POLITIK
28/06/2018 17:39 CEST | Aktualisiert 14/12/2018 12:05 CET

Vom Linken zum Posterboy der AfD: Wir haben Matthias Matussek einen Tag begleitet

Matussek war einer der renommiertesten deutschen Journalisten – heute hält er Wutreden von Bierkisten.

Im Video oben: Der Auftritt des Ex-“Spiegel”-Autors Matussek bei der Anti-Merkel-Demo in Hamburg.

Matthias Matussek betritt die Bühne und macht als erstes – ein Selfie. Blick über die Brillengläser, gehobene Augenbrauen, leicht nach unten gezogene Mundwinkel. Das ist sein Selfie-Gesicht.  

Etwas Anzügliches liegt in seinem Blick, etwas Spöttisches in den Mundwinkeln. Seine Selfies sehen immer gleich aus, nur der Hintergrund ändert sich. Heute ist es der bis auf den letzten Platz besetzte Festsaal des Hamburger Rathauses.

Von der goldenen Stuckdecke hängen riesige Kronleuchter. Auf den Wandgemälden stechen Segelschiffe in See. Matussek erinnert an einen stolzen Kapitän. Er stellt sich an ein Stehpult mit dem goldenen Hamburger Löwen-Wappen und beginnt, zur Menge zu sprechen.

“Auf der Merkel-muss-weg-Demo stand er auf Bierkisten. Daher kenne ich ihn”, hat mir eine 16-Jährige noch vor der Veranstaltung erzählt. “Was er gesagt hat, fand ich echt soo cool.”

Sie spricht über den 64-jährigen Matussek mit einer Begeisterung wie 14-Jährige meiner Generation über Tom Kaulitz von Tokio Hotel. Das Durchschnittsalter hier liegt aber nicht bei 16, sondern eher bei 66.

Vom Kulturchef des “Spiegel” zur Gallionsfigur der AfD 

Matusseks Auftritt auf der “Merkel-muss-weg”-Demo im März dieses Jahres, den die 16-Jährige “cool” fand, war das wohl deutlichste Beispiel dafür, wie weit nach rechts der ehemals linke Kulturchef des “Spiegel” und ehemals gefeierte Journalist, gerückt ist.

Matthias Matussek gilt als genialer Reporter. Er berichtete über den Zusammenbruch der DDR, schrieb mehrere Bestseller, leitete die “Spiegel”-Büros in New York, Rio de Janeiro und London.

Heute ist er nicht mehr in Journalistenkreisen ein Star, sondern bei AfD-Anhängern. Eine Art Heilsbringer und Geläuterter, zu dem die 400 AfD-nahen Besucher hier im Saal in Hamburg pilgern.

Matussek hat damit eine Wandlung vollzogen, wie sie derzeit viele im deutschen Bildungsbürgertum durchmachen: aus dem politisch linken Spektrum ins sehr weit rechte. Er ist ein Beispiel für den Rechtsruck, der sich in Teilen der Eliten des Landes vollzieht.

Mehr zum Thema: Wohlhabend, gebildet und trotzdem AfD – Deutschlands Elite rückt nach rechts 

Aber wie wurde Matussek von einem der wichtigsten Köpfe eines linksliberalen Magazins zu einer Gallionsfigur der neuen Rechten?

Ich möchte versuchen, es herauszufinden. Er hat zugestimmt, dass ich ihn am Tag nach der AfD-Veranstaltung zu einem weiteren Auftritt nach Kiel begleite.

An dem Abend im Hamburger Festsaal hallen seine Sätze wider wie in einer Kirche. Passend dazu hat er beim Vortragen den Singsang eines Pastors in der Stimme.

Flüchtlinge bezeichnet Matussek als “Bodybuilder”  

Die Deutschen seien verrückt geworden, ruft er. Mit gesundem Menschenverstand sei ihr Verhalten nicht mehr zu erklären. Matussek spielt auf die Flüchtlingspolitik Angela Merkels an. Das derzeitige System erinnere ihn an die späte DDR. Die AfD bezeichnet er als “erfrischenden Glücksfall”.

Immer wieder lacht das Publikum, klatscht und johlt manchmal sogar. Matussek weiß genau, wie er die Menge aufpeitscht. Flüchtlinge beschreibt er als “Bodybuilder”, die “uns” alles wegnehmen würden, die Grünen-Politikerin Claudia Roth als “die mondförmige Frau mit der Warze”.

