahre alte Mukunda beschließt, ohne Erlaubnis die Wohnung zu verlassen. Noch weiß niemand in der Familie, dass dieses Erlebnis alles verändern wird. 

Denn im diesem Moment hat die Mutter einfach nur Angst. Angst um ihren Sohn und Angst davor, wie Oscar auf Mukundas unerlaubten Ausgang reagieren wird.

“In der Zeit, in der Mukunda draußen war, hatte ich unglaubliche Panik. Es ging nicht um den Fakt, dass er draußen war. Sondern darum, wie heftig die Bestrafung sein wird. Meine Bestrafung, die Bestrafung der anderen Kinder und Mukundas.”

Mukunda trägt eine Halloween-Maske, als er draußen ist. Er denkt, dass er dadurch kein Aufsehen erregt. Genau das Gegenteil passiert. Der 15-Jährige schlüpft in eine Rolle. Er spricht nicht mit den Menschen um sich herum, stattdessen geht er in mehreren Läden ein und aus. Die Polizei wird auf den Jungen aufmerksam.

Für die Polizisten wird es zum Problem, herauszufinden, wer der Teenager ist. Denn ihr Vater hatte den Kindern immer wieder eingetrichtert, nicht mit Fremden zu reden. Nicht zu sagen, wer sie sind und wo sie leben. 

Erst Stunden später schaffen es die Beamten, den 15-Jährigen nach Hause zu bringen.

“Die Polizisten brachten Mukunda zur Tür. Sie haben mich daraufhin befragt. Sie hatten das Gefühl, dass etwas bei uns zu Hause und auch mit meinem Sohn nicht stimmen würde. Plötzlich wollten sie mit uns ins Krankenhaus.”

Nach und nach kommt die Wahrheit ans Licht. Im Krankenhaus kann Susanne nicht mehr verbergen, was Oscar mit ihr und den Kindern anstellt. Sie fängt an, zu erzählen. Nach und nach fällt das Kartenhaus um Oscars Gräueltaten in sich zusammen.

Oscar merkt, dass er die Kontrolle über seine Familie verliert. Die Machtverhältnisse kippen. Mukunda ist mutig, widersetzt sich immer und immer mehr seinem Vater. Seine sechs Geschwister ziehen nach. 

Den Kindern wird bewusst: Gemeinsam sind wir stark. Stärker als unser Vater. Susanne ist mit der neuen Situation zunächst überfordert. 

“Für mich hat sich alles sehr langsam verändert. Es hat mehrere Jahre gedauert, bis ich realisiert habe, dass ich die Macht darüber habe, mein Leben so zu leben wie ich es möchte.”

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Mukunda und seine Geschwister fangen an, sich frei zu bewegen. Sie verlassen das Haus auf eigene Faust, erleben die Welt mit ihren eigenen Augen – zum ersten Mal sind sie mittendrin.

Täglich arbeiten sie daran, ihre Furcht vor unbekannten Situationen zu überwinden. Sie fahren mit öffentlichen Verkehrsmittel, lernen das Internet kennen, bestellen in einem Restaurant – ohne zu wissen, dass sie bezahlen müssen. 

Jetzt ist Oscar derjenige, der sich fügt. Ihm wird bewusst, dass er die Macht, die Kontrolle und Oberhand über seine Familie verloren hat. Irgendwann entscheidet er sich, zu gehen.

Seit mehreren Jahren leben Susanne und die Kinder in Freiheit

Oscar ist vor anderthalb Jahren verschwunden. Kontakt zu seiner Familie hat er nicht. Momentan wartet Susanne auf die Scheidungspapiere. Wann sie ihren Mann das letzte Mal gesehen hat, weiß sie selbst nicht mehr.

Mittlerweile hat die 64-Jährige mit ihrer Vergangenheit abgeschlossen – vergessen wird sie die vielen Jahre der Angst allerdings nicht. Niemals.

“Einer meiner Söhne hat sich darüber informiert, ob wir Oscar strafrechtlich verfolgen können. Ihm wurde gesagt, dass seine Taten mittlerweile verjährt seien.”

