POLITIK
19/03/2018 22:52 CET | Aktualisiert 21/03/2018 18:06 CET

Anti-Merkel-Demo in Hamburg: Der irre Auftritt des Ex-"Spiegel"-Autors Matussek

Früher schrieb er Bestseller, jetzt ruft er "Lügenpresse".

  • Der frühere “Spiegel”- und “Welt”-Autor Matthias Matussek ist in Hamburg auf einer “Merkel muss weg”-Demonstration aufgetreten
  • Auf zwei Bierkästen redete er sich einen Rausch, den man selbst von ihm nicht gewohnt ist
  • Im Video oben seht ihr einen Ausschnitt des irren Auftritt Matusekks 

Er wollte vor dem Volk reden – und da steht er nun, am Hamburger Dammtor auf zwei Bierkästen vor etwa 200 Zuhörern. Es sind meist ältere, weiße Männer, die “Merkel muss weg” im Chor brüllen. Und Matthias Matussek brüllt mit. 

Der frühere “Spiegel”- und “Welt”-Autor ist jetzt einer von ihnen.

Punkt 19.00 Uhr tritt er vor die Menge, eingemummelt in einen dicken, schneidigen, schwarzen Mantel. Der soll helfen, den Minusgraden zu trotzen.

Jürgen Klöckner / HuffPost

Er ist der bislang berühmteste Redner des Protests, der nach dem Schlachtruf der ärgsten Kanzler-Gegner benannt ist und nun schon seit dem 5. Februar jeden Montag in Hamburg aufbrandet. 

“Widerstand” und “Lügenpresse”

Rechtsextremisten haben die Demo mitorganisiert. So zumindest vermuten es der Verfassungsschutz und Beobachter.

Unter den Zuhörern standen schon Reichsbürger, der frühere Hamburger NPD-Chef Torben Klebe und Mitglieder der mittlerweile verbotenen und militanten rechtsextremen “Blood & Honour”-Gruppierung. 

Matussek aber lässt sich davon nicht beirren. Er redet sich auf seinen Bierkästen in einen Rausch, wie man ihn selbst von ihm nicht gewohnt ist. 

Er rief “Widerstand” und “Lügenpresse”. Und er entgegnete den Gegendemonstranten einige hundert Meter weiter, dass sie in anderen Ländern “schon längst einen Kopf kürzer” wären.

Zur Erinnerung: In den 1960ern lebte der Mann in einer Kommune, las Marx und spielte vor einigen Jahren noch für “Spiegel Online” mit einer Goethe-Handpuppe, um einem großen Publikum mit feingeistigem Humor das Zeitgeschehen zu erklären.

Drift von ganz links nach ganz rechts

“Früher Marxist, jetzt Sympathisant der Identitären”, so umschrieb er selbst in einem Gastbeitrag für die “Zeit” seinen ideologischen Drift von ganz links nach ganz rechts.

Mehr als ein Vierteljahrhundert arbeitete er beim “Spiegel”. Er schrieb mehrere Bestseller, wurde als begnadeter Autor gefeiert und wechselte daraufhin zur “Welt”. Nicht lange dauerte es, bis er das Haus wieder verließ. Der Auslöser war ein umstrittener Facebook-Beitrag zu den Terroranschlägen in Paris.

“Ich schätze mal, der Terror von Paris wird auch unsere Debatten über offene Grenzen und eine Viertelmillion unregistrierter junger islamischer Männer im Lande in eine ganz neue frische Richtung bewegen”, schrieb Matussek im Jahr 2015, dahinter ein lachender Smiley.

“Außenseiter, mein Leben lang”

Inhaltlich lag er damit gar nicht so falsch, der lachende Smiley allerdings wurde als zynisch und menschenverachtend empfunden. Matussek tauschte ihn gegen einen traurigen Smiley aus. Es half aber nichts. 

“Außenseiter, mein Leben lang”, so beschreibt er sich selbst in seinem neusten Buch “White Rabbit”. Und das war er auch nach seinem Aus bei der “Welt”: Ganz weit draußen.

Seither sucht er sich ein neues Publikum, eine neue Heimat – als ideologischer Fürkämpfer der Neuen Rechten.

Die vom Verfassungsschutz beobachtete rechtsextreme Identitäre Bewegung findet er “nicht rechtsextrem, im Gegenteil”. Erst vergangene Woche unterzeichnete er eine solidarische Erklärung mit Anti-Flüchtlings-Protesten – gemeinsam mit dem Publizisten Henryk M. Broder und Thilo Sarrazin.

In Hamburg setzte er noch einen drauf

“Mit wachsendem Befremden beobachten wir, wie Deutschland durch die illegale Masseneinwanderung beschädigt wird”, steht darin.

Und in Hamburg setzte er noch einen drauf: 

“Ich glaube, der Verfassungsschutz ist derzeit ohne alle Orientierung”, erklärte er vor seinem Auftritt in ein ARD-Mikrofon. So klingen sonst vor allem Verschwörungstheoretiker. Aber Matussek will damit die Demonstranten in Schutz nehmen, vor denen er gleich auftritt. “Der Verfassungsschutz gibt sich alle Mühe, in die falsche Richtung zu schauen.” 

Auf der behelfsmäßigen Bühne auf dem Vorplatz des Dammtor-Bahnhofs wird er dann von ”über zwei Millionen junger muslimische Bodybuilder”, sprechen, die “das Land fluten” und “sich an den Tafeln im Nahkampf gegen die Rentnerinnen und Bedürftigen und armen Deutschen bestens bewähren”.

So im Rausch ist der frühere Journalist, dass er fast von seinen Kästen fällt.

Später singt er ein Hohelied auf die christliche Kultur, um darauf zu sagen:

► “Von einer muslimischen Erfindergeneration habe ich noch nie gehört. Was die erfunden haben, haben sie gefunden: Öl. Und davon kaufen sie sich zusammen, was sie brauchen, Waffen, Regierungen, Kunst, Technologie.”

Matussek müsste es besser wissen

Matussek müsste es eigentlich besser wissen. Etwa, dass arabische Wissenschaftler die Grundlage für unsere moderne Mathematik mit ihrer Forschung legten.

Er müsste auch wissen, dass die muslimische Kultur nicht “finster und fremd” ist, wie er sagt, sondern schon seit Jahrhunderten mit der christlichen verwoben ist.

Matussek müsste vieles besser wissen, aber all das würde ja nicht zünden vor seinem Volk, vor dem er jetzt steht. Ein Grüppchen, das am lautesten auf platte Parolen reagiert und ihm dafür den Applaus schenkt, den er noch aus seinen besten Tagen kennt. 

(mf/ben)