Amelie Graen
Wie ein stolzer Kapitän: Matthias Matussek spricht zu seinen 400 Gästen im Hamburger Festsaal.

Sich selbst stellt er als Opfer dar. Kaum ein Verlag habe sein neues Buch veröffentlichen wollen. Die Journalisten würden es totschweigen. Denn wenn jemand, so wie er, andere Positionen als “den links-grünen Mainstream” vertrete, sei das nicht gewünscht. Matussek redet sich auf der Bühne in Rage.

Erst am Ende der Veranstaltung wirkt er ruhig, strahlt. So als hätte er gerade einen Marathon hinter sich gebracht. Die Glückshormone beginnen zu wirken.

Die Gäste stehen Schlange, um sein Buch von ihm signieren zu lassen.

Als würde Darth Vader atmen 

“Das Schönste an diesen Veranstaltungen ist, wenn im Anschluss die Menschen zu mir kommen”, sagt er, als wir am nächsten Tag gemeinsam im Zug Richtung Kiel sitzen.

Matussek wirkt nervös, hat erst seine Kreditkarte, dann einen Gutschein der Deutschen Bahn im Automaten liegenlassen. Im Zug müssen wir uns umsetzen, weil ihm vom Rückwärtsfahren schlecht wird.

Schweißperlen stehen auf seiner Stirn. Ich vermute, dass er in Gedanken möglicherweise schon bei seinem Auftritt am Abend und deshalb aufgeregt ist.

“Ich bin schon öfter aufgetreten. Ich bin nicht aufgeregt”, sagt Matussek. 

Er nimmt einen tiefen Zug von seinem “Schmaucher”, wie er seine E-Zigarette nennt. Wenn Matussek raucht, klingt es, als würde Darth Vader atmen.

“Üben Sie Ihre Auftritte vor dem Spiegel?”, frage ich.  

Matussek lacht leicht abfällig. “Ich brauche nicht üben. Ich weiß, was ich sage.”

Der Erfolg sei ihm zu Kopf gestiegen, gibt er zu 

Er ist überzeugt von sich. Und er gibt zu: Der Erfolg sei ihm zu Kopf gestiegen. Zumindest damals, beim einflussreichsten und größten Nachrichtenmagazin Deutschlands.

“Es ist schwer, dass Erfolg nicht zu Kopf steigt”, sagt er. “Vor allem als Feuilleton-Chef beim Spiegel. Da wird man hofiert, von Intendanten eingeladen. Ich habe mich aber immer mehr über realen Erfolg gefreut. Wenn jemand meine Texte gelobt hat, war mir das viel mehr wert und erschien mir viel realer als eine gehobene Position.”

Matussek weiß, dass er gut schreiben kann. Als ich vorsichtig sage, dass einige ihm vorwerfen, verrückt geworden zu sein, verzieht er den Mund. 

“Es halten mich nicht viele meiner Kollegen für verrückt”, sagt er. ”Ich weiß immer ganz genau, was ich tue. Ich bin nicht verrückt.”

“Quertreiber” ist das Wort, das Matussek benutzt. So hat ihn der Mediendienst “Meedia” einmal genannt. 

“Es ist ja nicht so, dass ich der Einzige bin”, fährt er fort. “Rüdiger Safranski, Cora Stephan, Henryk Broder, Iman Karim. Lauter kluge Köpfe denken auch so wie ich. Klonovsky schätze ich auch sehr. Ein guter Typ, lustig und intelligent.”

Michael Klonovsky ist der persönliche Referent des AfD-Fraktionsvorsitzenden Alexander Gauland.

“Arroganz und Paranoia, Vernichtungslust und Nervosität”  

Sein größtes Vorbild als Autor sei Heinrich Heine, erzählt er.

Ein Text, den Matussek 2006 im “Spiegel” über Heine veröffentlicht hat, erscheint mir rückblickend fast so, als hätte Matussek einen Text über sich selbst verfasst.

“Harry Heine war oben angekommen, ganz oben auf dem Wellenkamm der öffentlichen Erregung”, schreibt Matussek. Worte, die auch auf die Debatte um ihn und sein Engagement für die AfD passen würden.

