POLITIK
12/10/2018 06:45 CEST | Aktualisiert 12/10/2018 15:12 CEST

"Maybrit Illner": Historiker rechnet mit der EU ab

“Die Lösung müsste ein flexibles Europa sein.”

Professor Andreas Rödder (Historiker).

Maybrit Illner macht das ganz große Fass auf.

Am Donnerstag diskutierte die Moderatorin in ihrer ZDF-Talkshow mit ihren Gästen nicht etwa über die Bayern-Wahl oder die Dieselkrise in Deutschland, sondern über die “Methode Trump“ – und damit gleichermaßen über die Lage der USA wie über den Aufstieg isolationistischer und nationalistischer Tendenzen in Europa.

Es wurde eine erwartungsgemäß ziellose und nur in zwei Momenten wirklich spannende Debatte.

Zu Gast:

▶︎ Katarina Barley (Bundesjustizministerin, SPD)

▶︎ Karin Kneissl (Österreichs Außenministerin)

▶︎ Jeff Rathke (US-Politikwissenschaftler)

▶︎ Martin Richenhagen (Unternehmer)

▶︎ Professor Andreas Rödder (Historiker)

Mit Sorge betrachtete die deutsche Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) die internationalen Entwicklungen: “Populisten wie Trump sind schwer zu besiegen, weil sie die Basic Instincts ansprechen. Wut, Angst, Hass zum Teil, also Spaltung.“

Diese Gefühlen ließen sich leichter “antriggern“ als positive Gefühle. So weit, so bekannt.

Der US-Politologe Jeff Rathke erklärte: “Trump ist in verschiedenen Dingen sehr gut. Er ist ein Showman. Er verkauft das, was er tut, als Sieg.“ Auch das brachte wenig Erleuchtung.

Österreichische Ministerin gerät mit Unternehmer aneinander

Spannender war, zu sehen, wie die österreichische Außenministerin Karin Kneissl sich in vielen Fragen auf die Seite des US-Präsidenten schlug. Die parteilose von der FPÖ nominierte Ministerin kritisierte die Globalisierung: “Wir wissen, egal in welcher Branche sie heute tätig sind, es gibt immer jemanden irgendwo, der macht es billiger.“

Das Pendel des Zeitgeists schlage deshalb in Richtung “De-Globalisierung“. Die Menschen würden sich “Kleinräumigkeit“ zurücksehen. Von Illner auf den “Virus des Nationalismus“ angesprochen, erklärte Kneissl, sie würde “nicht von einem Krankheitsbild sprechen“ wollen.

Unternehmer Martin Richenhagen, selbst ein glühender Verfechter der Globalisierung, widersprach ihr nun und brachte zumindest einmal Spannung in die Diskussion.

Ich finde schon, dass das ein Krankheitsbild ist. Ich bin groß geworden in einer Welt, in der wir an die deutsch-französische Freundschaft geglaubt haben.” 

Die Menschen seien gereist. “Ich war froh, dass es keine Pässe mehr gab.” Donnernder Applaus vom Publikum, SPD-Politikerin Barley lächelte erfreut.

Kneissl dagegen verstieg sich mit einem historischen Rechtfertigungsversuch. Europa sei durch Verfassungen der Nationalstaaten entstanden.

Historiker übt harte EU-Kritik

▶︎ Darf es sich deshalb nicht öffnen?

Die spannendste Antwort darauf gab nicht Kneissl, sondern der Historiker Andreas Rödder. Er erklärte zunächst die großen Errungenschaften der EU in den vergangenen 20 Jahren: Die Stabilisierung von Ost- und Mitteleuropa, der Binnenmarkt und die Grundfreiheiten. 

Aber: Auf der anderen Seite sei die Währungsunion auf einer wackeligen Grundlage gebaut, die Migrationspolitik Europas funktioniere schlicht nicht.

“Die Schlussfolgerung daraus ist gerade nicht: Eine engere Union und immer mehr Europa“, so seine überraschend harte EU-Kritik. “Die Lösung müsste ein flexibles Europa sein.”

Man müsse erkennen, wo es tatsächlich Vertiefung und mehr Europa brauche und wo es im Zweifelsfall einen Rückbau brauche.

Deutschland muss aufpassen

Auch Deutschland habe schwere Fehler gemacht.

Ein Beispiel zeige das besonders.

In der Euro-Krise gebe es zwei verschiedene Narrative.

Die eine: Griechenland und Italien hätten durch eigene Fehler große Schulden angehäuft und Deutschland hätte geholfen. Sie seien also die “guten Europäer”.

Auf der anderen Seite stehe das Narrativ: Deutschland habe viel zu spät reagiert, den IWF eingeschaltet und den Ländern “ihre Stabilitätspolitik” aufgedrückt.

Beide Geschichten seien “in sich schlüssig”. Deshalb dürfe man nicht immer, “die eigene Sicht absolutisieren”. Es bedürfe in Europa Empathie zwischen den Staaten für die gegenseitigen Interessen. 

Sein hartes Urteil: “Die Deutschen müssen immer aufpassen, dass sie nicht meinen, dass die Welt am deutschen Wesen genesen soll.“

(ben)