Noch heute lebt die Mutter mit vier ihrer Kinder in dem Apartment, in dem sie 14 Jahre lang weggesperrt wurde. Zu teuer sind die Mieten in New York, zu viele Erinnerung in der Wohnung. Die möchte sie sich unbedingt bewahren, schließlich habe sie dort ihre sieben Kinder groß gezogen.

Wenn sie sich heute Bilder von ihrer Gefangenschaft ansieht, holt die Frau die Vergangenheit wieder ein. Blass und ausdruckslos schauten sie und ihre Kinder damals in die Kamera.

Bis jetzt ist ihr nicht bewusst, wie keiner der Nachbarn die Gräueltaten mitbekommen konnte. Sieben Mal verlässt sie die Wohnung schwanger und kehrt mit einem Neugeborenen zurück. Dennoch spielt nie eines der Kinder im Hof.

Regelmäßig kauft Oscar Essen und Kleidung für eine Großfamilie ein. Doch nie geht eines der Kinder morgens zur Schule. 

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Susanne will das Leben genießen

So ist es auch Ignoranz, die den Täter schützt. 

Viel zu egoistisch sei jeder einzelne Mensch geworden, sagt Susanne heute. “In der U-Bahn schauen wir nur auf unser Handy, im Restaurant sprechen wir nicht miteinander. Wenn jemand mitten auf der Straße verprügelt wird, sehen wir weg.”

Die Amerikanerin will nicht länger die Augen verschließen – nicht vor den schlimmen, aber auch nicht vor den schönen Dingen im Leben.

Sie besucht Familie und Freunde, verlässt die Wohnung, wann sie will und macht die Dinge, die ihr gefallen. Es sind Alltagsmomente, die sie glücklich machen.

Die Tatsache, dass sie einen eigenen Schlüssel für ihre Wohnung hat, dass sie und ihre Kinder ein eigenständiges Leben führen und dass sie endlich wieder die Freiheit hat, ‘Nein’ sagen zu können. 

Sie selbst steht bei sich an erster Stelle – sie konzentriert sich voll und ganz auf sich und ihre sieben Kinder. Einen neuen Partner hat sie nicht.

Obwohl sie die Vergangenheit niemals vergessen wird, führt Susanne heute, ein, wie sie sagt, “wundervolles Leben”.

Wie Opfern geholfen werden kann

Dominic Schreiner, Sprecher des Weißen Rings, kennt solche Fälle wie den von Susanne. Die Organisation ist Deutschlands größte Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität.

Der Experte sagt gegenüber HuffPost, dass nach einer jahrelangen Gefangenschaft zunächst praktische Aspekte im Vordergrund stehen. Denn die meisten Menschen waren in der Zeit nicht arbeiten und konnten sich somit auch keine finanzielle Grundlage für ein eigenständiges Leben schaffen. 

“Als Opferhilfeorganisation können wir solche Betroffenen mit finanziellen Soforthilfen für anwaltliche und psychotraumatologische Erstberatungen oder konkreten Hilfestellungen in Punkto Unterbringung unterstützen.”

Mitarbeiter des Weißen Rings begleiten die Opfer außerdem bei Amtsgängen oder auch auf die Polizeiwache, wenn sie eine Strafanzeige stellen wollen. Doch das Wichtigste ist, eine Stütze für Betroffene zu sein

“Als Kernkompetenz gilt es, einfach da zu sein, den Opfern zuzuhören, sie ernst zu nehmen um ihnen zu zeigen, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind. Und: ihnen klarzumachen, dass nicht alle Menschen so wie der Täter sind”, sagt Schreiner weiter.

Außerdem können weibliche Opfer – mit und ohne Kinder – immer Zuflucht in einem Frauenhaus suchen.  

Es ist nicht leicht, über derart schlimme Erfahrungen zu sprechen. Frauen, denen Ähnliches passiert ist, können sich neben dem “Weißen Ring” und anderen Organisationen auch jederzeit und kostenfrei an das Hilfetelefon des Familienministeriums unter 08000 116 016 wenden. Auf der Webseite der Behörde gibt es zudem ein umfassendes Informationsangebot für Betroffene und ihre Angehörigen.

(kiru)