Und weiter:

“Da hatte er genau jene Betriebstemperatur aus Arroganz und Paranoia, aus Vernichtungslust und Nervosität, die einen großen Journalisten auszeichnet. Und er vergaß nicht den Tritt unter die Gürtellinie. Er unterhielt. Seine Waffe ist das Wort. Darin ist er tödlich.”

Zu Lebzeiten galt Heine als Außenseiter. Genauso wie Matussek sich selbst gerne präsentiert.

“Das Leben ist spannender, wenn man aus der Reihe tanzt. Ich langweile mich schnell”, erzählt er, während wir an grünen Wiesen vorbeirauschen. Stolz schwingt in seiner Stimme mit. “Ich wollte immer aus der Reihe fallen, schon als kleiner Junge.”

Vom Jesuiten-Internat in eine linke WG 

Matussek wuchs mit vier Brüdern in einem strengen Jesuiten-Internat auf. “Ab und zu haben wir im Internat auch mal eine geballert bekommen.”

Er habe es geliebt, “im großen Rudel” zu sein und “in 40-Mann-Schlafsälen zu liegen”.

Nach dem Internat zog Matussek in eine WG in Stuttgart, “eine wilde, linke WG mit schwulen Mitbewohnern”, wie er sie beschreibt. Genau das Gegenteil des erzkonservativen Jesuiten-Internats.

Dann kam der “goldene Sommer der Liebe”, mit seiner ersten Freundin, “einer rothaarigen Hippie-Prinzessin”.

“Das war Rock’n’Roll. Die war so süß. Am Wochenende sind wir gar nicht mehr aus dem Bett gekommen. Ich habe immer gesagt: Nur ein befriedigter Genosse ist ein guter Genosse.”

Seine Hippie-Prinzessin habe ihm damals sogar eine 50-seitige Hausarbeit über Karl Kraus abgetippt. Auf die Frage, warum er sie nicht selbst getippt habe, sagt er: “Sie hat mich geliebt.” 

Linkssein wurde für Matussek “gewalttätig, dumm, plump” 

Doch es kam der Zeitpunkt, an dem Matussek nicht nur genug von Hippies, sondern genug vom Linkssein im Allgemeinen hatte.

“Früher, da hieß das linke Denken: Sartre lesen und Marx, die Aufklärung. Das war ein funkelndes Denken. Ich fand das äußerst spannend. Doch mit der Zeit ist das Linkssein gewalttätig, dumm und plump geworden. In meine Uni, die FU Berlin, sind Jungs in mein Kafka-Seminar gekommen mit Flugblättern für den Befreiungskampf in Mosambik mit lauter Schreibfehlern. Das fand ich geistfeindlich und eklig.”

Der Summer of Love, in dem man “an jeder Ecke mit jemandem nach Hause gehen konnte”, endete für Matussek in einer Enttäuschung. “Plötzlich haben die Frauen wadenlange Röcke getragen, fürchterlich”, erzählt er. “Und die Männer hatten alle schuppige Haare.”

Matussek: “Rechts zu sein war uncool”  

Mit 24, 1978, begann er, in Berlin als Journalist zu arbeiten. Den Glauben an die linke Utopie hat er schon damals verloren. “Aber rechts zu sein war natürlich uncool”, sagt Matussek. “Deshalb waren alle jungen Leute links.”

Nach dem Mauerfall 1989 hat er, wie er sagt, den vollständigen Zusammenbruch der linken Theorie am eigenen Leib erlebt. Matussek fuhr damals durch Ostdeutschland, unterhielt sich mit den Opfern der DDR-Diktatur und schrieb lange Reportagen.

Damals sei ihm bewusst geworden, wie wichtig ihm konservative Werte seien, erzählt er heute. Beispielsweise die Familie. Sein Buch, “Die vaterlose Gesellschaft”, bezeichnet er als “wütende Polemik gegen die Frauenallmacht in Behörden, Gerichten, Ämtern, und in der Berater- und Scheidungsindustrie”. Die feministische Frauenzeitschrift “Emma” verlieh ihm dafür die Bezeichnung “Pascha des Monats”.

Schnell gelangweilt, leicht reizbar

Wenn ihn Interview-Fragen langweilen, ist es Matussek anzusehen und anzuhören. Er rückt dann tiefer in seinen Sitz, sinkt in sich zusammen und spricht so träge, als würde er gleich einschlafen.

