NACHRICHTEN
04/06/2018 14:12 CEST | Aktualisiert 04/06/2018 18:16 CEST

Schwerkranke Frau baut Cannabis an – Polizei behandelt sie "wie Terroristin"

Nur so hat Magda Sebelka ihre epileptischen Anfälle und ihr Asthma im Griff, sagt ihr Arzt.

  • Die Polizei Offenbach hat die Wohnung eines Paares gestürmt, weil es Cannabis anbaut.
  • Magda Sebelka wollte aus den Pflanzen Medizin gewinnen, sie kann sich die Arznei aus der Apotheke nicht leisten. 
  • Im Video oben seht ihr, warum Cannabis verboten ist. 

Es ist sieben Uhr morgens, als Beamte der Polizei Offenbach die Wohnungstüre von Magda Sebelka einschlagen. In schwarzer Kampfmontur und mit gezogenen Waffen stürmen die Einsatzkräfte die Wohnung. Die Frau und ihr Lebensgefährte werden mit Handschellen fixiert und abgeführt.

Was wie eine Szene aus einem Til-Schweiger-“Tatort” klingt, hat sich tatsächlich kürzlich so in Hessen zugetragen, wie die Zeitung “Extratipp” berichtet. Allerdings handelt es sich bei dem Paar nicht um Terrorverdächtige, mutmaßliche Mörder, Kinderschänder oder Raubdiebe. 

Magda Sebelka baut in ihrer Wohnung Cannabis an. Zu medizinischen Zwecken, wie sie selbst sagt. 

Für Sebelka ist Cannabis lebenswichtig

Sebelka ist schwerkrank, leidet an Asthma, Epilepsie und ADHS. Vor allem die Epilepsie mache ihr schwer zu schaffen. “Das Einzige, das wirksam hilft und keine Nebenwirkungen hat, ist Cannabis“, sagt die Hessin.

➨ Mehr zum Thema: Erstaunliche Rettung: Die Ärzte hatten ihren Sohn aufgegeben - dann gaben die Eltern ihm Cannabis

Von ihrem Arzt bekam sie darum ein Rezept für medizinisches Cannabis verschrieben. Damit ist sie einer von 20.000 Menschen in Deutschland, die auf dieses Medikament zurückgreifen dürfen. 

Medizinisches Cannabis in Deutschland

Im März 2017 trat das Gesetz zur ”Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften” in Kraft. Seitdem ist medizinisches Cannabis in Deutschland erstmals verschreibungsfähig

Wer ein Rezept von seinem Arzt hat, kann medizinisches Cannabis in der Apotheke erwerben. Allerdings gibt es kaum eine Krankenkasse, die die Kosten übernimmt. 

Von den 1000 Patienten mit einer sogenannten Sondergenehmigung in Deutschland muss mehr als die Hälfte ihre Medikamentenrechnung deshalb selbst tragen. 

Medizinisches Cannabis kann in verschiedenen Formen verabreicht werden. Es gibt einen Extrakt, der wie Hustensaft eingenommen wird, ein Mundspray, das vor allem gegen spastische Beschwerden helfen soll, und Cannabis-Blütenmischungen zum Rauchen. 

“Für Frau Sebelka ist die Einnahme von Cannabis lebenswichtig”, bestätigte Mediziner Manfred Van Treek der Zeitung. “Nur so hat sie ihre epileptischen Anfälle und ihr Asthma im Griff.“

 

Vorteile von medizinischem Marihuana

Der medizinische Einsatz von Marihuana oder Cannabis ist nach wie vor umstritten. Trotzdem wird es in einigen Ländern eingesetzt, unter anderem zur Behandlung von Augenleiden, Krebserkrankungen, chronischen Schmerzen sowie epileptischen Anfällen und anderen neurologischen Erkrankungen.

In vielen Fällen ist eine medizinische Wirkung nachgewiesen, etwa bei der Bekämpfung von Krebs und Angsstörungen. 

Die Amerikanerin Shannan Taft Ajluni schilderte in einem Blog für die HuffPost eindrucksvoll, wie medizinisches Marihuana ihr und ihren Söhnen geholfen hat. 

Die Therapie mit Cannabis habe dazu geführt, dass ihr Sohn Oliver ein Jahr, acht Monate und zwölf Tage keinen epileptischen Anfall hatte, berichtete sie. Zuvor waren es mehrere pro Tag.   

Weil viele Krankenkassen sich jedoch weigern, für den Konsum aufzukommen, müssen die meisten Patienten die Kosten selbst tragen. Auch Magda Sebelka. “Das konnte ich mir nicht leisten, also habe ich für meinen eigenen Bedarf selbst angebaut“, sagte sie “Extratipp”. Die Kosten für ihre Medizin belaufen sich auf 3000 Euro im Monat. 

Dass sie damit ein großes Risiko eingeht, war Sebelka bewusst. Denn der Anbau von Cannabis ist in Deutschland illegal. 

“Als ob wir Terroristen wären”

Das Vorgehen der Polizei findet sie trotzdem unverhältnismäßig. “Die haben uns hier behandelt, als ob wir Terroristen wären. Dabei habe ich nur ein bisschen Gras angebaut, damit ich über die Runden komme“, sagt Sebelka.

Der hessische Oberstaatsanwalt, Robert Hartmann, weist Sebelkas Vorwurf jedoch zurück. Die Maßnahme sei schließlich aufgrund einer richterlichen Anordnung erfolgt.

Die Art und Weise der Durchführung der Maßnahme obliegt grundsätzlich der beauftragen Polizeidienststelle, die insoweit für die Sicherheit der eingesetzten Beamten Sorge trägt und für die Einschätzung der Lage zuständig ist.”

Die HuffPost hat die Polizeidienststelle Offenbach um eine Stellungnahme gebeten. Bislang liegt jedoch keine Antwort vor. 

(jds)