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06/02/2019 11:54 CET | Aktualisiert 06/02/2019 11:54 CET

"Mein Mann kocht und putzt – deswegen muss ich mich nicht 'glücklich' schätzen"

Ich bin kein Glückspilz. Ich bin eine gleichberechtigte Frau.

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“Wow”, sagen die anderen Frauen dann. “Du hast echt Glück. Ich wünschte, mein Mann würde das auch tun.”

Jeanne Sager ist freie Autorin. Als Journalistin hat sie unter anderem für die “New York Times” gearbeitet. In ihrem Blog für die HuffPost schreibt sie darüber, wie sie ihren Mann dazu gebracht hat, im Haushalt zu helfen und warum sie sich deshalb nicht “glücklich” schätzen muss.

Als mein Mann von der Arbeit nach Hause kam, war es bereits 19 Uhr. Er hatte länger gebraucht, weil er unterwegs noch beim Supermarkt vorbeigefahren war, um das Wichtigste einzukaufen: Milch, Eier und eine Packung Binden (und zwar die langen). 

Ich saß gerade im Wohnzimmer auf meinem Gymnastikball und legte Wäsche zusammen. Auf meinem Schoß lag ein frisches, noch warmes Handtuch, das ich kurz vorher aus dem Trockner geholt hatte. Nachdem ich meinen Mann begrüßt hatte, bat ich ihn, das Abendessen zu kochen.

Er zog seinen Wollmantel aus, krempelte die Ärmel seines Arbeitshemdes hoch und nickte. Er hielt bereits seine Finger unter den laufenden Wasserhahn, um das Abendessen vorbereiten zu können. “Ich bin schon dabei.”

Mehr zum Thema: Männer, wehrt Euch endlich!

An dieser Stelle schiebe ich für gewöhnlich kurz ein, wie dankbar ich für sein Verhalten bin. Damit will ich zeigen, dass ich eigentlich ein schlechtes Gewissen habe, wenn ich mein enormes Glück so herausposaune. Denn ich habe einen Mann geheiratet, der nicht nur seine eigenen Socken, sondern auch die unserer Tochter zusammenlegt. Ich bin ein echter Glückspilz! 

Eigentlich möchte ich damit aber sagen, dass es mir leid tut, wenn eine Frau stundenlang kocht, Wäsche macht und Toiletten schrubbt, während ihr Mann auf dem Sofa sitzt und Fußball schaut oder Videospiele zockt. Es geht mir nämlich nicht darum, anderen unter die Nase zu reiben, dass mein Mann und ich uns die Hausarbeit teilen. 

Wenn mir doch einmal herausrutscht, dass mein Mann Zimtschnecken backt und seine Socken selbst in die Schublade räumt, bekomme ich meist zu hören, wie “glücklich” ich mich doch schätzen könne.

“Wow”, sagen die anderen Frauen dann — denn solchen Aussagen stammen eigentlich ausschließlich von anderen Frauen. “Du hast echt Glück. Ich wünschte, mein Mann würde das auch tun.”

Gleichberechtigung im Haushalt

Angesichts einer aktuellen Studie, die in der Fachzeitschrift “Gender and Society” veröffentlicht wurde, ist unser Haushalt jedoch eine echte Ausnahme. Wissenschaftler der University of Chicago haben Daten ausgewertet, die zwischen 1976 und 2016 in den ganzen USA erhoben worden sind. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass viele Amerikaner inzwischen zwar mehr darauf achten, dass die Arbeit gerechter zwischen Männern und Frauen aufgeteilt wird.

Auf der anderen Seite sind viele von ihnen jedoch auch immer noch überzeugt davon, dass Cis-Frauen (Frauen, bei denen das biologische und gesellschaftliche Geschlecht dasselbe sind, Anm. d. Red.) bei der Hausarbeit und der Kindererziehung den größeren Anteil übernehmen sollten. Einige Studien besagen zwar, dass moderne Väter heutzutage dreimal so viel Zeit für die Erziehung ihrer Kinder aufbringen, wie unsere Großväter es im Jahr 1965 noch taten.

Doch trotzdem beläuft sich diese Zeit auf insgesamt lediglich acht Stunden pro Woche. Darüber hinaus beruhen diese Angaben auf der reinen Selbsteinschätzung der befragten Männer und sind deshalb alles andere als sicher.

