LIFE
21/08/2018 16:41 CEST | Aktualisiert 21/08/2018 19:36 CEST

Betrug: Mein Mann ist ein Sugar Daddy – nach 20 Jahren entdeckte ich sein Geheimnis

Geschenke für Gesellschaft, Sex gegen Geld

Die folgende Geschichte wurde unter einem Pseudonym veröffentlicht, um die Familie der Autorin zu schützen. 

Im Video oben seht ihr eine Reportage einer Sugar Daddy Party und erfahrt, was Frauen an Sugar Daddys so reizt.

Ich dachte, ich hätte alles erreicht: Drei wunderschöne Kinder, einen CEO als Ehemann, der sich um die Kinder kümmerte, wenn ich nach Ostafrika reiste, um eine Nonprofit-Organisation zu betreiben, ein großes Haus in einer schicken Vorstadt des Silicon Valley, ein Wochenendhaus am See. Dabei hatte ich keine Ahnung, was sich wirklich hinter meinem Rücken abspielte und wie drastisch sich mein Leben ändern sollte, als ich das Geheimnis meines Mannes lüftete.

Vor drei Jahren begann die Beziehung zu meinem Mann in die Brüche zu gehen.

Die Paartherapie half nicht und unsere Streitereien wurden immer schlimmer – bis mein Mann mir eines Tages, nach zwanzig Jahren Ehe sagte, dass er jetzt gehen und nicht zurückkommen würde.

quavondo via Getty Images

Der Gedanke an Online-Dating jagte mir Angst ein

Ich war am Boden zerstört. Wie betäubt. Ich war seit meinen frühen Zwanzigern nicht mehr allein gewesen. Ich wurde schon langsam grau, mein Körper erschlaffte und der traditionelle Arbeitsmarkt war mir nach zwanzig Jahren völlig fremd geworden.

Ich litt auch an chronischen Depressionen und Panikattacken und der Gedanke an Online-Dating jagte mir Angst ein. Das Internet gab es noch nicht mal, als ich mein letztes Date hatte. Ob ich mich daran erinnern kann, wie das Leben vor dem Internet war? Sicherlich nicht. 

Die Trümmer meiner Ehe zu beseitigen und wieder aufzustehen, erschien mir fast unmöglich. Aber mich einfach in der Fötus-Haltung zusammenzurollen und liegen zu bleiben, war auch keine Option.

In unserer Ehe galt nicht unbedingt die traditionelle Rollenverteilung: Er kochte, machte die Wäsche und übernahm auch einen großen Teil der Kindererziehung. Aber ganz wie eine traditionelle Ehefrau überließ ich ihm die Finanzen komplett. 

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“Was zur Hölle ist ‘seekingarrangement.com’?”

Ich kannte nicht einmal die PINs und Passwörter für unsere Konten und Kreditkarten. Lächerlich, ich weiß.

Nicht lange nachdem mein Mann mich verlassen hatte, merkte ich, dass ich mir einen Finanzplan aufstellen musste. Ich war bereit, ganz von vorn anzufangen. Ich wusste ja nicht mal, was unsere Familie monatlich so ausgab.

Überraschenderweise  – in Anbetracht dessen, was ich gleich herausfinden sollte – gab mir mein Mann das Passwort für unser gemeinsames Konto und die Kreditkarten. 

Nachdem ich mich eingeloggt und etwas gescrollt hatte, bemerkte ich einen wiederkehrenden Posten, den ich nicht wiedererkannte. Er schien von einer Internet-Firma zu sein, aber ich verstand nicht, warum er in unserem persönlichen Konto auftauchte, weil mein Mann all seine Ausgaben für die Arbeit ja über sein Firmenkonto abwickelte.

Ich googlete den Namen im Posten und fand heraus, dass er zu einer Seite namens “seekingarrangement.com” gehörte. “Was zur Hölle ist ‘seekingarrangement.com’?”, fragte ich mich selbst laut.