Dennoch wundere ich mich, wie leicht reizbar er ist. Wenn ich einen sensiblen Punkt bei ihm treffe, sitzt er in Sekundenschnelle aufrecht, zieht die Stirn in wütende Falten und erhebt seine Stimme.

Zum Beispiel bei der Frage, wie sein Ende beim “Spiegel” ablief. Medien berichteten damals, Matussek sei zum Rücktritt aufgefordert worden.

ullstein bild via Getty Images
Matthias Matussek im Jahr 1998: Damals schrieb er noch für den "Spiegel". 

“Den Spiegel habe ich freiwillig verlassen”, sagt er. “Dabei hatte ich noch so viel vor...” Mit einem Mal klingt er nicht mehr entrüstet, sondern wehmütig. 

Ich muss wieder an einen Satz aus Matusseks Heine-Text denken: “Das ist Heine, und so sind alle Journalisten nach ihm: empfindlich und blutrünstig zugleich.”

Matussek wechselte vom “Spiegel” zur “Welt”. Dort habe er es sich jedoch schon mit einem seiner ersten Texte mit den Verantwortlichen verscherzt, sagt er. Seinen Text “Ich bin wohl homophob und das ist auch gut so”, der satirisch gemeint gewesen sei, habe man ihm übel genommen.

Ulf Poschardt wollte mich ausräuchern wie einen schlechten Voodoo-Geist. Matthias Matussek

“Die haben nur nach einem Grund gesucht, mich rauszuschmeißen”, behauptet er. “Deshalb hat Ulf Poschardt sich die Geschichte ausgedacht, ich hätte ihn ein Arschloch genannt. Das war frei erfunden. Der wollte mich ausräuchern wie einen schlechten Voodoo-Geist.”

Wer bei Poschardt nachfragt, hört eine andere Geschichte. “Das ist kompletter Unsinn!”, lässt sein Sprecher ausrichten. “Ulf Poschardt hat weder gelogen, noch etwas frei erfunden. Für uns ist das Kapitel abgeschlossen und wir werden dazu auch keine weiteren Kommentare abgeben.“

Doch nach Matusseks eigenen Aussagen war er bei der “Welt” das Opfer, das schlecht behandelt wurde. Heute hat er nur noch Spott für die Tageszeitung übrig. “Die haben nur noch eine Auflage von 11.000 am Kiosk. Wer für die ‘Welt’ schreibt, schreibt auch unter Ausschluss der Öffentlichkeit”, sagt er.

Dass die “Welt” pro Monat rund 20 Millionen Leser im Netz erreicht, scheint ihn nicht zu kümmern. 

Nachdem er bei der “Welt” aufgehört hatte, begann Matussek, öffentlich für die AfD aufzutreten. Jetzt war Matussek wieder der Außenseiter, als der er sich immer schon am wohlsten fühlte.

Im Traum “als Anhänger für das Gute gestorben” 

“Mit dem allergrößten Erfolg verabschiedet er sich aus der Gesellschaft, um sie nur noch schärfer ins Visier zu nehmen”, schreibt Matussek über Heine.

Und das tat auch Matussek selbst. Wohl am schärfsten, als er vor den rund 200 Menschen vor dem Hamburger Dammtor-Bahnhof auf Bierkisten stand und immer wieder “Widerstand” in die Menge rief. Auf Twitter brach ein Shitstorm gegen Matussek los, Journalistenkollegen zeigten sich fassungslos.

Ich wollte schon immer die Massen aufwiegeln wie Lenin. Matthias Matussek

“Klar würde ich das nochmal genauso machen. Warum denn nicht?”, sagt er heute über diesen Auftritt.

“Ich wollte schon immer die Massen aufwiegeln wie Lenin und auf der Ladefläche eines LKWs stehen. Das war ein Traum von mir.”

Schon als Teenie habe über seinem Bett das Poster von Lenin mit der Baskenmütze gehangen. In seinen Träumen sei er “als Anführer für das Gute gestorben”.

Popstar der AfD und gleichzeitig für das Gute sterben wollen, Matussek liebt die Herausforderung.

“Zwischendurch musste ich lachen, während ich da auf den Bierkisten stand. Das ist ja genau wie das Lenin-Plakat in den 50er-Jahren, ist mir bewusst geworden. Ich bin fast geplatzt vor Lachen.” In Erinnerung daran kichert Matussek immer noch vor sich hin.

