POLITIK
12/07/2018 09:10 CEST | Aktualisiert 12/07/2018 11:10 CEST

Medien geißeln Seehofer und fordern seinen Rückritt oder Rausschmiss

"Wer über Abschiebungen witzelt, gehört selbst abgeschoben."

  • Liberale wie konservative Medien in Deutschland geißeln Horst Seehofers Wortwahl im Umgang mit Abschiebungen.
  • Manche fordern seinen Rücktritt – oder gar Rauswurf.
  • Im Video oben: Twitter-User enthüllt - Seehofer hatte bereits unter Bundeskanzler Kohl mit einem Rücktritt gedroht.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hat in den diversen Disputen der vergangenen Wochen immer wieder das Wort “Anstand” bemüht. Und die Eigenschaft für sich reklamiert.

Kommentatoren der großen Medien Deutschlands finden: Seehofer hat jeden Anstand verloren.

Dazu muss man wissen:

  • Am Dienstag sagte Seehofer über den 4. Juli: “Ausgerechnet an meinem 69. Geburtstag sind 69 – das war von mir nicht so bestellt – Personen nach Afghanistan zurückgeführt worden.” Und lächelte kurz leicht bei seiner eingeschobenen Feststellung.
  • Schon direkt nach diesem Satz kritisierten viele, Beobachter wie Politiker, die Bemerkung als geschmacklos.
  • Am gestrigen Mittwoch nun wurde bekannt, dass sich einer der abgeschobenen Afghanen das Leben genommen hat. Seehofer sagte, er habe das zum Zeitpunkt seiner 69-Äußerung noch nicht gewusst und bedauere den Tod des Mannes. Das mag alles stimmen.

Aber es zeigt, wie viel zurückhaltender er hätte reden sollen. “Dann kam die Wirklichkeit und zeigte noch einmal, wie zynisch, wie makaber sein schlechter Witz gewesen war”, schreibt “Spiegel Online”.

“Seehofer hat den Anstand verloren”

Die “Süddeutsche Zeitung” schreibt: “Horst Seehofer hat den Anstand verloren. Daran gibt es keinen Zweifel mehr, und man kann allenfalls überlegen, wann genau er ihn verloren hat.”

Das gelte auch, obwohl es keinen direkten Zusammenhang zwischen Scherz und Suizid gebe. Die Zeitung verweist auf Seehofers zahlreiche Attacken auf Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

Die “Bild”-Zeitung schrieb schon am Dienstag auf abgeschobene Flüchtlinge: “Sprachliche Eiseskälte und dünne Witzchen auf ihre Kosten verbietet der Anstand.”

“Spiegel Online” geht nicht davon aus, dass Seehofer gute Charaktereigenschaften verloren hat. Aber dass das, was er tue, so wirke.

“Nein, Seehofer ist kein Mann ohne Anstand. Kein Mensch ohne Empathie. Kein Extremist. Im Gegenteil. Aber in kürzester Zeit hat es der CSU-Politiker vermocht, in Teilen der Öffentlichkeit genau dieses Bild von sich zu erzeugen.”

“Unpassend”, “voll daneben”

Im WDR warnt ein Kommentator, Seehofer habe gute Chancen den Titel “Chefzyniker im Kabinett” verliehen zu bekommen. Was er gesagt habe, sei “unanständig”, “unpassend”, “voll daneben”.

Die “Zeit” geißelt die “menschenverachtende Entgleisung, für die andere bezahlen”.

Mit seiner Rhetorik schade sich Seehofer laut “Spiegel Online” selbst. “Seinen politischen Ruf innerhalb kurzer Zeit so zu ruinieren wie er, das hat in der Geschichte dieser Republik wohl noch keiner geschafft.”

Die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” mutmaßt, Seehofer spiele bewusst mit dem Eindruck, hier rede jemand, der nicht wisse, wo er sei, und es auch gar nicht wissen wolle.

Denn als Ministepräsident Bayerns habe man im – wie paradox – “Späßchen”,“Ulkerei” und “Respektlosigeiten” aus Respekt vor dem Amt nachgesehen. “Als Bundesinnenminister aber geht der Schuss nach hinten los – zumal dann, wenn Seehofer nach Belieben mit Partei- und Ministeramt jongliert.”

“Populistische Ranschmeiße”

Der WDR-Kommentator findet: “Seehofer verlässt zunehmend die Wertegemeinschaft der Parteien, die die AfD gern als ‘die Alten’ tituliert.” Er betreibe “ruinöse und populistische Ranschmeiße” an die Themen der AfD.

Die “SZ” geht davon aus, dass Seehofers Zynismus nicht nur über ihn selbst, sondern auch über die Stimmung in Deutschland etwas sagt.

Nur angesichts verbaler Verrohung sei “annähernd zu verstehen, dass Seehofer glaubt, nach all seinen Ausfällen und Peinlichkeiten weiter Politik machen zu können”. 

“Er täte dem Land einen Gefallen, wenn er ginge”

Die mit Rücktrittsforderungen sonst sehr sparsame “Süddeutschen Zeitung” notiert: “Er täte sich und dem Land einen großen Gefallen, wenn er ginge.”

Im WDR heißt es, wer sich über Warnungen hinwegsetze, in Afghanistan drohe Lebensgefahr, sei herzlos. “Und wer Witze über Abschiebungen macht, gehört vielleicht selbst abgeschoben. Und sei es nur aus dem Kabinett.” 

(jg)