Geschenke für Gesellschaft, Sex gegen Geld

Ich tippte die Adresse in meinen Browser. Was dann auf meinem Bildschirm auftauchte, traf mich wie ein Schlag. Laut ihrer ”Über-Uns”-Seite ist “Seeking Arrangement die führende Sugar-Daddy-Dating-Seite, auf der über 10 Millionen Mitglieder Beziehungen zu ihren eigenen Bedingungen finden, die beiden Parteien nützen”. In anderen Worten, bringt die Seite Männer als “Sugar Daddies” mit Frauen als “Sugar Babies” zusammen. Die Frauen bekommen Geld oder Geschenke im Austausch für Gesellschaft und/oder Sex.

“Oh, mein Gott, ist mein Ehemann ein Sugar Daddy?”, japste ich.

Nachdem der Schock so sehr nachgelassen hatte, dass ich meine Hände wieder bewegen konnte, fing ich an, die so genannte “Sugar World” zu erkunden. Ich las über Studentinnen, die die Seite nutzen, um Männer zu finden, die ihnen teure Klamotten kaufen, sie zu Luxus-Urlauben einladen oder sogar ihre Studiengebühren übernehmen.

Gab mein Mann diesen Frauen Geld für Sex?

“Aber halt mal”, dachte ich. “Wir haben doch eine Tochter an der Uni und geben richtig viel Geld für ihre Studiengebühren an der Privatuni aus.” Zahlte mein Mann auch einer Fremden oder vielleicht sogar mehreren Fremden die Studiengebühren? Gab mein Mann diesen Frauen Geld – unser Geld – für Sex? Allein beim Gedanken daran, drehte sich mir der Magen um.

Ich klappte meinen Laptop zu, immer noch im Schlafanzug und flitzte in den Supermarkt, um Aktenordner, Textmarker, Druckerpapier, Büroklammern und andere Büroartikel zu besorgen.

Als ich nach Hause kam, fing ich an, unsere Kontoauszüge nach verdächtigen Abbuchungen zu durchsuchen. Ich verließ meinen Computer für die nächsten zwölf Stunden nicht.  Als ich immer mehr Rechnungen für Hotels und teure Restaurants fand, fühlte ich mich, als lebte ich das Leben von jemand anderem.

Wie konnte das alles an mir vorbei gegangen sein? Ein Hotel in San Francisco am Abend bevor wir in den Familien-Urlaub gefahren sind? Eine Abbuchung über 1500 Dollar von Louis Vuitton kurz vor Weihnachten? Ich habe nie auch nur einen Fuß in diesen Laden gesetzt. Irgendeine andere Frau hat diese teure Handtasche zu Weihnachten bekommen – und ich eine Kühltasche.

Jede Überweisung war über mindestens 1000 Dollar

Die Überweisungen reichten mindestens ein Jahr zurück. Ich loggte mich in den PayPal-Account meines Mannes ein und fand Überweisungen, die er an diese Frauen getätigt hatte. “Viel Spaß beim Shoppen!” schrieb er in einer Nachricht. “Ein schönes Wochenende!”, schrieb er in einer anderen. Jede Überweisung war über mindestens 1000 Dollar – und es waren sehr, sehr viele Überweisungen.

Als meine Taubheit sich legte, kamen verschiedenste andere Gefühle hoch: Wut, Ekel, Scham. Ich rief meinen Mann an und erzählte ihm, was ich herausgefunden hatte. “Wie konntest du nur?”, fragte ich. “Wie konntest du nur mit einer anderen Frau in das gleiche Hotel gehen, in dem wir zusammen waren? Und warum hast du das getan?” Er beantwortete meine Fragen nicht.

Er sagte mir, dass es sich gut anfühlte, von diesen Frauen wertgeschätzt zu werden und behauptete, ich sei selbst schuld. Dann streute er noch mehr Salz in meine Wunden und sagte: “Ich bin mit ihr dorthin gegangen, weil es ein großartiges Hotel ist.”