Er ist der Meinung, dass die AfD vor allem deshalb so viele Kritiker hat, weil die Partei nicht die Meinung der Mehrheit vertritt. Und weil es als “uncool” gelte, rechts zu sein, weil man “dann gleich ein Nazi” sei. Er findet es sogar übertrieben, dass die AfD als rechtspopulistisch gilt.

“Was ist denn populistisch?”, fragt er, wieder mit erhobener Stimme. “Merkel ist auch populistisch. ‘Wir schaffen das’ ist auch populistisch!”

Viele Menschen würden die Augen vor der Wahrheit verschließen. Das Straßenbild werde mehr und mehr von langbärtigen Männern und verhüllten Frauen geprägt. “Gehen Sie mal nach Kreuzberg oder Neukölln”, sagt er.

Unser Taxifahrer ist ein Flüchtling aus Bosnien 

Der Zug hält in Kiel. Matussek und ich gehen zum Taxi-Stand.

Unser Taxifahrer ist ein Flüchtling aus Bosnien.

“1993 bin ich nach Deutschland gekommen. Ich musste in einem Haus in einem Problembezirk leben, in dem ich ständig beklaut wurde”, erzählt er.

“Das ist das Problem”, sagt Matussek mit selbstgefälligem Unterton. “Man muss sich gut überlegen, wen man hier nach Deutschland reinlässt und wen nicht.”

“Das stimmt”, sagt der Taxifahrer. “Aber es ist schwer für die Menschen. In Bosnien scheint immer noch nicht die Sonne, um es so auszudrücken.”

“Nicht?”, fragt Matussek.

“Viele Menschen leben auf der Straße, besaufen sich aus Frust, haben ausgefallene Zähne.”

“Ach ja? Fürchterlich. Fürchterlich”, sagt Matussek.  

“Natürlich ist das fürchterlich”, sagt der Bosnier. Er scheint Matussek die Gleichgültigkeit genauso anzuhören wie ich. “Und dann in Deutschland denkt man, man hat es besser. Ich habe angefangen auf einem Schiff zu arbeiten und habe mir Klamotten gekauft, dann komme ich von der Arbeit und es war alles weg.”

“Fürchterlich, fürchterlich”, wiederholt Matussek.

Matussek: “90 Prozent der Flüchtlinge sind Analphabeten”

“Man müsste Ankerzentren einrichten, Personalien feststellen, diejenigen zurückschicken, die aus Drittländern gekommen sind. Am besten wäre ein Einwanderungsgesetz. So funktioniert das einfach nicht. Die Grenze nach zehn Tagen nicht zu schließen, war unverantwortlich von Merkel.”

“Ich finde die, die qualifiziert sind, sollten hier bleiben”, erwidert der Bosnier.

“Wenn die qualifiziert sind, klar. Aber 90 Prozent sind nicht qualifiziert. 90 Prozent sind Analphabeten”, behauptet Matussek. Obwohl eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung etwas ganz anderes zeigt. Demnach haben rund 60 Prozent der Flüchtlinge einen Schulabschluss.

Matussek hält das für Unsinn. Er ist der Ansicht, dass Statistiken nichts aussagen. Um zu zeigen, wie gefährlich Flüchtlinge sind, argumentiert er trotzdem mit der Kriminalstatistik.

“Mich wollten sie auch abschieben”, sagt der Bosnier. “Nein, du kannst nicht in die Schule. Nein, du kannst nicht als Busfahrer arbeiten, du sprichst zu schlecht Deutsch, haben sie mir gesagt.”

Sein Deutsch ist gut. Er fährt fort: “So wird es aber nicht besser. Wenn man immer sagt: Nein. Man muss denen helfen. Viele sind sehr ehrgeizig, wollen lernen.”

“Viele haben gar kein Interesse, zur Schule zu gehen”, widerspricht Matussek. “Über die Hälfte brechen die Sprachkurse ab, obwohl sie angeboten werden.”

Tatsächlich zeigt eine Bamf-Statistik: Nur etwa die Hälfte der Flüchtlinge, die einen Integrationskurs des Instituts belegen, schließen diesen auch erfolgreich ab. Das liegt oft aber weniger daran, dass sie kein Interesse haben, sondern daran, dass viele von ihnen mehrmals umziehen oder abgeschoben, krank oder schwanger werden. 

