POLITIK
23/03/2018 07:51 CET | Aktualisiert 23/03/2018 11:22 CET

"Illner": Islamfunktionär verteidigt Erdogan – und wird zurechtgestutzt

“Sie verbreiten hier die Propaganda des türkischen Staates.”

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Musste sich von der CDU-Politikerin Serap Güler einiges anhören: Burhan Kesici. 
  • Bei “Maybrit Illner” geht es am Donnerstagabend um die Angriffe des türkischen Präsidenten Erdogans auf die Kurdengebiete in Syrien 
  • Der Vorsteher des Islamrats Burhan Kesici relativiert diese in der Sendung – und wird von CDU-Politikerin Serap Güler dafür heftig angegangen

Es hatte sich angedeutet.

Den ganzen Sendungsverlauf über war Burhan Kesici bei “Maybrit lllner” dadurch aufgefallen, dass er seine Rolle als Vertreter des deutschen Islams immer mehr gegen die des Erdogan-Verstehers tauschte. 

Zu Beginn der Sendung fordert der Generalsekretär des Islamrates für die Bundesrepublik angesprochen auf die vermehrten Anschläge auf türkische Glaubenseinrichtungen noch, keine “Ethnisierung des Terrors” vorzunehmen und pauschal die Kurden zu beschuldigen. 

Doch schon da legt sich Kesici generell darauf fest, dass die Anschläge nur von der terroristischen Kurdenorganisation PKK ausgeübt worden seien könnten. Die Möglichkeit, dass Rechts- oder Linksextreme dahinterstecken, zieht er nicht in Betracht. 

Als es dann wenig später um die Angriffe des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan auf die Kurdengebiete rund um das syrische Afrin ging, wird Kesici zum Apologeten der türkischen Angriffspolitik.

So lange, bis die CDU-Politikerin Serep Güler einschreitet und dem deutschen Islamfunktionär mit einer deutlichen Ansage bloßstellt. 

Die Gäste bei “Maybrit Illner”

► Grünen-Politiker Cem Özdemir verurteilt die Anschläge auf türkische Moscheen – und bemängelt die fehlende Empörung in Deutschland über Erdogans Angriff auf Afrin. 

► Der Terrorismusexperte Elmar Theveßen spricht über die “massive Unterstützung für die Politik Erdogans” in türkischen Moscheen, die jedoch klar nicht zur Gewalt gegen Kurden aufrufen würden. 

► Ali Ertan Toprak, der Chef der Kurdischen Gemeinde, legt sich die ganze Sendung lang mit Burhan Kesici an und beklagt “Kriegshetze und Kriegspropaganda” der türkischen Islamverbände in Deutschland. 

► Der Kriminalbeamte Sebastian Fiedler warnt: Eskaliert der Konflikt zwischen der Türkei und den Kurden im Nahen Osten, dann “knallt es auch auf unseren Straßen”. 

► Die Staatssekretärin für Integration in NRW, Serap Güler, will bei den Anschlägen auf türkische Moscheen “in alle Richtungen” ermitteln und ist für eine klare Trennung von Religion und Politik. 

► Islamfunktionär Burhan Kesici verurteilt die Vebrechen der PKK und relativiert in der Sendung die aggressive Kriegspolitik Erdogans. 

Kurden-Vertreter Toprak zu Kesicis Verteidigung von Erdogan: “Sie verbreiten Propaganda”

“Können Sie verstehen, dass in Deutschland lebende Kurden jetzt Angst vor dem langen Arm von Erdogan haben?”, hatte Moderatorin Maybrit Illner Kesici da gerade gefragt. 

Der Vorsitzende des Islamrats laviert um die Frage herum. “Wir haben auch viele kurdische Mitglieder in unseren Gemeinden”, sagt Kesici. “Das ist überhaupt kein Problem.” 

Was ein Problem sei: Der Nahe Osten sei überhaupt viel zu kriegerisch. Da drängen dann ja ständig auch falsche Informationen nach Deutschland. “Zum Beispiel, dass Christen und Jesiden in Afrin vertrieben werden”, sagt Kesici. Das sei ja nicht belegt. 

Illner weist Kesici auf die vielen kurdischen Zivilisten hin, die aus Afrin durch Erdogan vertrieben werden. Doch der streitet das einfach ab: “Die werden nicht vertrieben.” 

Dann wird es unglaublich: Kesici bezeichnet die Bewohner Afrins pauschal als Terroristen. 

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Dem Vorsteher der Kurdischen Gemeinde Ali Toprak platzt da der Kragen. “Da sind 200.000 Menschen vertrieben worden, heimatlos gemacht worden”, wütet er. “Sie verbreiten hier die Propaganda des türkischen Staates.” 

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Heftiges Streitgespräch zwischen Ali Toprak und Burhan Kesici. 

Es folgt ein Gesprächstumult zwischen Kesici und Toprak, die sich gegenseitig der Lüge bezichtigen. “Wenn Sie für den Frieden sind, dann müssen sie zu Erdogan sagen, hör auf mit deinem Krieg gegen die Menschen!”, ruft Toprak irgendwann. 

Kesici schüttelt all diese Vorwürfe mit dem Kopf weg. Doch dann kommt Serap Güler zu Wort. Die CDU-Politikerin ist die Staatssekretärin für Integration in NRW. Und richtet harte Worte an Kesici. 

Güler zu Kesici: “Das geht mir zu weit” 

“Das skurrile an dieser Diskussion ist”, beginnt Güler an Kesici gerichtet, “Herr Toprak spricht hier als Vertreter der Kurdischen Gemeinde – und sie sprechen hier eigentlich als Vertreter eines Moscheeverbandes – und verteidigen die türkische Politik.” 

Genau das sei das politische Problem mit den islamischen Verbänden in Deutschland, besonders mit dem türkischen Islamrat und dem Verband Ditib

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Der Islam gehöre zu Deutschland, sagt Güler, also seien die Moscheen im Land auch deutsche Moscheen.

“Wenn sie hier sind, um Angriffe auf Moscheen zu verurteilen, dann ist das völlig okay”, sagt Güler zu Kesici. “Aber wenn sie hier Erdogans Politik verteidigen, dann geht mir das in ihren Aufgaben als religiöser Verband eindeutig zu weit.” 

Sie wird deutlich: “Ihre Aufgabe muss es sein, sich um die Belange der Muslime in Deutschland zu kümmern – und nicht, Erdogans Propaganda zu rechtfertigen.” 

Bei Kesici kommt die Botschaft leider nicht an. Er behauptet, er verteidige nicht die Politik von Erdogan. Auf einmal will er auch zugeben, dass Christen und Jesiden in Afrin vertrieben werden – aber eben nicht von Erdogan. 

Kesici bleibt stur. Toprak lacht ungläubig. Und Güler schüttelt mit dem Kopf.