Ich musste mir meine Würde zurückholen

Nachdem ich alle Überweisungen, die mit seiner Untreue zusammenhingen, gefunden und aufgezeichnet hatte, dämmerte mir, dass ich niemals die Antworten bekommen würde, die ich wollte und brauchte. Aber ich verstand, dass ich den Staub von meinen Schultern klopfen musste und mir die Würde zurückholen, die mir mein Mann genommen hatte. Ich übergab all meine Aufzeichnungen meinen Anwälten.  

Weil ich leidenschaftlich gern Yoga mache, weiß ich Selbsterkundungen zu schätzen. Wenn es jemals eine Zeit für mich gab, in der ich “in mich gehen” musste, wie wir in der Yoga-Welt sagen, war es diese.

Ich kaufte jedes Buch darüber, wie man Scheidungen übersteht, das ich finden konnte. Ich belegte Seminare und Workshops über Selbstachtung. Ich las alles über Scham und emotionale Stabilität. Und ich fing an, eine Halskette zu tragen, auf der “Stärke” stand, um mich daran zu erinnern, dass ich stark war. Langsam fing ich an zu glauben, dass ich all das überstehen konnte und aus diesem Albtraum sogar gestärkt hervorgehen konnte. 

Nach zwanzig Jahren kümmerte ich mich zum ersten Mal wieder selbst um meine eigenen Finanzen. Ich eröffnete meine eigenen Konten und beantragte meine eigenen Kreditkarten. Ich kaufte mein eigenes Haus und lernte mit einem monatlichen Budget auszukommen.

Aber am wichtigsten: Ich erstellte einen Geschäftsplan für meinen neuen Job. Ich stellte meine Idee erfolgreich dem Direktor einer Grundschule vor. Jetzt unterrichte ich jede Woche über 300 Schüler vom Kindergarten bis zur fünften Klasse in Yoga und Achtsamkeit.

An manchen Tagen fühlt sich diese neugewonnene Freiheit wunderbar an. An anderen Tagen erdrückt sie mich, aber ich weiß, dass ich auf dem richtigen Weg bin. 

Was mein Mann getan hat, hat nichts mit mir zu tun

Ich baute mir mein Leben neu auf. Durch all meine Lektüren, Workshops, Therapiesitzungen und Gespräche mit Freunden gelangte ich zu dieser einen Einsicht: Was mein Mann gemacht hat, hat nur etwas mit ihm zu tun und nichts mit mir.

Damit will ich natürlich nicht sagen, dass ich beim Niedergang der Ehe keine Rolle gespielt hätte. Das habe ich sicherlich und mit Leidenschaft getan. Aber ich habe verstanden, dass es jetzt meine Aufgabe war, das anzuerkennen und mir selbst zu vergeben, daraus zu lernen und weiter zu machen. Ich habe meinen Mann nicht dazu gebracht, mich zu betrügen. Er selbst hat sich dafür entschieden.

Der schreckliche Tag, an dem ich festgestellt habe, dass mein Leben nicht so war, wie es schien, ist bald ein Jahr her. Ich werde immer noch manchmal wütend und traurig und ich vergieße immer noch mehr Tränen, als ich zugeben möchte.

Aber jeder Tag, an dem ich ich aufstehe, zur meiner neuen Arbeit gehe, einen tropfenden Wasserhahn in meinem eigenen Haus repariere oder ein Bild genau dahin hänge, wo ich will, macht mir klar, dass alles gut wird.

Kurz nachdem mein Mann mich verlassen hat, habe ich mir eine Lotus-Blüte auf den Arm tätowieren lassen. Genau wie sie müssen auch wir alle im Dreck wachsen, um zu wahrer Schönheit aufzublühen.

Obwohl ich es mir selbst nicht immer glauben kann, sage ich mir, dass ich mir selbst genug bin, dass ich eine glänzende Zukunft vor mir habe, und dass dieser Glanz nicht von meinem Mann und dem, was er getan hat, geschwächt werden kann.  

Dieser Artikel erschien zuerst in der US-Ausgabe der HuffPost und wurde von Moritz Diethelm aus dem Englischen übersetzt.

(glm)