POLITIK
06/04/2018 06:10 CEST | Aktualisiert 06/04/2018 14:36 CEST

"Maybrit Illner": Alle prügeln auf Muslime ein – dann spricht Giffey Machtwort

"Das kann man so nicht machen."

  • Bei “Maybrit Illner” diskutiert die Runde über Antisemitismus an deutschen Schulen
  • Von Anfang an stehen Muslime am Pranger – Familienministerin Giffey bemüht sich um Differenzierung
  • Im Video oben seht ihr, wie Giffey in der Sendung versuchte, einzuschreiten

Dieser Tage muss in deutschen Talkshows nicht einmal mehr Islam dranstehen, damit Islam drin ist. Am Donnerstagabend wollte ZDF-Moderatorin Maybrit Illner eigentlich über Gewalt an deutschen Schulen diskutieren. Bereits ein Blick auf die Gästeliste zeigte jedoch, worum es eigentlich gehen würde.

Mit Ahmad Mansour und CSU-Mann Joachim Herrmann hatte die Redaktion zwei ausgewiesene Islam-Kritiker geladen, dazu Billy Rückert, die Mutter eines von Moslems gemobbten Kindes an einer Berliner Schule.

Die Millionen friedlichen Muslime bekamen dagegen bei Illner kaum eine Stimme – und mussten am Ende von der energisch auftretenden Familienministerin Franziska Giffey in Schutz genommen werden.

Die Gäste bei Illner:

► Joachim Herrmann (CSU), Innenminister Bayerns
► Franziska Giffey (SPD), Bundesfamilienministerin
► Ahmed Mansour, Autor, Psychologe, Islamkritiker
► Yigit Muk, Student, früher Mitglied einer Straßengang
► Billy Rückert, Mutter eines Mobbingopfers
► Ingrid Freimuth, Bildungsexpertin und ehemalige Lehrerin

Dass Illner mit ihrer Sendung ein wichtiges Thema ansprechen wollte, wurde dabei spätestens klar, als Mutter Rückert über den schockierenden Fall ihres 15-jährgen Sohnes berichtete. Sie seien Juden – ihr Sohn sei an der Berliner Oberschule völlig auf sich gestellt. Hilfe bekomme er trotz fortwährendem Mobbings durch arabische Mitschüler keine.

“Jetzt geht mein Sohn hin, aber nicht mehr hinein”, sagte Rückert. Schon am Eingang der Schule werde er von seinen Peinigern abgefangen. Das gehe so weit, dass ihr Sohn lieber nach Israel wolle, als in Deutschland zu bleiben. Ein unzumutbarer Zustand – da waren sich auch die ZDF-Gäste einig.

Herrmann hat Angst um christliche Mädchen

Die Flughöhe der Diskussion war damit bereits von Beginn an brisant hoch. Und Illner versäumte es, mit dem gebotenen Fingerspitzengefühl vorzugehen. Stattdessen wurde die Sendung phasenweise die befürchtete Hetzjagd auf Deutschlands muslimischen Bevölkerungsanteil.

CSU-Mann Herrmann war von Beginn an bemüht, den populistischen Pathos aufzudrehen. “Es muss doch möglich sein, dass Mädchen in der Schule ein Kreuz tragen können, ohne gemobbt zu werden“, erklärte er – und machte damit einen Punkt, den ohnehin niemand in Abrede stellen würde.

Bayerns Innenminister ließ es aber geschickt so scheinen, als sei der Glaubenskampf längst ein allgegenwärtiges Phänomen, die Religionsfreiheit der Christen ein tatsächlich gefährdeter Wert.

► Als seien die zahlreichen Kirchenaustritte eine Folge vermeintlicher muslimischer Unterdrückung.

Ingrid Freimuth, Autorin und Schul-Expertin, schlug in dieselbe Kerbe. “Wir schaffen Verhältnisse, in denen die Zuwanderer gar nicht mehr merken, dass sie in Deutschland sind“, will sie beobachtet haben. Die Bildungsexpertin, deren eigener Schulabschluss wohl rund 50 Jahre zurückliegt, sprach schnell davon, Gesetze zu ändern.

