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08/02/2018 13:55 CET | Aktualisiert 08/02/2018 13:55 CET

McMoney übernimmt den Kapitalismus

Wenn Geld redet und sehr viel Geld sehr viel redet, sollte man zuhören.

Wer das Familientreffen der Weltelite in Davos verstehen will, kann sich, anders als die Medien, nur marginal mit den Auftritten von Schauspielern oder europäischen Regionalpolitikern beschäftigen. Dieser Pflichttermin der Weltfinanzgemeinde ist die alljährliche Einnordung, die Neujahrsansprache für das und mit dem Kapital. In den Schweizer Bergen wurde für 2018 austariert: Wer ist gut (USA), wer ist böse (China), wo geht die globale Reise hin (Handelskrieg).

Der König unter ihnen ist Laurence, oder wie ihn alle nennen, Larry Fink. Der Amerikaner verwaltet mit seiner Firma Black Rock ein Vermögen von 4,9 Billionen Dollar. „4,9 Billionen Dollar sind das Anderthalbfache der Wirtschaftsleistung Deutschlands“, schreibt Hans-Jürgen Jakobs in seinem Buch Wem gehört die Welt.

#LarryFink sagt in einer der 400 kleinen feinen Davoser Gesprächsrunden zum Thema The Remaking of Global Finance so Sätze wie: „72 Prozent der Spareinlagen in Deutschland und Frankreich liegen auf Bankkonten, auf denen absolut nichts passiert.“ Und: „Auf soviel Bargeld zu sitzen, ist gefährlich und giftig.“ Paul Achleitner, der Chairman der Deutschen Bank, der neben ihm sitzen durfte, weil der Vorstandschef abwesend war, zuckte so stark mit den Augenlidern, daß man sich fragte, zwinkert der Larry wohlwollend zu oder hat der ein Augenleiden.

Black Rock ist mit 6 Prozent einer der wichtigsten Großaktionäre in der Deutschen Bank.

Die deutschen und französischen Spareinlagen sind „gefährlich und giftig“ (Larry Fink) - für wen?, mag man sich fragen. Ob sich Achleitner das gefragt hat?

Diese Aussage könnte man tiefergehend betrachten, zum Beispiel: Wie lange schaut sich die Weltfinanzgemeinde oder #BlackRock die europäischen Sparguthaben passiv an, bevor man etwas unternimmt? Wie würde ein Eingreifen aussehen? Weder die Deutschen noch die Franzosen werden freiwillig ihre Gelder von einer „sicheren“ Bank holen, um sie amerikanischen Großanlegern zur Verfügung zu stellen.

Es sei denn, ich mutmaße, man erschüttert aktiv das Vertrauen in Banken und Bargeld.

Fink wird freundlich flankiert in der lockeren Geldaufteilungsrunde von Millionär Steven Mnuchin, Ex-Goldman-Sachs, derzeit im US-Staatsdienst als Finanzminister. Mnuchin wurde von dem CNBC-Moderator, der durch die Runde führte, mehrfach vorgeworfen mit dem schwachen Dollar einen Währungskrieg herbeizuführen. Mnuchin sagte dazu: „Wo der Dollar sich befindet, ist nicht mein Problem. Das ist Sache des freien Markets.“ Diesen Satz hat er mehrfach wiederholt, weil der Moderator mehrfach entsetzt nachgehakt hat. Zu Mnuchins Glück saß #ChristineLagarde neben ihm, an die er sich direkt wenden konnte, wie an eine Quelle der Reinheit: „Christine und ich teilen die Intention, dass wir mehr Handel wollen, nicht weniger.“

Christine Lagarde nickte, die Absolution war erteilt.

Überhaupt war Christine Lagarde großartig in ihrer Rolle als Chefin des Internationalen Währungsfonds #IWF. Niemand setzte den Ton für das 2018-Treffen in Davos professioneller als die elegante und eloquente Französin. Sie wiederholte in den vier Tagen ununterbrochen ein- und dieselbe Voraussage: „Wir erwarten 3,9 Prozent globales Wirtschaftswachstum für 2018/19.“ Das war’s. Sie und ihr IWF-Team präsentierten den Satz von Stunde Eins bis zum Schluß, überall und in sehr gutem Englisch. Für Jedermann verständlich untermalten sie die Gute-Laune-Zahl mit der Aussage, „dass allein 2017 insgesamt 120 Länder Wachstum verzeichnet haben.“

Alle redeten vom selben Papier: Der Schattenbanker, der Politiker, die Regulierungsbehörde.

Klaus Schwab, der Gründer und CEO des Forums, hätte sich keinen besseren Abgang nach dreißig Jahren wünschen können. Selbst heftige Kapitalismuskritik, die es natürlich auch gab, prallte bei dieser Happy-Go-Lucky-Stimmung ab. Denn umgehend warf ein Banker oder Denker ein, „dass doch die Weltwirtschaft gerade wachse, wie man von Frau Lagarde gehört habe, und wir auf einem guten Weg sind.“

Wir? Keine Gegenstimme; nirgends. Wer ist wir?

Wir sind alle auf einem guten Weg, sagen Banker, Finanzminister, und die Sonderorganisation der Vereinten Nationen. Während Fink an die Sparguthaben der deutschen Bürger will und Finanzminister Mnuchin Währungsspekulationen dem freien Markt überläßt, erklärt IWF-Chefin Lagarde, dass die nahe Zukunft gut aussieht, nur weil die Volkswirtschaften wachsen.

