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09/11/2018 11:45 CET | Aktualisiert 09/11/2018 14:02 CET

DDR-Laborantin zum 9. November: "So hatte ich mir mein Berufsleben nicht vorgestellt"

In der HuffPost äußern sich ehemalige DDR-Bürger zum Jahrestag des Mauerfalls dazu, wie sich ihre Heimat seither verändert hat.

HuffPost / Marco Fieber

Am Abend des 9. November 1989 habe ich überhaupt nicht realisiert, was da noch in der Nacht über uns hereinbrechen wird. Am nächsten Tag war das halbe Labor leer, alle waren sofort in den Westen gefahren, nach West-Berlin, eine Kollegin sogar bis nach München.

Es war unglaublich, wie schnell letztendlich alles ging. Es war eine spannende und hoffnungsfrohe Zeit, zugleich hat es überall gebrodelt. In den Wochen und Monaten nach dem Mauerfall waren wir in der Filmfabrik Wolfen voller Zuversicht. Damals arbeiteten dort 16.000 Menschen, vor dem Verwaltungsgebäude haben Tausende gerufen: “Wann kommt Agfa?”

Jeder dachte, unser Betrieb und alle Mitarbeiter werden von dem westdeutschen Chemieriesen übernommen und alles geht weiter wie bisher. Doch statt Agfa kamen zuerst die Unternehmensberater und dann die Treuhand. Schnell sickerte durch: Alles kommt weg, das komplette Werk wird dichtgemacht.

Eigentlich war das abzusehen. Mir war schon zu DDR-Zeiten bewusst: Die Arbeiten, die wir gemacht haben, hat im Westen kein Mensch gemacht. Ich sah bei einem Westbesuch die Agfa-Fabrik in Leverkusen. Nach meiner Rückkehr sagte ich zu meinem Chef: “Was wir hier an einem Tag machen, machen die da drüben in der Mittagspause.”

BARBARA SAX via Getty Images
Das ehemalige Verwaltungs- und Forschungsgebäude für der Filmfabrik Wolfen ist seit Anfang 2010 das Rathaus der Stadt Bitterfeld-Wolfen.

Von ABM-Maßnahme zu ABM-Maßnahme

Für mich war 1994 Schluss. Nach und nach wurden wir alle entlassen, die älteren sind in den Vorruhestand gegangen, die jüngeren wurden aufgefangen und in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) gesteckt. Von einer ABM-Stelle zur nächsten wurden wir hin und hergeschoben.

Ein Vierteljahr hier, dann zum Arbeitsamt, um danach wieder ein paar Monate woanders zu arbeiten. Ich war am Boden, ich habe mich in gewisser Weise geschämt: So hatte ich mir das Ende meines Berufslebens nicht vorgestellt.

Aus heutiger Sicht ist mir klar: Vieles war vollkommen überstürzt, das neue System wurde uns übergestülpt und wir mussten damit fertig werden. Alles war vollkommen neu: Keiner von uns wusste wie Finanzämter oder Krankenkassen funktionieren, niemand hat es uns erklärt.

Mehr zum Thema: Es kriselt zwischen West- und Osteuropa – gerade weil die EU-Integration funktioniert, erklärt Ivan Krastev

Viele Menschen sind nach der Wende nicht auf die Füße gekommen, aber das Sozialsystem hat sie alle aufgefangen. Auch mein Mann und ich hatten letztendlich Glück: Wir sind beide erkrankt und so erwerbsunfähig geworden – das hat uns Jahre auf dem Arbeitsamt erspart.

Heute kann ich sagen: Uns ging es noch nie so gut. Wir können uns Wünsche erfüllen, die zu DDR-Zeiten undenkbar gewesen wären.

Und zumindest das junge Deutschland ist zusammengewachsen. Die, die nicht mehr erlebt haben, wie es war, sind im Denken ganz anders – das ist gut!

“Es hätte nicht alles zerschlagen werden müssen”

Doch es gibt auch Dinge, die der Westen vom Osten hätte übernehmen können: die Altstoffsammlung, Kindergärten, Polikliniken oder das Schulsystem.

Ich hätte mir auch gewünscht, dass die Entscheider in der Wirtschaft und Politik dieses und jenes besser überdacht hätten. Es wurde viel kaputt gemacht, aber es hätte nicht alles zerschlagen werden müssen.

Dennoch: In den vergangenen drei Jahrzehnten ist unheimlich viel erreicht und geschafft worden. Wir müssen uns nur immer wieder vor Augen führen, wie es in der DDR ausgesehen hat – und wie es ohne den Mauerfall wohl noch immer aussehen würde.

“Wir sind das Volk”: HuffPost-Aktion zum 9. November

 

Zum Jahrestag des Mauerfalls spricht die HuffPost mit Zeitzeugen, die die friedliche Revolution in der DDR miterlebt haben. Sie blicken zurück auf die Wendezeit und wie sich Ostdeutschland seitdem entwickelt hat. Unter diesem Link findet ihr den Überblick mit allen Zeitzeugen. Das sind die einzelnen Beiträge:

 

Der Text wurde von Marco Fieber protokolliert. 

(ben)