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01/08/2018 18:00 CEST | Aktualisiert 02/08/2018 08:49 CEST

Die Studentin, aber der Chirurg – wie Männer die Medizin dominieren

Nur wenige Ärztinnen schaffen es in die Chef-Etage.

jacoblund via Getty Images
Nur 20 Prozent der der Chirurgen in Deutschland sind Frauen (Symbolbild).
  • In der Chirurgie ist es für Ärztinnen schwierig, an führende Positionen zu gelangen. 

  • Die Benachteiligung ist auf starre gesellschaftliche Strukturen zurückzuführen, die aufgebrochen werden müssten. 

Habt ihr euch schon einmal einen Arm oder ein Bein gebrochen und musstet deshalb operiert werden? Der Arzt, der euch wieder zusammengeflickt hat, war höchstwahrscheinlich ein Mann.

Die Chirurgie ist eine Männerdomäne. Und wie in vielen anderen Unternehmen haben auch in Krankenhäusern, vor allem in der chirurgischen Abteilung, Männer Führungspositionen inne.

Dass deutlich weniger Frauen das Skalpell in der Hand haben ist exemplarisch dafür, was in unserer Arbeitswelt generell ein Problem ist: Frauen sind seltener Chefinnen, bekommen weniger Rente und müssen noch immer den Spagat zwischen Privatleben und Beruf schaffen.

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Gut 61 Prozent der Medizinstudenten sind weiblich, was zeigt, dass genügend Frauen den Beruf ergreifen wollen. Doch nur 20 Prozent der Chirurgen in ganz Deutschland sind weiblich. In der Unfallchirurgie und Orthopädie sind es sogar nur 16 Prozent.

“Schwanger wirst du am besten schon im Studium”

Viele Bereiche des Arztberufes sind auf einen bestimmten Typ von Arbeitnehmer zugeschnitten: Menschen, die in Vollzeit arbeiten, besser nicht schwanger werden, immer erreichbar sind. Besonders bei Unfallchirurgen sind solche Kriterien gefragt, denn diese arbeiten nicht von neun bis fünf, sondern dann, wenn jemand sich verletzt.

Viktoria Bogner-Flatz hat ein Kind, ist Oberärztin am Klinikum der Universität München und stellvertretende Frauenbeauftragte. Das Gespräch mit der HuffPost muss sie zuerst verschieben, weil ein Schwerverletzter im Schockraum auf sie wartet.

Später, als die Chirurgin eine ruhige Minute findet, erklärt sie: “Wenn du schwanger werden willst, dann machst du das eigentlich am besten schon im Studium oder erst nach deiner Facharztausbildung.” Ein Medizinstudium dauert mindestens sechs Jahre. Die Facharztausbildung dauert noch einmal fünf bis sechs Jahre. Das ist eine lange Zeit. Dabei wird es umso schwerer, den richtigen Zeitpunkt abzupassen, um ein Kind zu bekommen.

Und danach muss die Frage geklärt werden, wie Frauen wieder in den Beruf einsteigen können. “Du bist danach wahnsinnig auf der Bremsspur, wenn du ein Kind während deiner Facharztausbildung bekommst“, sagt Bogner-Flatz. Sie hat das bewusst erst danach gemacht. “Wenn du während der Schwangerschaft nicht operierst und danach in den ersten Monaten bei deinem Kind bleibst, bist du knapp ein Jahr raus.“

Teilweise dürfen Frauen während der Schwangerschaft gar nicht operieren. Die Regelung hat sich nach einer Initiative des Jungen Forums der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie im Jahr 2015 etwas gelockert. Um das Kind und sich selbst nicht zu gefährden, dürfen Schwangere dennoch manche Eingriffe nicht übernehmen. So brauchen Frauen insgesamt länger, bis sie alle nötigen Operationen für die Facharztprüfung absolviert haben. 

Frauen werden Ärztin, leiten aber selten die Abteilung

In unserer Gesellschaft kümmern sich vor allem Frauen um ihre Kinder. Deshalb arbeiten häufiger Frauen als Männer Teilzeit und übernehmen einen größeren Teil der Haushaltsaufgaben. Diese Imbalance sorgt dafür, dass in der Chirurgie, aber auch in anderen Berufen, Männer die Nase vorne haben. “Man merkt, dass es nach oben hin dünner wird“, sagt Bogner-Flatz.

Wie dünn es nach oben hin wird, zeigen folgende Zahlen:

► Nur zehn Prozent der Ärzte in Führungspositionen an Universitätskliniken sind Frauen

► In der Chirurgie sind es nur drei Prozent

► Unter den Oberärzten gibt es mehr Frauen: Hier sind es im Schnitt 31 Prozent

► In der Chirurgie sind 16 Prozent der Oberärzte Frauen

Die niedrige Zahl an Frauen in Führungspositionen in medizinischen Berufen kann nicht damit erklärt werden, dass Frauen an der Spitze unerwünscht wären. Gerade in der Unfallchirurgie und Orthopädie werden Fachkräfte gesucht. Auch liegt es nicht daran, dass Frauen den Job nicht könnten, das Falsche studiert hätten oder die körperliche Arbeit für sie zu anstrengend wäre.  