Welche, das konnte sie auf Nachfrage von Moderatorin Illner nicht genau erklären. “Wir haben überhaupt keine Sanktionen”, behauptete sie, ohne dafür stichhaltige Belege zu liefern. Ihr Punkt: Lehrer seien machtlos, “da reichen Gespräche auch nicht mehr”.

Was für ein Schulmodell Freimuth eigentlich vorschwebt, konnte sie jedoch nicht artikulieren.

Giffey führte die Debatte endlich auf ein anderes Niveau

CSU-Mann Herrmann schlug vor, Gewalt von Muslimen dadurch zu bekämpfen, “dass wir klarmachen, dass wir ein christlich geprägtes Land sind”. Er will die Folge von schlechter Integration mit Desintegration bekämpfen

Islam-Experte Mansour brachte die Debatte da zumindest auf ein konkretes Level: Wenn schon Kinder auf Berliner Straßen von ihren Eltern gedrängt würden, “Kindermörder Israel” zu skandieren, müsse das Jugendamt eingeschaltet werden. Ein streitbarer aber nachvollziehbarer Punkt.

Franziska Giffey, Familienministerin und als ehemalige Bürgermeisterin von Neukölln durchaus mit den angesprochenen Problemen vertraut, war es schließlich, die Maß und Mitte fand.

“Ich würde gerne mal wollen, dass hier differenziert wird. Wir haben hier eine Debatte ‘Muslime und die anderen’, das kann man so nicht machen”, forderte die SPD-Frau.

Es gebe sehr viele Muslime, die auch für eine freie Gesellschaft eintreten würden.“Und die darunter sehr leiden, dass solche Debatten so pauschal geführt werden.” Mansour fühlte sich direkt angegriffen: “Wir machen wieder den Täter zum Opfer.” 

Giffey konnte hier aus ihren eigenen Erfahrungen berichten. Auch sie wisse, dass es Dinge gebe, “die ganz klar nicht zu tolerieren sind” – aber man müsse auch die schützen, die als Muslime für ein freies Land kämpfen würden. Unter den fast 5 Millionen Moslems in Deutschland stellt genau diese Gruppe wohl die größte dar.

► Giffey befand: “Wir müssen eine Politik schaffen, die Menschen zusammenbringt.”

Dass das an Schulen bereits teilweise gelinge, zeige eine aktuelle Zahl. Früher hätten 40 Prozent der muslimischen Mädchen nicht am Schwimmunterricht teilgenommen, heute seien es nur noch 24 Prozent. “Aber nur weil Schulen das nicht registrieren”, warf Mansour da ein.

Yigit Muk: “Dialog ist die einzige Möglichkeit”

Der junge Aufsteiger Yigit Muk, früher Gang-Mitglied, heute Student, schaffte es, zumindest einige der theoretisch vorgetragenen Islam-Warnungen zu relativieren.

ZDF

Er habe in seiner Jugend zum Beispiel Homosexuelle diskriminiert, berichtete Muk. “Das hat aber nichts mit meiner Religion zu tun, das ist Alphatier-Getue, das war, weil ich einen Platz in meiner Klassengemeinschaft wollte.”

Ein guter Freund von ihm sei Vorsitzende der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, “auch Muslim, nebenbei erwähnt”. Er habe die Erfahrung gemacht, dass es auch beim Antisemitismus in Klassenzimmern oft um stumpfes Nachplappern gehe.

Mehr zum Thema – Muslimischer Lehrer in Kreuzberg: “Mit diesem einfachen Mittel kann jeder Judenhass bekämpfen”

► “Wir müssen präventiv handeln, da sehe ich nur den Ansatz des Dialogs. Da bietet Berlin riesiges Potenzial”, berichtete Muk.

Dirigent Daniel Barenboim habe etwa ein Orchester auf die Beine gestellt, aus Israelis und Palästinensern. Da werde auch mal heiß diskutiert. “Aber wenn Barenboim ein A-Moll fordert, dann ist das A-Moll eines Palästinensers genauso viel Wert wie das des Israelis”, sagte Muk unter Beifall.

Der wohl inspirierendste Moment einer uninspirierten Sendung, die vor allem zeigte: Der Islam gehört längst zu Deutschland. Wenn auch für manche nur als ewiges Pauschal-Feindbild.

(jg)