Die Arbeitsteilung zwischen meinem Mann und mir hat sich nicht automatisch so ergeben. Ich musste sie mir hart erkämpfen. Mittlerweile kann ich ihn einfach um Unterstützung bitten. Zuvor musste ich diese jedoch jahrelang einfordern.

Haushalt und Beruf können zu Überarbeitung führen

Die Mutter meines Mannes war immer Hausfrau geblieben und sein Vater hatte das auch so gewollt. Und deshalb hatte mein Mann von Hausarbeit auch überhaupt keine Ahnung, als wir heirateten. Kochen konnte er erst recht nicht. Ich ziehe ihn noch immer damit auf, dass er einmal ein wahnsinniges Chaos veranstaltet hat, als er eine Tütensuppe zubereiten wollte. Ich saß damals mit meiner Trauzeugin im Wohnzimmer und wir bereiteten gerade den Blumenschmuck für unsere Hochzeit vor.

In unseren ersten Ehejahren kam ich durch meinem Beruf als Zeitungsjournalistin und durch die zusätzliche Hausarbeit auf 60 Arbeitsstunden pro Woche.

Ich habe gekocht, geputzt und die schmutzigen, zusammengeknüllten Socken meines Mannes aufgesammelt, die in einem Haufen auf dem Wohnzimmerboden lagen.

Ungerechtigkeit bei der Hausarbeit schlägt auf die Psyche

Die Geburt meiner Tochter war dann jedoch der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Sie schrie. Sie machte in die Windeln. Sie klammerte sich mit ihren zangenartigen Fingern an mich und wollte permanent von mir herumgetragen werden.

 Je lauter sie schrie, desto lauter wurde auch meine Stimme. “Kannst du bitte den Geschirrspüler ausräumen? Rühr doch bitte mal die Käsesauce um. Könntest du bitte eine Käsesauce kochen? Lass dich doch bitte nicht dauernd um alles bitten.”

In dieser ersten Phase als frischgebackene Mutter verhielt ich mich zunehmend passiv-aggressiv. Ich ignorierte die Geschirrberge im Spülbecken und die Wäscheberge auf dem Badezimmerboden voller Wut.

Halbherzige Hilfe im Haushalt

Ich begann, meinen Mann immer häufiger schmollend anzuschweigen, weil er keinerlei Anstalten machte, das Chaos aufzuräumen und weil die Unordnung durch unser Baby immer schlimmer wurde. Wenn er mich fragte, was denn los sei, maulte ich nur, dass “nichts” los sei oder dass ich “nicht darüber reden” wolle.

Doch eigentlich wollte ich ihm sagen: “Es ist überhaupt nichts in Ordnung. Warum kapierst du nicht, dass ich Hilfe brauche?”

Er konnte jedoch nur hören, dass ich die Tür hinter mir zusperrte und mich weigerte, ihn hereinzulassen. Er konnte meine Gedanken nicht lesen. Er hatte keine Ahnung, dass ich mir einfach nur wünschte, er würde eine Ladung Wäsche in die Maschine stecken und das Geschirr in die Spülmaschine räumen.

Seine Versuche, unsere Probleme zu lösen, waren zwar ziemlich halbherzig, doch er meinte es gut: Er brachte mir aus dem Supermarkt meine Lieblingssüßigkeiten mit oder er rief mich zu Hause an und fragte mich, ob er zum Abendessen Pizza mitbringen solle.

Letzten Endes machten wir eine Paartherapie

Durch seine Bemühungen schaffte er es immer wieder, die frostige Stimmung zwischen uns beiden kurzfristig aufzutauen. Und dann kümmerte ich mich wieder um den Abwasch, die Wäsche, das Staubsaugen und das Abstauben. Doch irgendwann brach in unserem Haus erneut das Chaos aus und der Kreislauf begann wieder von vorne.

Wir sprachen miteinander und ich schrie ihn an. Letzten Endes machten wir sogar eine Paartherapie.

Durch unsere Diskussionen fand ich heraus, dass ich ihm eigentlich nur häufiger sagen musste, was in mir vorging. Anstatt uns zu streiten, diskutierten wir miteinander. Diese Diskussionen waren sehr produktiv, weil wir es auf diese Weise schafften, uns auszutauschen. Je häufiger ich es schaffte, meine Wünsche klar auszusprechen, desto besser gelang es ihm, meine Bedürfnisse bereits erahnen zu können.