Es liegt an den gesellschaftlichen Strukturen. Um mehr weibliche Ärzte in Führungspositionen zu finden, müssten sich diese ändern. Vor allem die Arbeitszeiten und die Möglichkeit, nach der Schwangerschaft wieder einzusteigen. Nur knapp 14 Prozent der deutschen Kliniken und Krankenhäuser haben betriebseigene Angebote zur Kinderbetreuung.

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Doch Ärzte arbeiten auch dann, wenn die normalen Kitas geschlossen haben. Und Teilzeit ist meist keine Lösung: Nur 24 Prozent aller Ärztinnen und 12 Prozent der Ärzte greifen darauf zurück. Aus einem guten Grund, weiß Oberärztin Bogner-Fatz: “Während der Facharztausbildung musst du täglich zu 100 Prozent da sein.”

Wenn sie ihr Kind um acht Uhr morgens in die Kita bringt, kommt sie grundsätzlich zu spät zu ihrer Arbeit. Ihr Dienst fängt um sieben Uhr früh mit der ersten Visite oder Operation an. “Einen genauen Dienstplan zu machen, mit Kollegen, die ebenfalls Kinder betreuen, ist schwierig“, sagt die Ärztin. Andere müssen oft für die Mütter und Väter in ihrer Abteilung übernehmen.

Die Chirurgie, besonders die Unfallchirurgie und Orthopädie, wo es viele Notfälle, Nachtdienste und ungeplante Operationen gibt, ist schlecht mit kleinen Kindern zu vereinen. Besonders dann, wenn die nötigen Voraussetzungen vor Ort, wie Betreuungseinrichtungen, fehlen.

Medizinerinnen haben weniger Kinder als Mediziner

In einer Studie der Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA) wurden die Kinder von Frauen und Männern ,die in der Medizin habilitierten, gezählt.

► Die Männer hatten im Schnitt 3,2 Kinder

► Die Frauen hatten durchschnittlich nur 1,5 Kinder.

Obwohl Ärztinnen weniger Kinder haben und sich Beruf und Familie in diesem Bereich schlecht vereinbaren lassen, hat sich die Chirurgin Costanza Chiapponi für eine Familie und für eine Führungsposition entschieden. Die Ärztin leitet die Endokrine Chirurgie an der Uniklinik Köln.

Um die offenen Bäuche ihrer Patienten zu operieren, muss sie auf einen Hocker steigen. Denn sie ist nur 1,60 Meter groß. Das Vorurteil, dass Chirurgie nichts für Frauen sei, da es diesen an körperlicher Kraft fehle, belächelt Chiapponi. Ihre Körpergröße ist nur ein kleiner Stolperstein im Vergleich zu den Hürden, die sie tagtäglich überwindet. Neben ihrem Job als Oberärztin kümmert sich die Ärztin auch um ihr Neugeborenes.

Um in der Arbeit alles geben zu können und gleichzeitig Mutter zu sein, hat Chiapponi verschiedene Lösungsstrategien entwickelt. Ihr drei Monate altes Kind stillt sie zwischen ihren Operationen. Hin und wieder verlässt sie dafür auch den OP-Saal. An allen anderen Tagen verlässt sie sich auf ihre Mutter. Diese ist aus Italien nach Deutschland gezogen, um auf das Kind aufpassen zu können. “Mit ein bisschen Planung klappt es“, sagt Chiapponi.

Die Branche muss sich verändern

Aber nicht für alle Ärztinnen scheint es zu klappen, was die niedrigen Zahlen an weiblichen Chirurgen untermauern. Nicht jede Frau kann auf familiäre Unterstützung zurückgreifen.

Wenn die Arbeitsbedingungen in dieser Branche weiter starr bleiben, könnten auf lange Sicht Medizinerinnen verloren gehen. “Man wird sich etwas einfallen lassen müssen“, sagt die Chirurgin Bogner-Flatz.

Nicht nur in der Chirurgie muss man sich etwas einfallen lassen. Sondern auch in vielen Berufen, in denen Frauen immer noch unterrepräsentiert sind – vor allem auf der Führungsebene.

Sich um Kinder zu kümmern, sollte nicht vor allem Frauensache sein. Die Chirurgie ist lediglich ein Bereich, in dem besonders sichtbar wird, was in der gesamten Arbeitswelt und in unserer Gesellschaft ein Problem ist.

(nc) (glm)