Niemand spricht mehr über oder für den Bürger 2018 – die Weltgemeinschaft ist degradiert auf Empfängerstatus. Wirtschaft ist alles, der Bürger nichts. McMoney hat übernommen. Und einen der ihren im Weißen Haus platziert.

Damit ist Geld endgültig am Ziel angekommen.

McMoney gibt offiziell den Ton an. Wo vorherige US-Regierungen sich noch bemühten, die Sprache der Gemeinschaft ihres Landes zu sprechen, ist 2018 das Jahr, in dem das alles nicht mehr nötig ist. Man sagt, was man denkt und macht dann, was man gesagt hat: Geld. Egal wie. Kapitalismus war gestern – Oligarchie ist heute.

Diese Stimmung war kein Zufall, sondern ein Produkt generalstabsmäßiger Vorbereitung.

Das #Weltwirtschaftsforum macht seinen Job außerordentlich gut. Allein mit der Person Trump, Brexit, Armut, Klimakatastrophen, Kriegsopfern und Flüchtlingen, Währungsproblemen, Iran, Nordkorea oder Protektionismus, und vielen globalen Problemen mehr, hätte die Stimmung kippen können. Tat sie nicht.

Höhepunkt? Operation Big Donald

Die Vorbreitungen zum Erscheinen von Donald Trump auf der weltgrößten Plattform des Kapitals war eine Lektion, eine Verkaufsstrategie, die, bei genauem hinsehen, einen Platz in den Harvard Business-Lehrbüchern verdient. Sie beginnt damit, dass Washington mit der größten Davos-Delegation in ihrer Geschichte antrat. In den Liveübetragungen von 160 Diskussionsrunden, der insgesamt 400, saß meist auch ein Trumpist. Es herrschte amerikanische Präsenz, überall. Mal hörte man Lloyd Blankfein, CEO von Goldman Sachs, „dass ihm an Trumps Politik mehr gefalle als mißfalle. Und dass ihm wirklich gefällt, was er für die Wirtschaft tut.“

In der Runde „The next financial crisis?“, sagte der Chef der amerikanischen Carlyle-Group, David M. Rubenstein: “...das nur geopolitische Gefahren ein Risiko für das Wirtschaftswachstum darstellen.” Er meinte Asien und Nahost, nicht die USA. Natürlich wisse er nicht, was Trump in seiner angekündigten Rede sagen werde, “aber ich bin überzeugt, dass die gut für die Wirtschaft sein wird.”

Tag Vier – das Warten hatte ein Ende – Operation Big Donald in action

Der letzte amerikanische Präsident, der in Davos auftrat, war Bill Clinton. Also war der Auftritt eines US-Präsidenten ohnehin schon ein Gewinn für das Weltwirtschaftsforum. Gleich nach der Ankunft Trumps gab es einen gemeinsamen Presseauftritt mit der britischen Premierministerin. Dabei hatte Trump soviele Huldigungen für London parat, dass er sich beim Sprechen ständig selbst einholte: „We will be always there for you. No matter what. You know that, don’t you?!“

Das war eine äußerst positive Ansage für die Briten, die am Währungsmarkt sofort eine ebenso positive Wirkung erzeugte. Das Pfund kletterte auf 1.15 Euro, dem höchsten Stand seit acht Monaten.

Frau Merkel, Herr Juncker, die so überzeugten Werteeuropäer – glänzten durch Abwesenheit. Merkel hatte nach ihrer Rede das Forum lange verlassen, Juncker war erst gar nicht gekommen. Man überließ den Amerikanern und Big Money vollständig die Bühne und sonnte sich anschliessend in der Kritik an ihnen. Nur Macron bekam ein bißchen ab – von der Sonne und der Kritik.

Alles was Trump leisten mußte, war das fehlerfreie Ablesen einer für ihn geschriebenen Rede am Teleprompter. Das hat er geschafft.

Als Bonus gab er sein „tremendous dinner“ am Vorabend mit fünfzehn europäischen Firmenvorständen, darunter fünf Deutschen – keine Asiaten, keine Afrikaner. „Ich habe jetzt fünfzehn neue Freunde“, rühmte sich Trump in seiner Rede am nächsten Tag. „Einer wollte zwei Milliarden Dollar bei uns investieren“, sagte er stolz. „Nach dem Dinner habe ich gedacht, das war die geringste Summe.“

Das internationale Kapital war mit seinem Sprecher zufrieden. Die Politik möglicherweise auch. McMoney übernimmt offiziell den Kapitalismus.

Zugang zur amerikanischen Regierung haben nicht mehr die Regierungschefs, sondern eine Handvoll CEO’s der jeweiligen Länder. Damit ist die Werteverschiebung perfekt.

Die Maßstäbe des Trumpismus wurden innerhalb nur eines Jahres normalisiert. Was bedeutet das? Erfolg wird ausschliesslich definiert über den Erfolg der Wirtschaft, über Börsenwerte, Aktienkurse, Minimalsteuern für Unternehmen, Wirtschaftssanktionen und militärische Übergriffe, Einfuhrzölle, Ausgliederung von Andersdenkenden, Aberkennung von Bürgerrechten.

Mit anderen Worten: Geld ist alles. Geld macht die Regeln und Gesetze und bricht sie nach Belieben.

Präsident Obama hat über sein Amt einmal gesagt: „Ein so großes Land zu lenken, ist wie einen Tanker über den Ozean zu führen. Wenn du den Kurs auch nur um 2 Prozent änderst, hast du in 10 Jahren ein anderes Land. 50 Prozent bringen das Schiff zum Kentern.“

Das neue Buch der Autorin, ein globaler Finanzthriller, erscheint im Winter 2018.