Nach 18 Jahren ist unsere Ehe noch immer nicht perfekt. Doch wir lieben uns und wir lernen immer mehr dazu.

Hausmann und Hauptverdienerin

Ich bin in unserer Familie die Hauptverdienerin. Denn mit Ausnahme der zwei Jahre direkt nach der Geburt unserer Tochter habe ich in den 18 Jahren unserer Ehe immer mehr verdient als mein Mann.

Ich übernehme auch einige Haushaltsaufgaben. Doch wenn ich meinen zwei oder manchmal sogar drei Jobs nachgehe, erledigt mein Mann den größeren Teil der Hausarbeit. 

Bei uns ist mein Mann derjenige, der am Wochenende lecker duftendes Brot backt und unter der Woche zum Abendessen cremige, selbstgemachte Soßen zubereitet.

Er ist derjenige, der zu spät von der Arbeit nach Hause kommt, weil er noch beim Supermarkt vorbeifahren musste. Und der sich an den Herd stellt, um für unsere dreiköpfige Familie gesunde (und manchmal auch nicht ganz so gesunde) Mahlzeiten zuzubereiten.

Geteilter Haushalt ist Gleichberechtigung

Und dennoch bin ich nicht glücklicher als die hunderttausend Männer, deren Frauen nach einem langen Arbeitstag in ihrem Beruf nach Hause kommen, ihre Mäntel aufhängen, ihre Ärmel hochkrempeln und sich an die liegengebliebene Hausarbeit machen. Und zwar nur, weil dies bis zum heutigen Tag von ihrem Geschlecht erwartet wird.

Ich bin kein Glückspilz. Ich bin eine gleichberechtigte Frau.

Meine Tochter ist damit aufgewachsen, dass ihre Mama in drei Jobs gleichzeitig arbeitet, während ihr Papa nur einen hat. Für sie ist das normal. Sie ist daran gewöhnt, dass ihre Mama abends in ihrem Büro sitzt und die Bilder bearbeitet, die sie vor kurzem bei einem Familien-Fotoshooting gemacht hat, weil einer ihrer drei Jobs Fotografin ist.

Ihr Vater fegt währenddessen mit einem Wischmop über den Esszimmer-Boden und bereitet eine Lasagne vor.

Es kann auch vorkommen, dass ihre Mama am Sonntagnachmittag mit einem Buch in der Hand auf dem Sofa sitzt, weil sie von den fünf Arbeitstagen in ihrem Hauptjob erschöpft ist und darüber hinaus auch noch den ganzen Samstag als Hochzeitsfotografin arbeiten musste. Und ihr Papa mäht in der Zwischenzeit den Rasen.

Meine Tochter hat Eltern, die eine faire Arbeitsteilung gefunden haben. Das ist zwar großartig, doch es ist kein Zeichen von Glück.

Haushalt ist für Erwachsene selbstverständlich

Glück hat man, wenn man ein vierblättriges Kleeblatt findet. Oder wenn man mit einem Rubbellos etwas gewinnt. Oder wenn man es gerade noch über die Kreuzung schafft, bevor die Ampel auf Rot umschaltet.

Mein Mann kann sich mit Mitte vierzig tatsächlich sein Abendessen selbst zubereiten und macht das auch. Er steckt sein Handtuch selbst in den Wäschekorb im Badezimmer. Und er ruft mich an und fragt, ob er unsere Tochter vom Fußballtraining abholen soll, wenn er früher von der Arbeit nach Hause kommt.

Wer behauptet, dass dies reines Glück sei, übersieht die Tatsache, dass er ein erwachsener Mann ist und betrachtet sein Verhalten stattdessen als Beweis dafür, dass ich in der Cornflakesschachtel des Lebens das Extrageschenk gefunden habe.

Es ist jedoch kein besonderes Glück, morgens die Cornflakesschachtel aufzumachen und dann tatsächlich auch Cornflakes darin zu finden. Es ist jedoch durchaus ein Problem, wenn man die Cornflakesschachtel aufmacht und gar nichts darin findet.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

(ak)