“Wäre schön, wenn Flüchtlinge nach zwei Jahren was könnten”

“Es geht alles zu langsam voran”, sagt der Taxifahrer. “Die meisten Flüchtlinge wollen, dass alles so schnell wie möglich voran geht. Die Menschen nehmen sich viel vor.”

“Es wäre schon ganz schön, wenn die Leute, die hierher kommen, nach zwei Jahren etwas Deutsch könnten”, sagt Matussek. Als wäre das nicht der Fall. Der Taxifahrer wird so wütend, dass er auf dem Weg zum Kieler Landtag fast einen Fahrradfahrer überfährt. Der zeigt ihm zu Tode erschrocken einen Vogel und radelt schnell davon.

Auch Matussek wird während der Fahrt angespannter. Ob es wegen des Bosniers oder seines bevorstehenden Auftritts ist, ist schwer zu sagen. Seinen Schmaucher nimmt er in immer kürzer werdenden Abständen in den Mund.

Als wir aussteigen, tastet er nervös seine Taschen ab. “Wo ist mein Schmaucher? Wo ist mein Schmaucher? Jetzt sag nicht, ich hab den vergessen…”

Er findet den Schmaucher tief in seiner Anzugtasche. “Da ist er ja. Ein Glück.”

Wir werden vom AfD-Vorsitzenden Schleswig-Holsteins, Jörg Nobis, und dessen Referent Julian Flak begrüßt. Erst denke ich, dass er kleine Hunde auf seiner Krawatte trägt, aber es sind viele kleine Veilchen.

Ihr Büro ist klein und hell. An den Wänden hängen Karten mit Schifffahrts-Routen. Nobis war mal Seefahrer, erfahre ich.

“Wir brauchen die richtige Zuwanderung” 

Matussek ist jetzt wieder entspannt. Er lehnt sich im schwarzen Ledersofa zurück. Die drei scherzen miteinander, überlegen, was ich wohl wählen würde. Grüne wegen meiner Blumen-Stickerei auf der Jacke oder doch eher FDP?

Der Referent schenkt mir spaßeshalber eine kleine Deutschland-Flagge, die ich an meine Bluse pinnen soll, damit ich “nicht mehr so nach Grünen-Wählerin” aussehe.

Wenige Minuten später hat er schon wieder eine neue in seinem Knopfloch.

“Ich habe immer ein paar Flaggen dabei”, sagt er stolz.

Die kommenden Minuten geht es um die Themen Zuwanderung, Nationalstolz und wie unfair die AfD angeblich in den Medien behandelt wird.

Die AfD-Männer sind sich einig: Es sei unfassbar, dass Mitglieder der AfD als Nazis beschimpft würden. Sie selbst seien schließlich lange im Ausland gewesen und seien nicht fremdenfeindlich. Es gehe ihnen einfach “um die richtige Zuwanderung” – und um Nationalstolz. Der ist auch Matussek wichtig.

“Deutschland hat doch wirklich eine große Geschichte mit vielen beglückenden Figuren”, sagt er. 

Dann ist es Zeit für seinen Aufritt. Matussek ist wieder leicht angespannt, nimmt einen Zug aus seinem Schmaucher. 

Matussek: “Das ist wie West-Fernsehen für uns” 

Der Kieler Landtag wirkt gegenüber dem Hamburger Rathaus fast schon steril. Der Vortragsraum ist schmucklos. Nur die Köpfe im Saal sehen ähnlich aus: viel grau, wenig Haare.

“Die Terrorgefahr ist zum Alltag geworden. Nichts ist mehr so wie es einmal war”, leitet Nobis den Vortrag ein. Es gibt Beifall. Er wird noch lauter, als Matussek mit seiner Rede beginnt.

Amelie Graen
Er wirkte fahrig: Matthias Matussek (in der Mitte) bei seinem Vortrag in Kiel. 

“Ich war mal der Liebling des Feuilletons. Jetzt kritisiere ich nicht mehr das DDR-Regime, sondern unser Regime.” Vereinzeltes Gelächter.

Doch dieses Mal hallen seine Sätze nicht im Raum wider. Er selbst ist durcheinander und fahrig. Immer wieder verspricht er sich, muss neu ansetzen. “Das ist mir jetzt so peinlich”, sagt er.

Doch auch in Kiel gibt es viel Applaus und Gelächter. Matussek schimpft über die Medien, den Einheitsbrei. Die Verlage würden die Blattlinien vorgeben. Als Lektüre empfiehlt Matussek “Tichy’s Einblick” und “Die junge Freiheit”. “Das ist so wie damals West-Fernsehen für uns”, sagt er.

“Die jungen Spiegel-Journalisten sind so rührend, so süß, wie sie denken ‘Jetzt wollen wir dem Trump noch mal eins auswischen.’ Die schreiben sich ihre Welt zurecht. Die gehen blind durch ihren Tunnel weiter.”

“Hör auf dein Herz”, rät mir ein AfDler

Auch nach diesem Auftritt tummeln sich die Fans vor Matusseks Tisch, auf dem er Bücher signiert. Ihm gegenüber stehen junge Mitglieder der “Jungen Alternative”, der Jugendorganisation der AfD.  

“Was hat dich denn zur Jungen Alternative getrieben?”, frage ich einen von ihnen.

“Die Grünen, die FDP, die SPD und die CDU”, sagt er trocken.

Er dürfte der Jüngste an diesem Abend sein. Die restlichen Gäste sind, wie in Hamburg, hauptsächlich zwischen 50 und 70.

Wir sind die normalen Menschen. AfDler auf der Matussek-Veranstaltung

“Wir sind die normalen Menschen”, sagt mir einer von ihnen. “Alles andere sind Gutmenschen.”

“Woran erkennt man einen normalen und einen Gutmenschen?”

“Hör einfach auf dein Herz”, sagt mein Gegenüber.

“Oder auf Matussek”, sagt ein anderer.

“Matussek hat für dich den gleichen Stellenwert wie dein Herz?”

“Na ja, er weiß ja, was er sagt, er ist Journalist.”

“Aber ich dachte, Journalisten kann man nicht trauen?”

“Matussek schon, denn der hat beim Spiegel gearbeitet. Die machen Fact-Checking.”

Matussek verteilt sogar Erziehungs-Tipps 

Hinter mir holt sich eine Mutter sogar Erziehungsratschläge von Matussek.

Ihre Kinder würden Flüchtlingen helfen, erzählt sie ihm. Das fände sie “eigentlich eine gute Sache”. Aber das Problem sei, dass ihre Kinder nun denken würden, dass alle Flüchtlinge aufgeschlossen, lernbereit und nett seien, weil ihre Kinder nur aufgeschlossene, lernbereite und nette Flüchtlinge kennengelernt hätten. Die Ironie ihrer Sätze scheint ihr nicht aufzufallen.

“Die verstehen die Positionen der AfD gar nicht”, klagt sie.

“Da muss man hart bleiben”, sagt Matussek. “Mein Sohn sagt mir immer, ich soll mich nicht einschüchtern lassen. Und ich liebe meinen Sohn sehr.”

Die Frau strahlt ihn an. “Ich liebe meine Kinder auch sehr”, sagt sie.

Unter den Kieler Gästen wird mir noch mehr als in Hamburg klar: Matussek ist bei der AfD ein Star. Nicht nur auf der Bühne, auch hinter den Kulissen wird er behandelt wie ein Promi, ein großes Vorbild. Wie jemand, dem man vertraut, von dem man sich sogar Erziehungsratschläge geben lässt.

Als ich mich verabschiede, küsst Matussek mir die Hand. Ich kann nicht anders als das Gesicht zu verziehen. Ich erkläre ihm, dass ich es seltsam finde, wenn Männer Frauen heutzutage noch die Hand küssen.

“Ja?”

Matussek sieht nachdenklich aus, fast ein bisschen besorgt. Es ist ihm definitiv nicht egal, wie er auf andere wirkt, denke ich in diesem Moment.

Es ist einer von zwei Momenten, in dem Matussek an diesem Tag nicht vollkommen von sich und seiner Mission überzeugt wirkt.

Der andere ereignete sich kurz vor seinem Auftritt in Kiel. “Wir stehen auf der richtigen Seite der Geschichte”, hatte der AfD-Mann Nobis da zu ihm gesagt.

Matussek hatte daraufhin nur nachdenklich gesagt: “Ich hoffe. Ich hoffe.”